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Der Weg zum Wüstenplaneten

Von: Gast
19.03.2013

Dune - Der Wüstenplanet© Lübbe Audio
„Herzlichen Glückwunsch! Sie sind jetzt der Vater eines fünfzehnjährigen Übermenschen! Aber ich wette, das wird Ihnen noch leid tun …“

(John Campbell in einem Brief an Frank Herbert, datiert auf den 3. Juni 1963)

Fast genau fünfzig Jahre ist es jetzt her, dass der Redakteur der monatlich erscheinenden Science-Fiction-Zeitschrift Analog dem Journalisten und – bis dahin – Teilzeitschriftsteller Frank Herbert (1920-1986) mit den oben zitierten und etwas kauzigen Worten die Annahme des eingereichten Manuskripts „Dune World“ verkündete. Im gleichen Brief folgten mehrere Seiten grundsätzlicher Überlegungen, wie man mit dem Thema eines Übermenschen schriftstellerisch wirksam umgehen könnte. Herbert antwortete drei Tage später freundlich und humorvoll („Vielen Dank für Ihre zweischneidigen Glückwünsche!“), lieferte eine durchdachte Auslegung der Fähigkeiten seines jungen Helden Paul Atreides, auf dem Wüstenplaneten Arrakis als Muad´dib bekannt, und ging mit keinem Wort darauf ein, dass John Campbell (1910-1971), der sich zu jenem Zeitpunkt sehr für die literarische Umsetzung von Psi-Fähigkeiten interessierte, zahlreiche andere Aspekte seines Roman entweder ignoriert oder aber für nicht erwähnenswert gehalten hatte.

Worum geht’s in Dune - Der Wüstenplanet?  Cover_Wüstenplanet_1Denn Dune, in Analog unter den Titeln „Dune World“ (Der Wüstenplanet) (Dezember 1963 bis Februar 1964) und „The Prophet of Dune“ (Der Her des Wüstenplaneten) (Januar bis Mai 1965) vorabgedruckt, ist sehr viel mehr als die Geschichte eines Messias wider Willen. Ökologie, Religion, Vorherbestimmung (und ihre Vermeidung!), damit einhergehend freier Wille, Politik, Geschichte. Psychologie, Philosophie, fremde (nicht-westliche!) Kulturen, Evolution, Zeit und Identität – das sind nur einige der Themen, die in den Roman eingearbeitet sind. Mit einer kargen, aber eindringlichen Sprache breitet Herbert das gewaltige Panorama eines seit Jahrtausenden erstarrten Sternenreiches aus, in dem Arrakis, der titelgebende Wüstenplanet, eine zentrale Rolle spielt. Aus Stoffwechselprodukten der heimischen Fauna, der in Science Fiction-Kreisen fast ikonischen, mehrere hundert Meter langen Sandwürmer, wird das Spice gewonnen, eine nicht reproduzierbare Droge, die lebensverlängernde Wirkung hat und den ins Unmenschliche veränderten Angehörigen der Raumfahrtgilde die Navigation durch den Überraum ermöglicht.

Der Ausbeutung durch die Adelsfamilien des Imperiums stehen die einheimischen Fremen scheinbar hilflos gegenüber. Als die Atreides-Familie aufgrund einer Intrige das Protektorat über Arrakis übernehmen muss und die verfeindete Harkonnen-Familie mit verdeckter Unterstützung des Imperators zum Angriff rüstet, lernt Paul, der Sohn von Herzog Leto und seiner Konkubine Jessica, die dem Orden der Bene Gesserit angehört, die fremde Kultur des Planeten kennen. Er erweist sich als das ungeplante, weil männliche Endprodukt einer von den Bene Gesserit über Jahrtausende geförderten genetischen Linie: Unter dem Einfluss des Spice vermag er sämtliche vergangenen und zukünftigen Zeitläufe zu erkennen. Als er mit seiner schwangeren Mutter in die Wüste fliehen muss, wird er von den Fremen zum Wurmreiter und Stammeskämpfer ausgebildet und erlangt einen legendären Ruf. Paul sieht den Aufstand der Fremen als die Grundlage für seine ungewollte Diktatur und vermag sich diesem Sog nicht zu entziehen. Wider Willen wird er den Kreuzzug der Fremen in die Galaxis anführen.

