Am Anfang war das Beuteltier

DE Känguru Chroniken
05.03.20

„Die Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling sind der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte: was einst als Radiokolumne beim Berliner Jugendradio Fritz als „Neues vom Känguru“ begann, entwickelte sich zum Millionenseller. Was ist das eigentlich nochmal genau?

Haaaaaalt, stop! Moment mal – wieso eigentlich Beuteltier? Warum steht am Anfang das Beuteltier (laut Überschrift)? Also zum einen fängt das ja schon mal mit „B“ an und nicht mit „A“, und bekanntlich steht das „A“ am Anfang aller Dinge, eben Alpha und Omega, so wie „Anti-Terror-Anschlag“ und „Asoziales Netzwerk“ (Also, erstmal: die Infos zum „A“ sind im Känguru-Glossar nachzulesen). Und zum anderen lautet doch ganz eindeutig der erste Satz der Känguru-Chroniken (K I, DKM: Das Känguru von nebenan):

„Ding Dong. Es klingelt. Ich gehe zur Tür, öffne und stehe einem Känguru gegenüber.“

Ein Kleinkünstler

Damit steht doch ganz eindeutig „ich“ am Anfang, also Marc-Uwe, der Ich-Erzähler der Känguru-Tetralogie, der sich selbst eigentlich nur als Chronist der Ereignisse begreift. Aber eben doch derjenige ist, durch dessen Brille wir das Känguru betrachten. Der geht zur Tür und öffnet. Also steht ja wohl schon mal er im Zentrum der Handlung und überhaupt am Anfang – und nicht das Känguru! Im Übrigen auch in Teil 2 der Känguru-Tetralogie, "Das Känguru-Manifest". Da wird der ikonische Satz sogar noch einmal wiederholt. Bamm, nimm das, Känguru-Freund/in! Das muss sich ja wirklich auch überall in den Vordergrund drängen, sogar das Kinoplakat hat es gephotobombt.

Okay, schon klar. Rein historisch betrachtet, also im Kontext der Erzählung um Marc-Uwe und das Känguru, ist das „A“ kein besonders bedeutender Buchstabe. Auch wenn die Bibel das mit dem „A“ anders sieht, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets, Symbol für Unendlichkeit und Göttlichkeit und so weiter. Da die Sache mit der Bibel jedoch definitiv in die Kategorie „Das sind doch alles bürgerliche Kategorien“ gehört, tut das hier erst einmal nichts zur Sache. Ganz abgesehen davon, dass Religion nach Karl Marx „das Opium des Volkes“ ist (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Und wie schrieb Marx – pardon, das Känguru – weiter in seinem Hauptwerk, „Opportunismus und Repression“?

„Ein Känguru geht um in Europa. [...] Das Känguru wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt. Es ist hohe Zeit, dass das Känguru seine Anschauungsweise, seine Zwecke, seine Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegt und dem Märchen vom Asozialismus ein Manifest des Kängurus entgegenstellt.“

Erst mit dem Beuteltier kommt also Action (da ist es doch, das „A“ wie also Action!) in die Geschichte. Um nicht zu sagen: ohne Känguru keine Geschichte. Jetzt stellen wir uns mal ganz doof und uns darüber hinaus mal vor, das Känguru wäre irgendwo anders hingezogen, also zum Beispiel in die Platte nach Hellersdorf oder nach Mitte, in eine Eigentumswohnung. Ohne Next-Door-Neighbor mit schriftstellerischen Ambitionen. Dann würde nicht nur sprichwörtlich nichts passieren: es würde generell einfach GAR NICHTS passieren: Marc-Uwe, der Kleinkünstler – „Ah! Das böse Wort“ – mit „Migränehintergrund“ würde den lieben langen Tag im Schlafanzug in der Hängematte versumpfen, Nietzsches Gesamtwerk nicht lesen (K I, DKC: Verräterisches Cellophan) und Pläne schmieden, „Nichts“ zu tun. Das wäre dann vermutlich ein Werk, das den Beinamen „Moderne Ulysses“ verdient hätte. Nur viel langweiliger als das Referenzwerk. Und dann der Titel, denken wir uns das Känguru mal weg: „Die Marc-Uwe-Chroniken“ – puh, klingt wie ein echter Ladenhüter. Wen soll DAS denn interessieren? Das Känguru ist eben Kult. Basta. (Schon wieder ein Wort mit „B“, das „B“ ist definitiv das neue „A“.)

