Christian Schwochow: „Es geht um Menschen im Rausch“

DE Interview Christian Schwochow
10.02.20

Investmentbanker dürfen nicht über ihre Arbeit reden. Dem Regisseur der ersten Staffel der TV-Serie „Bad Banks“, Christian Schwochow, gelang es doch, einen Blick in ihre schillernde Welt zu werfen.

Die erste Staffel der TV-Serie „Bad Banks“ war ein Ereignis, das im deutschen Fernsehen selten ist: Ganz nah an ihrer ambivalenten Heldin, der Investmentbankerin Jana, erzählt die Serie packend von unserem Finanzsystem. Und davon, wie es im Jahr 2008 spektakulär in sich zusammenkrachte. Es geht um Moral, es geht um Millionen, um Macht und Manipulation. Vor allem aber geht es um Menschen, die sich in einer Welt behaupten müssen, in der niemand Zeit für Skrupel hat.

Kritiken und Zuschauerzahlen waren überragend. Sowohl für den Regisseur Christian Schwochow als auch für das Buch und die Darsteller regnete es Lob und Preise. Am 6. Januar läuft die zweite Staffel bei arte an. Schon etwas früher, nämlich am 19. Januar, erscheint die erste Staffel der Hörspiel-Serie mit Original-Tonspuren exklusiv bei Audible. Ein guter Anlass, um mit Christian Schwochow über seine Recherchen in der Hochfinanzwelt zu sprechen.

“In ‚Bad Banks‘ wird der Geldwert zur Metapher für den Selbstwert“

Erinnerst du dich daran, wie du zum ersten Mal das Drehbuch zu „Bad Banks“ von Oliver Kienle gelesen hast? Was war dein erster Gedanke?

Da erinnere ich mich sogar sehr gut. Es gab erstmal nur das Drehbuch für die Pilotfolge und mein erster Gedanke war: Oh je, die Bankenwelt. Ich komme aus einem links geprägten Elternhaus und natürlich blühten da sofort gewisse Vorurteile und Klischees in meinem Kopf auf. Doch je mehr ich las, desto faszinierter war ich davon, wie Oliver es schaffte, mir diesen Kosmos nahe zu bringen. Diese adrenalingeprägte Arbeitswelt der Investmentbanken – das hat mich gepackt. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, es gehe bei dieser Geschichte im Grunde gar nicht um die Bankenwelt – es geht um Menschen im Rausch. Menschen, die mit einer Sucht kämpfen. In „Bad Banks“ wird der Geldwert zur Metapher für den Selbstwert. In dieser Geschichte steckt die Idee, dass der Mensch selbst nur eine Aktie ist. Was aber macht diese Vorstellung mit uns? Diese Fragen waren es, die mich angezogen haben.

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Bad Banks, Staffel 1. Das Hörspiel zur Serie

Autor:
Oliver Kienle, Edgar Linscheid
Sprecher:
Daniel Schütter, Paula Beer, Barry Atsma, Désirée Nosbusch, Albrecht Schuch, Mai Duong Kieu
Spieldauer:
4:51
Typ:
Ungekürztes Hörspiel

Du hast einmal verraten, dass du für deine Annäherung an das Thema ungewöhnliche Wege gegangen bist. Da die Mitarbeiter von Banken seit der Finanzkrise offiziell nicht mehr mit Außenstehenden über ihren Job sprechen dürfen, hast du dich heimlich mit Bankmitarbeitern getroffen. Erzählst du uns davon?

Es ist tatsächlich so, dass die Compliance-Auflagen innerhalb der Banken extrem verschärft wurden. Da gibt es fast so eine Art „bankinternen Geheimdienst“. Außenstehenden – zum Beispiel Journalisten – dürfen die Mitarbeiter kaum mehr etwas erzählen. Ich habe selbst eine Zeit lang als Reporter und Redakteur gearbeitet. Daher weiß ich ganz gut, wie ich trotzdem an die Informationen komme, die ich brauche. Mein Schlüssel zur Welt der Banken war eine Freundin, deren Onkel ein paar Filme von mir kannte. Der hat mir ein bisschen von seiner Arbeit erzählt und die ersten Kontakte hergestellt. So kam eine Kettenreaktion in Gang.

Hörbuch oder Film – was berührt mehr?

Du hast lange und intensiv in dieser Welt der Banken recherchiert – was hat dich daran so fasziniert?

Das Prinzip dieser Serie ist es, zu zeigen, dass unser Finanzsystem von Menschen gemacht wird – Menschen, die Sehnsüchte und persönliche Interessen haben, die Fehler machen, die moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen. Die Banker, mit denen ich in den folgenden Monaten gesprochen habe, waren glücklich, dass sie endlich mal jemandem von sich erzählen konnten. Für sie hatte das eine fast therapeutische Wirkung. So kam ich an sehr spezielle Informationen. Ich konnte in die Banken hinein und bekam einen guten Eindruck davon, in welcher Welt sich meine Figuren bewegen. Ich lernte extrem spannende Menschen kennen und erkannte, dass es „den Banker“ oder „die Finanzwelt“ überhaupt nicht gibt. Diese Begegnungen und Gespräche waren nie banal – im Gegenteil traf ich auf sehr intelligente Leute mit einem tiefen Verständnis für Kultur und politische Verhältnisse. Ich konnte nicht genug bekommen von dieser Recherche, weil ich in jedem Gespräch eine neue Facette dieser Geschichte entdeckte.

Was hat die Serie „Bad Banks“ für deine persönliche Laufbahn bedeutet?

„Bad Banks“ war meine erste Serie überhaupt – und dann waren die Bücher und die Produktion gleich so toll und auch die Zusammenarbeit mit dem ZDF so angenehm. Tatsächlich ist „Bad Banks“ dasjenige meiner Projekte, das sich am weitesten in der Welt verbreitet hat. Ich habe dabei auch viel über das serielle Erzählen gelernt. „Bad Banks“ hat meine ganze Karriere auf eine andere Stufe gehoben. So kam ich auch dazu, die Regie für zwei Folgen der dritten Staffel der Netflix-Serie „The Crown“ zu übernehmen.

Du bist bei der zweiten Staffel „Bad Banks“ nicht mehr an Bord – wie kommt’s?

Dieser Entscheidung ging ein längerer Prozess voraus. Ich habe unheimlich hart an der ersten Staffel gearbeitet. Außenstehende unterschätzen das meist, aber tatsächlich habe ich fast zwei Jahre meines Lebens mit diesem Projekt verbracht. Ich musste mir also genau überlegen: Möchte ich noch einmal eine so lange Zeit in der Welt der Hochfinanz verbringen – oder will ich mir andere Welten, andere Themen erschließen?

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Foto © Peter Hartwig, Kineofoto


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