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Der helle Wahnsinn – Das Verrückte in der Science Fiction

11.03.2013

Der helle Wahnsinn – Das Verrückte in der Science Fiction © rolffimages - Fotolia.com
Die Zukunft wird wahnsinnig!

„Im nächsten Jahrhundert fünfmal mehr Wahnsinnige!“ -Was sich wie die Schreckensmeldung einer einschlägigen Tageszeitung ließt, ist in Wirklichkeit eine Beschreibung unserer heutigen Welt – aus Sicht der Vergangenheit. Im schicken Bildband Die Welt in 100 Jahren aus dem Jahr 1910 wurden ranghohe Forscher eingeladen über die Zukunft zu spekulieren. In Hinblick auf die Zukunft des Wahnsinns sahen die Prognosen düster aus, zählte man doch zu den Formen geistiger Umnachtung neben Opium- und Haschischgebrauch auch Wein- und Biergenuss, wie auch den Konsum von „Erregungsmitteln des Geistes“ wie Kaffee oder Tee. Diese nämlich seien dazu im Stande „auf unsere Phantasie und die Sinne derart zu wirken“ das wir tiefgreifende psychische Störungen davon tragen können. An dem Beispiel wird deutlich, wie sehr die Definitionen von Wahnsinn an eine bestimmte Zeit gebunden sind.

Und wie ist es, wenn wir in die Zukunft schauen? In der Science Fiction wird die Frage nach dem Wahnsinn extrem häufig gestellt. Macht doch gerade das seltsame, strange und phantastische dieser Literaturgattung einen zentralen Reiz aus. Wie verrückt sind die Anderen Welten die wir in der Zukunft entdecken? Wie werden sie uns verändern? Ist unsere heutige Welt aus Sicht einer Zukünftigen nicht vielleicht selber reichlich verrückt und primitiv? Und welche Entwicklungen könnten unseren heutigen Horizont gänzlich sprengen?

Technik: Das Spiel mit dem Feuer Technik wirkt rückwirkend wie Magie. Durch sie werden wir schneller, besser, stärker. Aber halten wir das eigentlich aus? Vorreiter dieser Spekulation über Technik (= Science Fiction) sind zum Beispiel Mary Shelley (Frankenstein) und Jules Verne. Die Geschichte zeigt, dass um neue Techniken immer ein Nimbus des Unheimlichen besteht. Im Mittelalter waren die ersten Schmiede Geächtete, da sie auf unnatürliche Art und Weise mit Feuer arbeiteten (wie auch im Prometheus-Mythos, den Shelley in ihren Buchtitel einbaute).

Heute könnte man die Debatte um die Gentechnik nennen. Auch Shelley und Verne bedienten dieses Klischee und entwickelten einen Archetyp, der stilbildend für die Science Fiction werden sollte: den verrückten Wissenschaftler. Neben dem Namengebenden Doktor von Shelley trifft man bei Verne zum Beispiel Kapitain Nemo, der anarchische Kommandant der Nautilus, frühes Vorbild vieler technophiler Bösewichte, von Dr. Blofeld (James Bond) bis L. Bob Rife (Snow Crash).

Technik führt hier zu einer kulturellen Spaltung. Der avantgardistische Nutzer wird als verrückt angesehen – oder als unverstanden. Allerdings sind in vielen zeitgemäßen Zukunfts-Visionen nicht mehr unbedingt die Wissenschaftler die Bösen. Viel besser ist es doch, wenn die Technik selbst verrückt wird und sich das Monster gegen seinen Schöpfer wendet (zum Beispiel in Blade Runner, Terminator oder Das System).

Andere Welten: To boldly go where no man has gone before… Auch können wir durch Technik in unerforschte Gebiete vordringen. Ein weiterer guter Grund um wahnsinnig zu werden.

Beispiel Sternenreisen: endlos lange hat der Psychologe Kelvin gebraucht, um die verlassene Forschungsstation über dem unheimlichen Planeten Solaris zu erreichen. Nach kurzem Schlaf sieht er sich plötzlich seiner lange verstorbenen Frau gegenüber und führt mit ihr eine längere Unterhaltung. Ist er verrückt geworden oder spielt ihm der unerforschbare Planet einen Streich? Und wie kann er sich dessen, verloren im All, letztlich sicher werden?

Autor Stanislaw Lem, Meister menschlicher Erkenntnisgrenzen, lässt seinen Helden einen psychologischen Selbsttest entwerfen, in dem er die eigenen mathematische Berechnungen mit den Ergebnissen des Computers vergleicht und so feststellt, dass er zumindest noch einigermaßen „richtig“ tickt. Aber die Perspektive verschiebt sich. In anderen Welten wird gesunder Menschenverstand um einiges schwerer.