Die Känguru-Chroniken: Live und ungekürzt

Autor:
Marc-Uwe Kling
Sprecher:
Marc-Uwe Kling
Spieldauer:
4:52
Serie:
Das Känguru
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Das Känguru ist eigentlich so etwas wie der kosmische Antagonist von Marc-Uwe. Genau wie der Pinguin einfach in allem der kosmische Antagonist des Kängurus ist. Nur dass sich Marc-Uwe und das Känguru trotzdem sehr gut miteinander verstehen, was ein Stück weit auch am versöhnlichen, leicht phlegmatischen Charakter des menschlichen Protagonisten liegt. Das lässt sich über das Verhältnis des Kängurus zum Pinguin ganz sicher so nicht sagen. Denn nichts macht es lieber, als den neuen Nachbarn zu ärgern. Obwohl – Moment mal, ist das nicht der eigentliche Sinn und Daseinszweck des Kängurus? Marc-Uwe Widerworte zu leisten und ihn mit seinen Nachfragen und skurrilen Aktionen ständig aus der Fassung zu bringen? Nur insgesamt verhält es sich ihm gegenüber irgendwie liebevoller als gegenüber dem Pinguin.

So schickt es Marc-Uwe Schnapspralinen kaufen, klaut ihm ständig seinen mp3-Player, dichtet Schüttelreime, um an das geheime Prapsschnalinenversteck zu gelangen, luchst Marc-Uwe mit Tricks und Handyklingeltönen Geld aus der Tasche usw. Und der lässt das alles doch recht gutmütig mit sich machen. Weil sie zusammen eben auch wahnsinnigen Spaß haben: auf dem Kopf im Sessel sitzend Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filme schauen, weil der olle DDR-Fernseher das Bild verkehrtherum anzeigt (um sich anschließend darüber zu streiten, wer der bessere Schauspieler ist – da haben sie eben unveränderlich entgegengesetzte, um nicht zu sagen antagonistische Auffassungen), gemeinsam das Bad nicht putzen (obwohl am Ende Marc-Uwe meist verliert und es doch putzen muss, weil er sich wieder auf ein Wortgefecht mit dem Känguru eingelassen und den Kürzeren gezogen hat), Nazis verhauen (das Känguru haut und Marc-Uwe muss die Beine in die Hand nehmen, damit er nicht auf die Fresse bekommt) oder Bei Herta, beziehungsweise Tefkabh (The Eckkneipe formerly known as Bei Herta) Bier zu trinken.

Der Beginn einer wunderbaren Wohngemeinschaft

Aber wie genau fing denn eigentlich alles an? Laut Wikipedia ist Teil 1 der Känguru-Tetralogie, „Die Känguru-Chroniken“ ein „satirischer politischer und sozialkritischer Episodenroman“. Das stimmt nur teilweise: gerade Teil 1 ist eben DAS gerade nicht, ein Roman, nicht mal ein episodischer. Es ist eine Aneinanderreihung glossenhafter satirischer (politischer, sozialkritischer: ja) Kurzerzählungen, die sich an einem sehr losen roten Faden orientieren, der darin besteht, dass ein erwachsener Mann und ein erwachsenes Känguru (undefinierbaren Geschlechts) zusammen eine Wohngemeinschaft bilden. Die Spannungen und Missverständnisse, die aus dieser interkulturellen und gewissermaßen intertextuellen Wohnsituation entstehen, sind naturgemäß komisch, weil satirisch überhöht. Von einer zusammenhängenden Handlung kann – anders als in Teil 2 (Das Känguru-Manifest) und Teil 3 (Die Känguru-Offenbarung) der Tetralogie – wahrlich nicht die Rede sein. Das hat damit zu tun, wie diese Erzählungen ursprünglich entstanden sind: als Lesebühnentexte. Kurze pointenhafte Stücke, die ein Publikum unterhalten sollen (bei gleichzeitiger Systemkritik, klar).

