Jürgen Vogel: „Ich habe keine Zeit für Burnout!“

Jürgen Vogel: „Ich habe keine Zeit für Burnout!“
22.10.18

Schauspieler Jürgen Vogel erzählt im Audible Original Podcast „Frau Bauerfeind hat Fragen“ vom Älterwerden und Jungbleiben. Und von einem Mofa-Diebstahl.

Im Audible Original Podcast „Frau Bauerfeind hat Fragen“ begrüßt Gastgeberin Katrin Bauerfeind in jeder Folge einen anderen prominenten Gast – und löchert diesen mit einem eigens entwickelten 30 Fragen langen Fragebogen. Diesen beantwortet der Gast vorab per E-Mail und dann werden die Antworten gemeinsam analysiert – vor Publikum bei der Podcast-Aufzeichnung im Pfefferberg Theater in Berlin.

Auch Schauspieler Jürgen Vogel war schon da und berichtete unterhaltsam von Vaterfreuden und Älterwerden, von seinen Kindermodelerfahrungen im OTTO-Katalog (damals noch mit langen Haaren) und von einem verunglückten Mofa-Diebstahl. Lest die besten Antworten hier im Audible Magazin und hört die ganze Folge direkt bei audible.de: Frau Bauerfeind hat Fragen, Folge 11: Jürgen Vogel

Katrin Bauerfeind: Wir starten gleich mit meinem Fragebogen und der Frage „Was haben deine Eltern sehr gut gemacht?“. Deine Antwort darauf war „Mich ernährt“. Das ist einerseits sehr viel, es klingt aber andererseits auch nach reichlich wenig. Ist das ein Kompliment oder ein Vorwurf?

Jürgen Vogel: Irgendwie beides. Ich hatte eine interessante Kindheit. Ich durfte relativ viel machen, ohne, dass ich kontrolliert wurde. Ich habe auf mich selber aufgepasst – und meine Eltern haben für die Ernährung gesorgt. Man sieht ja das Ergebnis: Ich bin ein ziemlich großgewachsener Mann! 1,70 Meter und das muss man in meiner Gegend erstmal erreichen.

Ohja, das muss man erstmal hinkriegen.

Und dazu muss ich sagen, ich bin in meiner Familie der Größte. Meine Mutter ist 1,52 Meter. Mein Vater war 1,69 Meter und ich bin 1,70 Meter.

Echt?

Krass, oder?

Da hast du es am weitesten gebracht in deiner Familie. Du bist über die anderen hinausgewachsen.

Mit den Haaren war ich sogar 1,72 Meter. Ich hatte ja mal Haare und so. Ich habe ja im Otto-Versand angefangen. Als Kindermodel. Ich sah aber aus wie ein Mädchen.

Wegen der Haare?

Ich hatte sehr schöne Haare. Und ich sah wirklich aus wie ein Mädchen. Als ich mit 16 oder so nach Berlin gekommen bin, hieß es beim Bäcker wirklich: "Lassen Sie doch das junge Mädchen vor." Das war für einen pubertierenden Jungen eine Katastrophe.

Wie war diese Zeit in deinem Leben für dich? Als du Mädchen warst?

Wenn du eigentlich cool sein möchtest und auch so ein bisschen gefährlich aussehen willst, ist das nicht unbedingt förderlich.

Gefährlich aussehen, genau. Das ist auch eine Antwort von dir im Fragebogen. Die Frage lautet: „Was wolltest du als Jugendlicher werden und wie hast du es dir damals vorgestellt? Und du hast geantwortet: „Gangster“. Was wolltest du als Gangster genau machen?

Alles. Ich wollte eigentlich alles. Aber ich weiß noch eine meiner kriminellen Geschichten: Ich habe mal versucht, ein Mofa zu klauen.

Ein Mofa?

Ich weiß noch, als ich dann irgendwo so stand und sagte: "Die Mofa will ich haben!" Und dann haben wir halt irgendwie dieses Schloss durchgeknackt und ich hatte diese Mofa schon in der Hand und schiebe die schon weg, als der Besitzer aus der Tür kommt. "Hey, was machst du da?" Und dann kommt der auf mich zu und ich lasse die Mofa fallen, weil ich denke, dass der die auffängt und ich dann rennen kann. Das war so geil, weil ich wirklich noch wegrennen konnte, weil ich wirklich wusste, dass der die jetzt fängt.

Mofa ist wichtiger als du quasi.

