Enid Blyton: Die Frau, die ein Junge bleiben wollte

Enid Blyton Portrait
25.07.19

Sie galt als streng, launisch und irrsinnig produktiv: Enid Blyton verkaufte mehr Bücher als J.K. Rowling. Probleme verbarg sie hinter einer Heile-Welt-Fassade. Eine Annährung.

Wenn sie die Augen schloss, öffnete sich das Schleusentor. Seit frühster Kindheit – so schilderte Enid Blyton es dem Psychologie-Professor McKellar in einem Brief – überfiel sie in jeder ruhigen Minute ihre Fantasie. Personen, Orte, Handlungsstränge zogen wie ein Film vor ihrem inneren Auge vorbei, fertig ausformuliert mit allen Details. Alles, was sie noch zu tun hatte, war, ihre Olympia-Schreibmaschine auf die Knie zu ziehen und zu tippen wie eine Besessene. In ihren produktivsten Zeiten schrieb sie 10.000 bis 12.000 Wörter am Tag.

Mir erscheint es selbst wie ein Wunder, dass mir die Geschichten fertig vorgeführt werden.

Enid Blyton

Als Kind nannte sie diese Geschichten night stories. Sie erzählte sie ihren jüngeren Brüdern vor dem Schlafengehen. Wohl auch, um diese von den streitenden Eltern abzulenken. Enid Mary Blyton, die am 11. August 1897 im Londoner Stadtteil Borough of Southwark zur Welt kam, wusste sehr früh im Leben, was sie wollte: Schriftstellerin werden. Was beide Eltern ablehnten. Ihre Mutter tat ihre ersten schriftstellerischen Versuche als „Gekritzel“ und „Zeitverschwendung“ ab. Ihr Vater hätte die musikalisch hochbegabte Tochter lieber als Pianistin gesehen.

Dieser Vater war der Fixstern ihrer Kindheit. Sie teilte seine Leidenschaft für Literatur, Tiere, Pflanzen und Musik. Doch als Enid Blyton dreizehn Jahre alt war, endeten die beglückenden Streifzüge durch die Natur mit ihm abrupt: Thomas Blyton verließ die Familie für eine andere Frau. Später analysierte der Psychologe Michael Woods, an dieser Stelle sei Enid Blytons psychologische Entwicklung zum Stillstand gekommen. "Sie war ein Kind, sie dachte wie ein Kind und schrieb wie ein Kind", behauptete er.

Genauer gesagt: wie ein Junge. Erst spät in ihrem Leben gab Enid Blyton zu, dass sie in Georgina von den „Fünf Freunden“ sich selbst porträtiert habe. Dieses eigensinnige, draufgängerische, launische und oft einsame Mädchen ist sicher die facettenreichste Figur im Blytonschen Kinder-Kosmos. „George“ streunt in Hosen herum, legt Verbrechern das Handwerk, liebt ihren Hund und führt gemeinsam mit ihrem Cousin Julian die legendäre Kinderbande an. Bilder aus Blytons Jugend zeigen ein Mädchen mit kurzen, dunklen Locken. Die Ähnlichkeit mit Darstellungen von „George“ ist nicht zu übersehen. Enid Blyton – ein weiblicher Peter Pan?

Pubertät? Krieg? Konflikte? Kein Thema bei Enid Blyton

Fest steht jedenfalls: Ihre literarischen Figuren überschritten nie die Schwelle zur Pubertät. Ob Hanni und Nanni, die Fünf Freunde oder die Helden der „Geheimnis um…“-Serie: In Enid Blytons Universum tollen gewitzte Zehn- bis Zwölfjährige durch nie enden wollende Sommertage, erleben Abenteuer und jagen Ganoven. Die Suche nach der eigenen Identität, erste Liebe oder familiäre Konflikte? Kein Thema in Blytons Romanen. Alles Widersprüchliche und Unangenehme blendete Enid Blyton vollständig aus – in ihren Büchern wie in ihrem Leben.

Nachdem sie für ihre ersten Schreibversuche eine Reihe Absagen von Verlagen kassiert hatte, entschied sich die 18-jährige Enid Blyton, Kindergärtnerin und Vorschullehrerin zu werden. In erster Linie nicht, um zu lehren, sondern um von den Kindern zu lernen: Sie wollte genau wissen, welche Geschichten gut bei ihnen ankamen und nutzte ihre Klasse als Testpublikum für eigene Texte. Sie lernte schnell: Schon mit 27 konnte sie ihren Brotjob aufgegeben und vom Schreiben leben.

Enid Blyton heiratete den Lektor Hugh Pollock, bekam zwei Töchter und bezog mit ihm eine idyllische Landvilla in Beaconsfield voller Blumen, Haustiere und Quittenbäume. Doch die heile Welt war Fassade. Beide Partner hatten Affären (in Blytons Fall wohl auch lesbische). Hugh Pollock trank und litt an Depressionen. Nach 18 Jahren Ehe ließ Blyton sich scheiden und verbot ihren Töchtern den Umgang mit ihrem Vater.

Von den Irrungen und Wirrungen in Blytons Privatleben bekam die Öffentlichkeit nichts mit. Und auch ihre literarische Produktivität litt nicht darunter – im Gegenteil. 1942, im Jahr ihrer Scheidung, gelang ihr mit dem Band „Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel“ der internationale Durchbruch. Enid Blyton hatte ihr persönliches Erfolgsrezept gefunden: Eine Kinderclique stolpert über ein Geheimnis und übertölpelt mit tierischer Hilfe, Mut und Cleverness allerlei (meist ausländische) Schurken. Im darauffolgenden Jahr heiratete Enid Blyton ihren Liebhaber, den älteren Chirurgen Kenneth Darrel Waters. Eine Vaterfigur. Die Ehe soll glücklich gewesen sein und hielt bis zu Darrel Waters‘ Tod.

Sie schrieb wie eine Maschine: alle zwei Wochen ein neues Buch

Enid Blyton schrieb wie eine Maschine: Alle zwei Wochen ein neues Buch. Kinder vor allem in Japan und Deutschland flüchteten mit ihrer Hilfe in eine heile Phantasiewelt, in der Eltern kaum vorkamen. Enid Blyton war selbst kein mütterlicher Typ: Ihre Töchter Gillian und Imogen übergab sie der Obhut von Kindermädchen. Später schickte Enid Blyton sie auf ein Internat – Hanni und Nanni lassen grüßen. Streng sei sie gewesen, „ohne jede Spur von Mutterinstinkt“, schrieb Imogen Jahre nach dem Tod der berühmten Mutter. Gillian hielt dagegen, sie habe die Mutter als „gerecht und liebevoll“ erlebt.

Blytons produktivste Phase dauerte etwa zwanzig Jahre. Dolly, