Von der Angst, die eigene Identität zu verlieren

Christian Handel | 23.03.21

Wir lieben Dystopien. Selbst in herausfordernden Zeiten wie diesen. Sie zeichnen erschreckende Zukunftsvisionen und ermahnen uns, gut darüber nachzudenken, welchen Preis wir für scheinbare Sicherheit zu zahlen bereit sind. Vor allem aber wagen sie eins: Sie thematisieren unsere Ängste.

Dystopien sind nach wie vor Dauerbrenner. Vor kurzem schickte Netflix "Tribes of Europa" ins Rennen, im Dezember 2020 verlängerte Hulu seine Hit-Serie "The Handmaids Tale" um eine fünfte Staffel und gerade startete zumindest in den amerikanischen Kinos die Verfilmung von Patrick Ness‘ Bestseller Chaos Walking.

In seinem international gefeierten Jugendroman greift der britische Autor mehrere ernste Themen auf. Eines davon ist die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität – ein Motiv, das in dystopischen Geschichten regelmäßig wiederkehrt. In der Hoffnung, dass das Publikum daraus etwas für das eigene Leben und die Gegenwart lernt.

Ob die Verfilmung von Patrick Ness postapokalpytischem Action-Abenteuer tatsächlich im April auch bei uns anlaufen wird, bleibt aufgrund der aktuellen Lage ungewiss. Für ordentlich Kino im Kopf sorgt allerdings heute bereits die ungekürzte Hörbuchfassung, eingelesen von David Nathan.

Ein Leben ohne Privatsphäre

Todd, der 12-jährige Protagonist von Chaos Walking, wächst in einer Welt voller Lärm auf. Prentisstown ist die letzte Siedlung auf einem von Menschen kolonisierten Planeten, die nach einem Krieg gegen die außerirdische Rasse der Spackle noch übrig geblieben ist. Die Sieger zahlten für ihr Überleben jedoch einen hohen Preis: Die Spackle setzten vor ihrer endgültigen Vernichtung ein Virus frei, das den Menschen die Fähigkeit verleiht, die Gedanken aller Menschen und Tiere um sich herum zu hören. Und zwar rund um die Uhr, Tag und Nacht. Ohne Pause.

Chaos Walking. Das Hörbuch zum Film
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Hörbuch

Chaos Walking. Das Hörbuch zum Film

Geschrieben von:Patrick Ness
Gesprochen von:David Nathan
Spieldauer:12:25
Typ:Ungekürztes Hörbuch

In einem Interview verriet Patrick Ness (Sieben Minuten nach Mitternacht), dass ihn unter anderem das Problem der Informationsüberlastung zu seinem Roman inspirierte. „Die Welt ist bereits heute ein wirklich lauter Ort.“ Man kann kaum mehr das Haus verlassen, ohne jemandem über den Weg zu laufen, der in sein Telefon spricht. Er habe sich deshalb die Frage gestellt, wie es wäre, wenn man sich davor tatsächlich nicht schützen könnte.

„Was, wenn es überhaupt keine Privatsphäre gäbe?“ Gerade Jugendliche hätten in unserer Zeit davon weniger als zu irgendeinem anderen bisherigen Zeitpunkt in der Geschichte der westlichen Welt.

Für die Bewohner von Prentisstown ist ihre Fähigkeit, den „Lärm“ der anderen Menschen zu hören, mehr Fluch als Gabe. Wenn man nicht aufpasst, verliert man in den Gedankenströmen, die ständig von außen auf einen einprasseln, das Gefühl für die eigene Identität. Es ist schwierig, fast unmöglich, ein Geheimnis für sich zu behalten. Vor allem ein großes Geheimnis, dass über das Schicksal eines ganzen Ortes entscheiden kann.

Eine Welt ohne Frauen

Der Lärm ist jedoch nicht das einzige Unglück, dass die Spackle im Buch über die Menschen gebracht haben. Das Virus, das den Lärm verursacht, tötete alle Frauen. Todd kennt sie nur aus alten Videoaufnahmen und aus den Erinnerungen der anderen Stadtbewohner.