Ja. Was aber wirklich blöd war - das war ein Nachbar von mir. Und die wussten natürlich sofort, dass ich das war. Ich hätte gar nicht wegrennen brauchen. So ein scheiß Stress. Aber wie doof von mir! Was habe ich mir denn dabei gedacht? Dass ich über die Straße gehe und eine Mofa klaue? In meinem Kiez! Also, aus meiner kriminellen Karriere ist nicht viel geworden, aber ich wollte Gangster werden. Also insofern habe ich alles versucht.

Jürgen Vogel zu Gast im Audible Original Podcast "Frau Bauerfeind hat Fragen"

„Warum war das Leben früher besser?“ ist eine weitere Frage und du hast als Antwort zurückgefragt: „War es das?“

Fand ich irgendwie ein bisschen clever.

Ja, auf jeden Fall. Deswegen habe ich gedacht, höre ich da auch nochmal nach.

Jetzt kommen wir Richtung Bildung.

Wir wollen auch mal auf deine intellektuelle Seite zu sprechen kommen. Hast du eine Zeit in deinem Leben, die am tollsten war? Oder eine Phase?

Ich war für Dreharbeiten in Thailand. Dort sind wir dann immer mit Rollern durch die Gegend gefahren. Das war ein Gefühl wie früher! Und danach bin ich nach Berlin zurück und habe gedacht, dass ich einen Roller brauche. Weil dieses Gefühl, wieder wie 15 zu sein, als ich mein erstes Mofa hatte und zu den Mädels sagte: "Wenn du willst, kannst du mitfahren". Ich bin zur Schule gefahren damit und kam mir echt geiler vor als alle anderen. Dieses Gefühl habe ich immer, wenn ich auf einem Roller sitze. Es ist total albern. Und dann riechst du die Luft so klar, zum Beispiel, wenn es anfängt zu regnen. Der Straßenbelag fängt an zu riechen. An den Hecken vorbei, wenn Frühling ist. Und dieses Gefühl, Gas zu geben und zu fahren, das erinnert mich an früher. Das war eine ganz geile Zeit. Wo man Gerüche wahrgenommen hat.

Du hast dir also tatsächlich nochmal ein Mofa gekauft?

Ja, klar. Dieses Gefühl, dass ich da draufsteige und mir wieder vorkomme wie 15 ist irgendwie ganz geil.

Ohne Mofa früher, da ging ja sonst auch nichts mit den Mädels, oder?

Auf jeden Fall warst du ein bisschen weiter vorne, wenn du so eine Mofa hattest. Mofa fahren hält mich frisch. Das und meine fünf Kinder. Da hat man ja keine Chance, älter zu werden.

Glaubst du wirklich, dass du dir das bewahren kannst? Also sagen wir mal, in 30 Jahren oder so, sitzt du da immer noch und dann wirst du immer noch sagen: Jürgen Vogel ist im Prinzip 15 geblieben?

Ein bisschen was von diesem „Kind sein“ beizubehalten, das ist super wichtig. Besser, als wenn man irgendwann anfängt, ein bestimmtes Alter zu haben und das zu betonen. Es gibt ganz viele Leute, die sagen: „Ich bin 40, ich muss mir doch jetzt das nicht mehr reinziehen.“ Oder: „Wie reden Sie mit mir? Ich bin 50.“ Das heißt gar nichts. Innen drin bist du 15! Nur der Körper wird älter. Ich glaube, so lange es geht, sollte man einfach immer weitermachen oder es versuchen. Wenn es nicht mehr geht, dann gibt es irgendeinen anderen Scheiß, den du machen kannst.

Wie halten dich deine Kinder jung?

Ich bin mit 20 Jahren Vater geworden. Sehr früh. Alle haben gedacht, ich habe ein Kind entführt, wenn ich auf dem Spielplatz war. Ich sah ja immer schon ein bisschen so aus als ob… Und zu der Zeit, meine Tochter kam 1989 zur Welt, sind echt wenig Väter auf dem Spielplatz gewesen. Da war das nicht so wie jetzt im Prenzlauer Berg. Da sind ja nur noch Typen, die da auf den Spielplätzen sitzen, weil sie eigentlich Grafikdesign machen und sich die Zeit selber einteilen. Und da sitze ich dann und rede mit den anderen Vätern, zum Beispiel übers Essen: „Ja, wir haben jetzt umgestellt auf vegan und das mit den Blähungen ist am Anfang ein Problem, aber danach irgendwann stellt sich der Körper auch auf das Gemüse ein.“ – „Okay. Merkt man bei uns noch nicht.“ Ich habe ja mein Leben auf Spielplätzen verbracht. Gefühlt.