Das Känguru-Manifest: Live und ungekürzt

Autor:
Marc-Uwe Kling
Sprecher:
Marc-Uwe Kling
Spieldauer:
5:15
Serie:
Das Känguru
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Texte zum Vorlesenlassen

Das ist das Ungewöhnliche, aber auch Tolle an der Känguru-Tetralogie: es sind keine Texte für die kontemplative Versenkung ins stille Selberlesen, sondern eher zum Vorlesen geeignet, besser noch: Vorlesenlassen von Marc-Uwe Kling selbst, denn der hat in vielen Jahren Lesebühnenerfahrung Pointengenauigkeit und Känguru-Stimme perfektioniert. Das sind ideale Voraussetzungen für die vorliegenden Hörbücher, die zudem live vor Publikum eingelesen wurden, was ihnen zusätzlich eine ganz eigene Atmosphäre verleiht, die sich im heimischen Wohnzimmer oder in der schallgesicherten Tonkabine eines Studios so einfach nicht reproduzieren lässt.

Zur Vorgeschichte: Vor Entstehen der Känguru-Geschichten gründete Kling mit weiteren Mitstreitern 2006 die Kreuzberger Lesebühne Lesedüne, die bis heute besteht. Sie ist mittlerweile ins größere SO36 umgezogen und findet zweimal monatlich statt, was darauf zurückzuführen ist, dass die Veranstaltungen regelmäßig ausgebucht sind, obwohl da locker 200 Leute Platz haben. Das mag vor allem mit der Popularität Marc-Uwe Klings und der Känguru-Stücke zu tun haben. Nach wie vor liest er dort übrigens auch neue Känguru-Texte vor Publikum. Parallel zu den Lesebühnenaktivitäten betätigte er sich als Poetry Slammer und entwickelte 2005 ein Solo-Kabarettprogramm unter dem Titel Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen.

Das Interessante an diesem Programm ist, dass darin im Prinzip schon viele Elemente enthalten sind, die sich später in den Känguru-Geschichten wiederfinden. Auf Klings Webseite ist es möglich, in einzelne Titel hineinzuhören (wenngleich die CD zwischenzeitlich vergriffen ist), was sich für Hardcorefans als durchaus interessant erweist, etwa „Intelligente Maschinen“. Gerade dieses Stück ist eine Art Rohdiamant des Materials zum Text „Herrschaft und Knechtschaft“ (K I, DKC) und des Stücks „Kleinkrieg“ (K II, DKM), das ab 2008 dann, nachdem es in zahlreichen Auftritten glänzend und in Form geschliffen wurde, pointiert in den Känguru-Dialogen seinen Höhepunkt findet.

Der Wendepunkt

2008 ist der eigentliche Wendepunkt, der Beginn der Podcastreihe Neues vom Känguru beim Berliner Jugendradio Fritz, mit dem der eigentliche Stein ins Rollen kam und der Siegeszug des Kängurus um die ganze Welt begann Ganz klar ist die Erfindung des Kängurus – pardon: der Einzug des Kängurus in Marc-Uwes Wohnung –, der Coup, der die satirischen Texte von Marc-Uwe Kling in Sachen Humor erst so richtig auf die Spitze treibt. Und ihn so gewissermaßen aus der Masse der Kleinkünstler heraushebt auf die Ebene der Millionenseller. Jetzt kommt sogar ein gleichnamiger Film in die Kinos, aus der Feder von Kling himself und unter Leitung des erfahrenen Schweizer Komödienregisseurs Dani Levy.

Und – wer hat aufgepasst? Das KÄNGURU ist der Grund dafür, dass diese Geschichten so gut sind. Ohne Känguru: Kleinkunst. Ganz lustig, okay. Mit Känguru: genial. Also steht das Känguru am Anfang. Man könnte sagen: am Beginn nicht nur einer wunderbaren Wohn- und Lebensgemeinschaft, sondern auch des kometenhaften Aufstiegs of the Artist formerly known as „der Kleinkünstler“.

Das Känguru im Kino

Ab dem 5. März ist das Känguru zusammen mit seinem Mitbewohner übrigens auch im Kino zu sehen. Gemeinsam machen sie Berlin unsicher, indem sie in der Kneipe bei Hertha abhängen, versuchen, das Herz von Maria, Marc-Uwes Angebetete, zu gewinnen, und es mit einem Immobilienhai aufnehmen.


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