Das ändert sich, als er in den Sümpfen auf einmal einem Mädchen begegnet: Viola. Und plötzlich beginnt er zu begreifen, dass Prentisstown auf einer gewaltigen, schrecklichen Lüge aufgebaut wurde. Und diese Entdeckung zwingt ihn dazu, um sein Leben zu rennen …

Chaos Walking setzt zwar auf den ersten Blick vor allem auf Action. Die düstere, mitunter brutale Geschichte beschäftigt sich jedoch auch stark mit Themen wie Sexismus, Rassismus und Kolonialisierung. Todd und Viola kämpfen gleichberechtigt Seite an Seite in einer Welt voller Monster ums nackte Überleben.

Die Angst vor dem Anderen

„Das größte Monster, dem sich Menschen stellen müssen“, erklärt Patrick Ness, „ist unsere Unfähigkeit, Unterschiede einfach nur als Unterschiede zu betrachten.“ Er betont, dass wir Unterschiede immer bewerten – auf die eine oder andere Weise. Entweder halten wir das, was uns anders erscheint, für besser oder für schlechter. Und das ist es, was uns im Laufe der Geschichte seiner Meinung nach so viele Schwierigkeiten beschert hat.

Das Individuum, das sich anders verhält als die gleichgeschaltete Gesellschaft, ist ebenfalls ein beliebtes Thema in Dystopien. Katniss Everdeen gewinnt zwar die 74. Hungerspiele, weil sie den Mut hat, sich nicht den Regeln des Systems zu beugen. Genau das kostet sie jedoch im zweiten Panem-Roman beinahe das Leben.

Tris Prior muss vor ihren Mitmenschen in Divergent um jeden Preis verstecken, dass sie eine „Unbestimmte“ ist: jemand, der nicht eindeutig zu einer der fünf Fraktionen zugeordnet werden kann, in die die Menschheit sich selbst inzwischen einteilt. In GRM. Brainfuck versucht die Stadt London in einer nahen Zukunft ihre Bewohner dahin gehend gleichzuschalten, dass Bürger zwar ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Jedoch nur, wenn sie sich einen Chip einpflanzen und somit rund um die Uhr überwachen lassen.

Der Report der Magd erschreckt in seiner realitätsnahen Darstellung eines christlich-fundamentalistischen totalitären Staates. Besonders ins Auge fällt die furchterregende Unterdrückung der Frauen und die Reduzierung einer rechtlosen weiblichen Minderheit auf ihre Fähigkeit, Leben zu gebären.

Ebenso unerträglich ist jedoch die Unfähigkeit der „rechtschaffenen“ Staatsbürger, Andersartigkeit als eine Bereicherung anzuerkennen. Oder dieser überhaupt eine Daseinsberechtigung zuzugestehen – ein Motiv, das uns selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft immer wieder Sorge bereitet. Auch jetzt, weil politische Stimmen die Grenzen individueller Freiheit attackieren oder zumindest in Frage stellen. Dass einige Pressestimmen Margaret Atwoods Roman als „prophetisch“ bezeichnen, verstärkt die Beunruhigung, die vom Report der Magd ausgeht, nur noch mehr.

Was können wir von Dystopien lernen?

Das Literaturgenre Dystopie ist verhältnismäßig jung. Die ersten Geschichten, die ihm zugeschrieben werden, stammen aus der Zeit der industriellen Revolution. Das ist wenig überraschend, wenn man sich die Themen ansieht, mit denen sich dystopische Hörbücher oft beschäftigen.

Abgesehen von vielen neueren Vertretern dieser Literaturgattung im Jugendbuchbereich enden die meisten Dystopien mit dem Scheitern ihrer Heldinnen und Helden. Sie verstehen sich als Mahnungen und Warnungen.

Gerade in einer Zeit wie der unseren, in der äußere Umstände es erfordern, sich innerhalb eines starren Regelkorsetts zu bewegen, können sie uns lehren, dass wir bei aller Vorsicht eines nicht vergessen dürfen: Was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

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Faszination Dystopie: Das Ende ist nah...

… oder zumindest könnte man das glauben, wenn man sich ein beliebtes Genre der Weltuntergangsliteratur anschaut: In Dystopien werden düstere Zukunftsszenarien durchgespielt.