Okay, das ist der Trick. Von dir, lieber Jürgen kommt ja auch ein Satz, den ich nie vergessen werde: "Ich bin Vater von fünf Kindern. Ich habe keine Zeit für Burnout." Das finde ich einen schönen Satz. Noch einen schönen Satz gab´s auf meine Frage, ob du im Leben mehr gescheitert bist oder mehr gewonnen hast. Deine Antwort: „Mehr gewonnen – auch durch das Scheitern.“

Definitiv. Ich habe 120 Filme gedreht. Davon waren 80 Flops. Aber bei uns als Schauspielern ist es ja so, dass du damit lebst. Um ganz ehrlich zu sagen, solche Überlegungen, ob Scheitern oder Gewinnen, die habe ich gar nicht. Ich denke jeden Tag, wie geil das ist zu leben. Ich komme aus einer echt einfachen Familie. Wir haben wirklich wenig Geld gehabt. Ich bin in so einer Plattenbausiedlung groß geworden. Ich habe für mich eine gute Jugend gehabt. Und ich habe noch Geschwister. Ich bin gesund. Ich habe fünf tolle Kinder. Es gibt keinen Grund für mich, über Scheitern nachzudenken. Weil ich auch ein echt tolles, geiles Leben habe. Ich habe ja auch noch diesen Beruf. Und ich glaube, es gibt einen Tipp, den ich den Menschen geben kann. Deine Eltern sind nun mal dein Role Model. Du kommst aus der Welt deiner Eltern. Deine Eltern haben dich gemacht. Du bist irgendwie in dieser Sozialisierung groß geworden. Das ist deine Basis. Und wenn du überlegst, dass du in deinem Leben mehr gesehen hast, schönere Dinge erlebt hast, mehr erreicht hast – und damit meine ich nicht Geld – als das, wo du eigentlich herkommst, dann musst du glücklich sein. Du bist ja in diese Wiege gelegt worden. Das ist die Basis, die Grundvoraussetzung. Das ist deine Wurzel, wo du herkommst. Und wenn du da mehr Blüten hast als da, wo du herkommst, dann musst du glücklich sein. Meine Eltern, das sind meine Vorbilder gewesen. Deswegen bin ich auch nie neidisch, wenn Leute mehr Erfolg als ich haben. Weil ich immer denke: Da, wo ich herkomme und da, wo ich jetzt bin, das ist so eine Diskrepanz und ich habe so viele Dinge anders gemacht als das, was ich kenne oder wo ich groß geworden bin, dass ich denke, das ist so viel mehr und so schön, da brauche ich nicht über Scheitern nachdenken. Da gibt es kein Scheitern. Das ist an sich schon ein Gewinn, weil ich einfach viel glücklicher bin als mein Vater das je war. Ich habe auch viel mehr gesehen als mein Vater je gesehen hat. Und danach kann ich mich ja nur messen. An wem soll ich mich denn messen? An irgend so einem Multimilliardär aus Hollywood oder an dem Typen, der Facebook erfunden hat? Das sind ja nicht meine Vorbilder.

Erzählt viel in Folge 11: Jürgen Vogel

Nächste Frage: „Dein persönlich größter Erfolg?“ Und da hast du geantwortet: „Meine Kinder aufwachsen sehen.“ Ist das das Wichtigste in deinem Leben? Ist das auch das, was bleiben wird?

Ja, was soll ich denn jetzt sagen? Ich weiß nicht, wie das für andere ist. Man wünscht sich etwas. Ich wollte immer Schauspieler sein und dann wollte ich auch ein toller Schauspieler sein. Ich wollte irgendwas Besonderes machen. Ich wollte tolle Filme spielen und so. Und ich habe ja in meinem Leben wirklich schon ganz schön viel erreicht und hatte auch viel Glück. Ich habe tolle Sachen machen dürfen, geile Rollen gespielt und so. Und trotzdem ist es so: Glücklich macht dich das nicht.

Echt nicht?

Nein. Es gibt keinen Beruf, der dich in dem Sinne glücklich macht. Nicht alleine. Genauso wie Kinder dich alleine nicht glücklich machen. Aber wenn man so am Schluss guckt, was im Leben wirklich wichtig ist, dann ist es für mich nicht unbedingt ein Film. Dann denke ich, wenn ich meine Kinder aufwachsen sehe und mit denen rede… Dann ist man stolz und überrascht. Das ist was, wo ich wirklich für mich denke, in erster Linie bin ich Vater und nebenbei bin ich Schauspieler. Und damit versuche ich mir das alles zu finanzieren, dass ich diese Urlaube und dieses ganze Theater irgendwie hinkriege. So wie jeder andere Mensch letztendlich auch.

Die ganze Folge kannst du hier hören:

Frau Bauerfeind hat Fragen, Folge 11: Jürgen Vogel (für Audible-Abonnenten und im Probemonat kostenlos)