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Die Stunde, in der ich zu glauben begann von Wally Lamb

15.04.2011

Die Stunde, in der ich zu glauben begann Autor: Wally Lamb Sprecher: August Zirner Spieldauer: 6 Std. 58 Min.

Mitte der 90er, in einem norddeutschen Kaff, wo Kuhfladenbingo eine feste Institution ist, brechen nicht nur die Figuren von Heinz Strunk zum happy Scheitern auf. Auch ich beschloss mit Welthass hinter der Stirn und Teenage riot auf den Ohren, dass es irgendwo einen Weg aus der Tristesse geben müsse. Ein Buch musste die Axt sein für das gefrorene Meer namens Sek. 1.

In meinem Fall war das Wally Lambs Die Musik der Wale. Schräge Charaktere, übergewichtig, schwul, liebenswert. Ausweglosigkeit hie und da; Love, peace und Resignation. Ein Kampf der Giganten: Angst und Hoffnung um das blöde, schöne Leben. Nix Reiterhof, Ballett und Liebeskummer. Herrlich!

Als ich mich letzten Herbst durch die Hörbücher meines Lieblingssprechers August Zirner klickte, kam es zu einem unverhofften Wiedersehen. Wally Lamb’s Die Stunde, in der ich zu glauben begann landete im Nu in meiner Bibliothek.

Der Titel nimmt das Ende des Hörbuchs vorweg: Dem Lehrer Caelum Quirk ist bis zum Schluss der Glaube ein Leben lang unmöglich. Erst recht, nachdem das gemeinsame Leben mit seiner Frau Maureen, Schulkrankenschwester und Überlebende des Amoklaufs an der Columbine Highschool in Littleton, am Alltag nach der Tat scheitert. Tief traumatisiert, am Leben und aneinander verzweifelnd, wagt das Paar einen Neuanfang in Caelums Geburtsort. Doch da verursacht Maureen verantwortungslos einen tödlichen Unfall, für den sie mit mehrjähriger Haftstrafe büßen muss.

Mit dem Hurrikan Katrina fegt nicht nur ein weiteres Unglück durch die us-amerikanischen Medien, sondern auch neues Leben in Caelum Quirks Haus, als er ein junges Paar bei sich aufnimmt. Plötzlich entblößt sich ein Familiengeheimnis, das fest verwoben mit der Geschichte des naheliegenden Gefängnis’ scheint.

Auch wenn Caelum die dort inhaftierte Maureen und die Vergangenheit vor seinen neuen Mitbewohnern zu verschweigen versucht, holt sie ihn am Ende doch ein. Und dann taucht auch noch eine nervende Punk-Göre und ehemalige Columbine Schülerin bei ihm auf, die sich penetrant überall einmischt.

Opfer werden zu TäterInnen, Schuldfragen im gesamtgesellschaftlichen Kontext formuliert, Ereignisse neu verknüpft. Fakten und Erinnerungen eingebettet in Fiktion zeigen im perspektivischen Spiel des Erzählers die Grenzen des Begreifbaren, überzeugend interpretiert von August Zirner.

Wally Lamb ist sicherlich kein Autor der heiteren Stunden. Trotzdem ist mit Die Stunde, in der ich zu glauben begann ein durch und durch lebensbejahendes Hörbuch gelungen.