Soviel in aller Knappheit zum Inhalt des ersten Romans. Herbert entwirft darin ein komplexes und detailreiches Universum, das in dieser Ausgefeiltheit in der Science Fiction bisher nicht gegeben hatte. Der Einfluss von Dune auf das Genre kann höchstens mit dem von Tolkiens Der Herr der Ringe auf die gehobene Fantasy verglichen werden.

Dune erreicht Kultstatus Dune wurde 1966 mit den SF-Preisen Hugo und Nebula ausgezeichnet und erlangte zunächst einen bescheidenen Kultstatus. John Campbell lehnte die Fortsetzung Dune Messiah (1969) ab, die darauf vorab in der Zeitschrift Galaxy erschien. Ein weiterer Roman, Children of Dune, wurde von Ben Bova für Analog angekauft und erschien von Januar bis April 1976. Und dann geschah etwas Merkwürdiges: Die Buchversion landete auf einer Bestsellerliste von Publishers Weekly, und auf die vorigen beiden Bücher begann ein wahrer Ansturm. Die Dune-Trilogie erlangte Weltruhm; die ungekürzte deutsche Ausgabe erschien ab 1978 in Deutschland. Herbert wurde ein beliebter Gast in Talkshows, hielt Vorträge und war Ehrengast bei zahlreichen Veranstaltungen. Übrigens hielt die Fachzeitschrift Locus hielt 1975, 1987, 1998 und 2012 Leserumfragen über den besten Sience-Fiction-Roman aller Zeiten ab – und Dune gewann jedes Mal.

Mit dem vierten Roman God Emperor of Dune (1981) oder auf Deutsch Der Gottkaiser des Wüstenplaneten hat ein Zeitsprung von über 3.500 Jahren stattgefunden. Pauls Sohn Leto II. ist zu einem unsterblichen Halb-Sandwurm geworden, und die Leser begegnen einigen vertrauten Gestalten wieder, geklonten Doubles mit den Erinnerungen ihrer Originale. Hier spielt Herbert mit Identität und Prädestination, die zuvor als Bestandteile der starren Institutionen wirkten, sich aber nunmehr im Individuum manifestieren.

Weitere 1500 Jahre später ist The Heretics of Dune (1984) oder auf Deutsch Die Ketzer des Wüstenplaneten angesiedelt. Der Religionskampf ist entbrannt, und der nunmehr als Rakis bekannte Wüstenplanet wird vernichtet. Doch ein Wurm wird zur Ordensburg der Bene Gesserit gebracht, wo aus ihm der ökologische Zyklus aus Sandforellen, Wurm und Gewürz erneut in Gang gesetzt wird. Die Geschichte findet in Chapterhouse: Dune (1985) ein durchaus offenes Ende.

 Cover_WuestenplanetUmsetzungen in andere Medien stellten sich nur zögerlich ein: Der erste Roman galt lange als unverfilmbar, bis David Lynch 1984 einen Film vorlegte, dessen Bilderwucht über die inhaltlichen Schwächen nicht hinwegtäuschen kann. 2000 und 2004 wurden zwei Miniserien produziert, in denen die ersten drei Romane ebenfalls bildgewaltig und strittigerweise gelungener umgesetzt wurden. Was den Hörbuchbereich betrifft: Nach der Umsetzung der ersten vier Romane legt Lübbe Audio nunmehr die Vertonungen der letzten beiden Dune-Romane, Die Ketzer des Wüstenplaneten & Die Ordensburg des Wüstenplaneten (geplant für Mai) vor, womit einer der beeindruckendsten und zeitlosesten Zyklen der Science Fiction dann komplett vorliegt.

Heiko Langhans ist freischaffender Autor und Literatur-Übersetzer. Aus seiner Feder stammen die Autorenbiografien über die Gründerväter der Perry Rhodan-Serie. Momentan ist er mit einem mehrbändigen E-Book-Lexikon zu Perry Rhodan und Atlan beschäftigt. Wir danken ihm für diesen Gastartikel.

Zur Hörbuchserie Der Wüstenplanet 1-5 von Frank Herbert, gesprochen von Simon Jäger und Marianne Rosenberg.

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