„Doktor Schiwago“ – zwischen Leid und Liebe

Dr. Schiwago: Mythos und Erfolg
11.11.19

Gesellschaftliche Umbrüche, große Gefühle, Herzschmerz – das Erfolgsrezept vom russischen Klassiker rührt auch heute noch zu Tränen

Er hechtet die Treppen hoch, rutscht beinahe auf den vereisten Stufen aus, zerschlägt das Fenster, um sie noch einmal sehen zu können: seine geliebte Lara. Die Frau, in die Jurij Schiwago sich schon als junger Arzt verliebt hat und die er jetzt noch mehr liebt denn je. Einen letzten Blick erhascht Jurij noch auf den Schlitten, in dem sie mit ihrer Tochter sitzt, bevor er hinter den verschneiten Hügeln verschwindet – und er Lara nie wiedersieht.

„Doktor Schiwago“ – zwischen Herzklopfen und Herzschmerz

Herzzerreißende Szenen wie diese spielen sich im Film „Doktor Schiwago“ nach dem gleichnamigen Buch von Boris Pasternak nicht nur dieses eine Mal ab. Mehr als einmal blickt Omar Sharif, der den Jurij Schiwago spielt, Julie Christie in der Rolle der Lara, so tief in die Augen, wie es nur Hollywood-Schauspieler können. Jeder Abschied von Tränen begleitet.

Kein Wunder, ist die Geschichte der beiden doch allein wegen des Zeitpunktes, zu der sie spielt, denkbar tragisch. Lara und Jurij lernen sich vor dem Ersten Weltkrieg in Moskau kennen, finden jedoch nicht zueinander und heiraten andere.

In den folgenden Jahren, während der Krieges, der darauffolgenden Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg treffen sie zufällig aufeinander, doch die Sterne stehen nicht gut für die beiden. Mehr als den anderen aus der Ferne lieben, können sie nicht. Jurijs Frau, Tonya, bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass ihr Mann zwar bei ihr bleibt, sie jedoch nicht liebt.

Doktor Schiwago

Autor:
Boris Pasternak
Sprecher:
Gert Westphal, Ludwig Cremer, Joana Maria Gorvin, Bernhard Minetti
Spieldauer:
4:18
Typ:
Ungekürztes Hörspiel

Frauen in Pasternaks Leben

Pasternak selbst führte eine ähnliche Dreiecksbeziehung: Mit seiner Frau Sinaida lebte er bis an sein Lebensende zusammen, das Vorbild für Lara war jedoch die 22 Jahre jüngere Olga Ivinskaya. Ähnlich wie die Frau, die sie inspirierte, musste auch Ivinskaya sich mit der Rolle der Geliebten zufriedengeben.

Lara: The Untold Love Story and the Inspiration for Doctor Zhivago

Autor:
Anna Pasternak
Sprecher:
Antonia Beamish
Spieldauer:
11:49
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Während seine Frau seinen Haushalt schmiss, für ihn kochte und seine Wäsche wusch, war es Ivinskaya, die Pasternak in seinem literarischen Bestreben unterstütze und seinetwegen nicht nur ein-, sondern gleich zweimal Strafen in sibirischen Arbeitslagern absitzen musste.

Nobelpreis dank Eingreifen aus dem Ausland

In Russland war die 1957 erschienene Filmvorlage, Pasternaks „Doktor Schiwago“, bis zum Fall des Eisernen Vorhangs verboten. Zu kritisch war das Werk laut den Zensoren der Sowjetunion und dem Stalinismus gegenüber. Gerüchten zufolge hatten der amerikanische und der britische Geheimdienst ihre Finger mit im Spiel, als das Buch 1958 für den Nobelpreis nominiert wurde.

Spionage- und Liebesgeschichte in einem

Diese Geschichte war es, Lara Prescott dazu brachte, mit der Arbeit zu ihrem Debütroman „Alles, was wir sind“ zu beginnen. Darin erzählt die nach der Lara aus „Doktor Schiwago“ benannte Amerikanerin, wie Pasternaks Werk vom amerikanischen Geheimdienst als Propagandamittel eingesetzt wurde.

Alles, was wir sind

Autor:
Lara Prescott
Sprecher:
Vera Teltz
Spieldauer:
11:04
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Das Spannende daran: Im Mittelpunkt stehen nicht der gefeierte Autor oder die hohen Tiere beim amerikanischen Geheimdienst, die allesamt Männer waren, sondern die Frauen, die hinter den mächtigen Männern ihre Plätze einnehmen mussten. Es geht um Pasternaks Geliebte Olga, um eine amerikanisch-russische Agentin, um Sekretärinnen, die doch viel mehr als nur flinke Finger haben.

Jurij und Lara – eine zeitlose Liebesgeschichte

Dass die Geschichte von Doktor Schiwago mehr als 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch eine solche Faszination ausübt, dürfte auch daran liegen, dass in den vergangenen Jahren mehr und mehr Details über die Publikationsgeschichte des Romans bekannt geworden sind. Und der Film steht nach wie vor auf Platz acht der erfolgreichsten Filme aller Zeiten nach Zuschauerzahlen. Für zehn Oscars war das Hollywood-Drama seinerzeit nominiert, fünf davon hat es gewonnen.

Wer sich den Film heute anschaut, dem fallen sofort die beeindruckenden Landschaftsbilder auf, die nicht etwa mal kurz hier und da eingestreut werden, sondern regelrecht ausgekostet werden. Weniger beeindruckend ist das Frauenbild: Während die hochschwangere Tonya auf dem Feld Gemüse erntet, starrt ihr Poet von einem Ehemann gedankenverloren aus dem Fenster – und denkt dabei wahrscheinlich noch an seine Geliebte. Man möchte glauben, dass die Frau aus dem Jahr 2019 den Kerl seine Rüben selbst hätte ernten lassen.

Dennoch: Die Dreiecksbeziehung zwischen Jurij, Lara und Tonya hat bis heute nichts an ihrer Brisanz und Dramatik verloren. Und Herzschmerz, der ist sowieso zeitlos.

Lara Prescotts Debüt-Erfolg

Neben der Buchausgabe, erscheint der Roman auch als Hörbuch. Das wurde im Berliner Hörspielstudio in Kreuzberg aufgenommen. Lara Prescotts Debütroman, erschienen im Aufbau Verlag, ist gerade dabei ein Weltbestseller zu werden.

Mehr dazu im Artikel: Große Gefühle: „Alles, was wir sind


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