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E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann

Von: Gast
27.09.2011

Kai Wels, Digital Resident since 1996, Blogger auf www.kaipiranha.de seit 2001 zu Themen rund um Internet, Social Media und digitaler Gesellschaft. Durch 3 Kinder habe ich  jahrelange Vorleseerfahrung. Die Ruhe zu lesen finde ich kaum, doch während Fahrtzeiten ins Büro oder auf Geschäftsreisen bieten Hörbücher gute Gelegenheiten, selbst in den Genuss des Vorlesens zu kommen.

Der Sandmann ist einer der Klassiker aus der Epoche der Romantik und wurde von E.T.A. Hoffmann im Jahr 1817 veröffentlicht. Er zählte seiner Zeit in die Kategorie „Schwarze Romantik“ oder auch „Schauerromantik“. Damit reihte sich E.T.A. Hoffmann ein in die Liste der Autoren wie dem Marquis de Sade und Edgar Allen Poe, die weniger die Schönheit des Lebens, als viel mehr die Schattenseiten von Mensch und Gesellschaft behandelten.

Der Hauptprotagonist und Student Nathanael verliert sich in der Erzählung Hoffmanns zwischen Realem und Surrealem, zwischen Fantasie und drohender Geistesverwirrung. Eingangs beschreibt Nathanael in einem Brief die abendlichen Besuche von Coppelius, einem Freund seines Vaters, die zusammen alchimistische Versuche durchführten. Den Freund interpretierte Nathanael als Sandmann, der von einer alten Amme als ausgesprochen grauenvolle Gestalt beschrieben wurde. In dieser Darstellung würde der Sandmann den Kindern soviel Sand in die Augen streuen, bis sie bluteten. Coppelius drohte eines Abends bei einem alchimistischen Versuch dem jungen Nathanael die Augen mit glühenden Kohlen zu blenden und war später auch verantwortlich für den Tod des Vaters.

Die spätere Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola, in dem Nathanael Coppelius wiedererkennt, ruft bei Nathanael die traumatischen Erinnerungen seiner Kindheit ins Bewusstsein. Er fühlt sich verfolgt von Coppelius und schwört Rache für die Erlebnisse der Kindheit. Nachdem Nathanael mehr und mehr den Bezug zur Realität verliert, wendet sich seine Verlobte Klara von ihm ab und treibt ihn zunehmend in die Arme der Nachbarstochter Olimpia, deren perfekte Schönheit und Anmut sich schließlich als automatisierte Holzpuppe herausstellt. Dem Wahnsinn verfallen und innerlich zerrissen, stürzt sich Nathanael am Ende von einem Turm in den Tod.

Hoffmanns Stück ist oft ein fester Bestandteil im schulischen Deutsch-Unterricht, wo ich das erste Mal damit in Berührung kam. In der Erzählung sind es immer wieder die Augen, die als Spiegel zur Seele eine zentrale Rolle einnehmen. Was mich persönlich seitdem an dieser Geschichte fasziniert, ist die Beschreibung der Tochter Olimpia, als Roboter-ähnliche Figur, zu Beginn der industriellen Revolution in Deutschland. Anhand des passivem Verhaltens Olimpias kritisiert E.T.A. Hoffmann unter anderem subtil das Wunschbild der Männer, wie sich eine Frau zur damaligen Zeit zu fügen hatte. Die mangelnde Akzeptanz der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft im 19. Jahrhundert ist neben der Beschreibung des Verhältnisses von Mensch zu Maschine ein weiteres Thema und zeigt meiner Meinung hierbei die sensible Wahrnehmung eines Künstlers auf die Veränderungen im Weltgeschehen.

Als Klassiker wurde Hoffmanns Erzählung vielfach aufgelegt und als Hörbuch herausgegeben. Persönlich empfinde ich die passende Sprecherstimme und Art des Lesens bei einem Hörbuch als ausgesprochen wichtig. Daher habe ich mich für die Version von Alexis Krüger entschieden, dessen Stimme manchem Elternteil wohl bekannt vorkommen dürfte, denn als Beutolomäus vertont er u.a. auch eine der beliebten Kinderserien im deutschen TV. Gekonnt und ohne überzogene Attitüde trägt er den klassischen Text ruhig vor.

Aus meiner Sicht ist Der Sandmann nach wie vor ein lohnenswerter Ausflug in die Klassiker-Literatur, die bis heute an Ausdruck und Aktualität nichts verloren hat.