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Die Helden der großen Jungs

27.01.2014

Ein EvolutionEvolution © olly - Fotolia.com
Denken Männer an Helden, haben Sie eigentlich ganz klare Vorstellungen: Klassischerweise erschlagen Helden Drachen oder blenden auch gerne mal Zyklopen. Die Schläger und Blender tragen dabei glänzende Rüstungen oder Raubtierfelle. In etwas modernerer Ausführung jagen Helden auch mal im Weltall ihren sonor keuchenden Vätern hinterher. Und vergessen wir nicht jene Helden der (Post-)Moderne, die Ihre Raubtierfelle gegen gelbe Leibchen, Knieschoner und Trikots getauscht haben und statt auf Drachen auf Bälle eintreten.

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Held oder Antiheld? Gemeinsam ist all diesen Heldentypen, dass Sie das abenteuerliche Leben führen, das Mann gerne hätte: Tore schießen, Prinzessin retten, Todesstern in die Luft jagen. Jeder Junge arbeitet mindestens auf eine dieser Möglichkeiten hin. Doch mit dem Erwachsenwerden wächst die Erkenntnis, dass so gut wie alle Heldenlebensläufe illusorisch (Drachenblut und Weltraumschlacht) oder extrem schwer zu erreichen sind (Mittelfeldchef und Prinzessinnenraub). Träume und Heldenvorstellungen werden deshalb langsam heruntergeschraubt und transformieren sich: Aus Mittelfeld-Chef wird Mittelstands-Chef. Immerhin.

Im Schatten all dieser Männerträume ist in den vergangenen Jahren in den Köpfen der erwachsenen Männlichkeit aber ein neuer Heldentyp herangereift. Einer, dessen Leben erreichbarer und trotzdem exotisch wirkt. Sein Heldentum definiert sich weniger durch das Erreichen bestimmter Lebensziele, sondern fast im Gegenteil durch ihr Ausbleiben. Es ist schwer, diesem Helden einen Namen zu geben. Deutlich leichter ist es, ihm Eigenschaften zuzuschreiben. Er ist zum Beispiel Single, Alkoholiker und Mittvierziger. Egoistisch, zynisch und trotzdem erfolgreich. John Niven hat diesem Heldentypen in seinem neuen Buch ein Denkmal gesetzt. Ein paar seiner Kerneigenschaften hat er sogar zum Buchtitel gemacht: Straight White Male. Der heterosexuelle, weiße Mann also. Oder, wie es John Scalzi in einem Blog-Beitrag so schön formuliert hat: Die einfachste Schwierigkeitsstufe im Spiel des Lebens („The Lowest Difficulty Setting There is“).

Der heterosexuelle, weiße Mann Straigth White MaleKennedy Marr, der Held von John Nivens Mittvierziger-Traum, ist ein erfolgreicher irischer Buchautor. Irgendwo zwischen John Irving, William Faulkner und dem Big Lebowski angesiedelt, lebt er in Los Angeles und fristet seine Tage als überbezahlter Drehbuchautor und Skript-Doktor (Drehbuchautoren, die für viel Geld oft unnötige Korrekturen an fremden Drehbüchern vornehmen, um Produzenten und Geldgeber zu beruhigen). Vor allem aber ist er zynischer Single, erfolgreich sexsüchtig und ein gut konservierter Alkoholiker. Er flucht, prügelt und beleidigt sich durch das Leben der High-Society von LA. Die Frauen fliegen ihm in James-Bond-Manier zu und nebenbei erledigt er seinen überbezahlten Job immer noch irgendwie. Damit hat er einige Gemeinsamkeiten mit Hank Moody (David Duchovny) aus der TV-Serie Californication, Marty Faranan aus dem Film 7 Psychos (Colin Farrell) und natürlich mit Charlie Sheens Charakter in Two and a Half Men.

Moderne Jungenträume So schwer das einigen Menschen (wildes Beispiel: Frauen) zu vermitteln ist, sind diese Charaktere doch die neuen Helden vieler alt gewordenen Jungen jenseits der Dreißig. Nicht, weil diese Gestalten irgendetwas leisten würden (außer ihren Impulsen und Süchten zu frönen). Sondern ganz im Gegenteil, weil sie bestimmte Dinge nicht leisten müssen: Alltagsjob, Vaterpflichten, Verantwortung und Empathie. Sie sind ausgewachsene Jungenträume.

Aber man darf beruhigt sein: Letztendlich sind diese sympathischen Wracks doch nur Träume, in die wir kurz versinken um erfrischt wieder im wahren Leben aufzuwachen. Manche träumen eben von Christian Grey oder der Shopaholic-Queen, andere von Kennedy Marr und dem Big Lebowski. Und man wird ja wohl noch träumen dürfen…

Das Hörbuch “Straight White Male” von John Niven, gelesen von Gerd Köster ist nun online!

Wer John Niven live erleben möchte, kann ihn im März 2014 in Deutschland auf Lesetour treffen!

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