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Der Distelfink von Donna Tartt

11.03.2014

Der Distelfink

Autorin: Donna Tartt Sprecher: Matthias Koeberlin Spieldauer: 33 Std 30 Min, ungekürzt

Einen Roman wie Der Distelfink zu rezensieren ist eine ziemliche Gemeinheit. Denn man fühlt sich wie ein frisch Verliebter, der nüchtern und pragmatisch herleiten soll, warum er denn verliebt ist. Und während einem noch der Kopf vor Begeisterung schwirrt, rudert man verzweifelt mit den Armen und stammelt hohle Schlagwörter wie „Meisterwerk“, „Bildungsroman“ und „Ausnahmeroman“ an die Noch-Nicht-Verliebten. An Der Distelfink ist so viel großartig, dass man sich zusammenreißen muss, um überhaupt einen Anfang zu machen.

Vielleicht anfangen bei der passenden Geschichte seiner Entstehung: Autorin Donna Tartt ist eine, vorsichtig ausgedrückt, behutsame Schriftstellerin. Im Schnitt benötigt Sie geschlagene zehn Jahre für einen neuen Roman, weshalb Der Distelfink, etwa 22 Jahre nach Erscheinen Ihres Debüts erst ihr drittes Werk ist. In einer fast schon archaisch langen Zeitspanne von elf Jahren, in der andere Schriftstellerkarrieren auf- und wieder untergegangen sind, schrieb Donna Tartt also beharrlich an ihrer Geschichte um einen mutterlosen Jungen und sein mit einem Gemälde verbundenes Schicksal. Das dabei ein sehr umfangreicher Roman herausgekommen ist, konnte man erwarten – das Hörbuch ist ganze 33 Stunden lang – dass es nicht eine überflüssige Sekunde in dem Roman gibt, weniger.

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Die Geschichte um den 13 Jährigen Theodore Decker beginnt mit einer Explosion: Im Metropolitan Museum of Art in New York, das er mit seiner Mutter besucht, reißt eine Terror-Attacke dutzende Menschen in den Tod. Auch Theodores Mutter wird getötet. Halb aus Versehen, halb aus dunkler Vorahnung nimmt er im entstandenen Chaos des zerstörten Museums ein kleines Gemälde des niederländischen Malers Carel Fabritius an sich – den namensgebenden Distelfinken. Mit dem Tod der Mutter beginnt für den jungen Theo eine haltlose, chaotische Odyssee. Als einzigen Halt und Verbindung zu seiner Mutter behält er das Gemälde bei sich, in ständiger Angst, dass der Kunstraub entdeckt wird.

Ab hier ist Der Distelfink die Geschichte eines verzweifelt nach Halt suchenden Lebens. Wohin es auch immer Theo verschlägt, das unerbittliche Schicksal war schon da. Von der gefühlskalten Welt einer High-Society-Familie zu seinem spielsüchtigen Vater bis hin zur drohenden Scheinwelt von Las Vegas: Nirgendwo kann Theo Luft holen, nirgendwo Tritt fassen und ankommen. Mit seiner Mutter ist auch jede Möglichkeit einer inneren Heimat gestorben. Und so weht er verzweifelt von Lebensstation zu Lebensstation, immer nahe an der kompletten Katastrophe.

Der Hörer und Theo finden gleichzeitig in dem Gemälde die einzige Konstante des Romans. Theos ganze Geschichte scheint in dem kleinen Gemälde vom gefesselten kleinen Vogel eingeschlossen zu sein, gemalt von einem alten Meister, der bei einer Explosion im 17. Jahrhundert ums Leben kam, nur sein Gemälde hinterlassend. Ein unscheinbares Meisterwerk, das ein zerbrechliches Wesen mit feinen Pinselstrichen für alle Zeit in seiner aussichtslosen Gefangenschaft festhält.

Donna Tartt hat mit Theo einen so lebendigen Protagonisten erschaffen, dass man ihn ständig aus dem Roman herausreißen, in sein eigenes warmes Wohnzimmer setzen und helfen möchte. Er ist ein Oliver Twist des 21. Jahrhunderts: Die Waise, deren Schicksal uns durch die gesamte moderne Gesellschaft führt und jeden rührt, nur nicht die Figuren in dem Roman den wir verzweifelt und auf ein gutes Ende hoffend zu Ende hören müssen.

Das der Protagonist und sein Roman so lebendig sind, ist das eigentlich Großartige an Der Distelfink. Donna Tartt hat die 11 Jahre der Entstehungszeit nicht für postmoderne Strukturen, Metafiktionale Querverweise oder stream-of-consciousness-Geschwurbel verwendet, sondern für etwas sehr, sehr Seltenes: Eine klassische literarische Geschichte, einfach und klar erzählt, die unterhalten und berühren möchte. Donna Tartts ist eine offensichtlich großartige Schriftstellerin, hält sich mit ihren Fähigkeiten, Tricks und Kniffen aber im Hintergrund. Ihr Roman ist fesselnder als jeder Thriller, ohne billige Spannungseffekte zu brauchen. Er ist tiefer und berührender als drei Klagenfurter-Literaturwettbewerbe zusammen, ohne den Hörer jemals vor den Kopf zu stoßen.

Der Distelfink ist einer dieser unfassbar seltenen Romane die große Literatur und große Unterhaltung verbinden, eine leidenschaftlich mitreißende Geschichte, in die sich absolut jeder verlieben kann und wird. Und alle werden sie nach diesem Roman etwas von „Meisterwerk“ stammeln und mit den Armen rudern, haltlos eifersüchtig auf jene, die sich noch nicht verliebt haben.

Hier geht es zum Hörbuch Der Distelfink von Donna Tartt.

Eine sehr ausführliche Rezension findet ihr auf dem Blog buchstapelweise.

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