Immer wieder streift die Entdecker-Science-Fiction dieses Thema (ob in Star Trek oder Hyperion & Endymion). Früher oder später muss sich der Forschungsreisende fragen: bin ich verrückt geworden, oder ist es die Welt um mich herum? Was bedeutet Wahnsinn, wenn die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit erreicht werden? Wenn sich Naturgesetze als ungültig herausstellen? Am Ende findet der Mensch letztlich häufig nur sich selbst.

Danke für den Fisch Man sollte es mit Humor nehmen. (Denn was kennzeichnet einen Verrückten besser, als sein sonores Kichern?) Im unvergesslichen Klassiker von Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis wird es endlich klar: der Kosmos selbst ist der Fehler. Er ist definitiv verrückt! Die Antwort auf die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ ist 42, die Erde wird wegen einer galaktischen Autobahn gesprengt und das einzige was in dem ganzen Irrsinn noch hilft ist der Leitspruch des bekanntesten kosmischen Reiseführers: Keine Panik! Das bei all dem sinnlosen Wirrwarr selbst Roboter depressiv werden, war eigentlich klar. (Zu synthetischen Menschen mit nicht völlig einwandfreiem Geisteszustand siehe auch Red Dwarf.)

Dieweltinderweltinderwelt Einen neuen Kniff brachten die Fictionen des Cyberpunk mit sich. Hier führte die Reise nicht in Ferne Galaxien, sondern die neue Technik ebnete den Weg in den Inneren Kosmos. So ist es dem Datencowboy Case (Neuromancer) mithilfe einem Mensch-Computer-Interface möglich, sich in virtuelle Welten einzuklinken. Daraus entwickelt sich nicht nur ein neuer Datenkrieg, sondern auch eine neue Droge, die (wir erinnern uns an die Ideen von vor 100 Jahren) in den Wahnsinn führen kann – oder in eine neue Subkultur. Auf der anderen Seite stellen sich neue erkenntnistheoretische Probleme: in den virtuellen Welten ist alles möglich (wie zum Beispiel auch in Otherland oder The Matrix). Immer wieder werden Natur- und Erzählgesetze außer Kraft gesetzt, um Hauptfiguren und Leser gleichermaßen zu verwirren. Denn Realität findet nur im Auge des Betrachters statt. Es gibt keine äußere Realität und damit auch keinen Wahnsinn. Oder?

Paraspatial, Paranormal, Paranoid? Noch weiter trieben es nur die gänzlich Verrückten. Beeinflusst durch die Paranoia des Kalten Krieges und der Psychodelik der Hippie-Bewegung kamen Science-Fiction-Texte auf den Markt, die die Grenzen der Sinnhaftigkeit völlig hinter sich ließen. In Phillip K. Dicks Ubik geht alles durcheinander. In einer Zukunftswelt arbeitet ein Team von psychisch begabten Anti-Talenten für einen Großkonzern. Doch über der Mondoberfläche gibt es einen verblüffenden Unfall, der die Welt in einen Auflösungsprozess stürzt. Türen verwandeln sich in altertümliche Metalltore, im Fernsehen werden seltsame Nachrichten durchgegeben, lange aufgebaute Hauptfiguren zerfallen in Sekunden zu Staub, Gegenwart und Vergangenheit lösen sich zusehens in einander auf. Das einzige Heilmittel ist das Raumspray Ubik, das wenn es „nach Vorschrift angewendet“ wird, die Welt retten kann.

Das Moto dieser Erzählform ist ähnlich wie beim Cyberpunk: „Nichts ist wahr, alles ist möglich“ (Illuminatus!). Nur das in diesem Fall nicht mal Figuren übrig bleiben. (Ein anderes Beispiel ist Lem, Der futurologische Kongress). Alles geht so schnell, dass dem Leser schwindelig wird. Jede Erzählebene ist brüchig, ständig taumelt man in die Nächste. Nichts hat Konsistenz. Alle Regeln lösen sich auf. Eine Achterbahn im freien Fall und am Ende gehen Innere und äußere Welt zu Bruch. In der Zukunft (die nicht die Zukunft ist) regiert das Chaos.

One with everything Ob technische Allmachtsphantasie, die Frage nach Wirklichkeit und Wahn, Bewusstseinserweiterung, kosmische Hysterie oder völlige Auflösung der Ordnung: in Hinblick auf den Wahnsinn der Welten von Morgen werfen wir einen Blick in den Spiegel. Und müssen feststellen, dass das Spiegelbild zurückschaut. Der „gesunde Menschenverstand“ wird unter diesem Blick zu etwas Anderem. Als fragte das Spiegelbild tückisch zurück: Wer ist hier verrückt? So wird die Frage plötzlich schwer zu beantworten.

Simon Jaspersen ist unser ehemaliger Programmplaner und arbeitet nun als freier Autor in Berlin. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag!

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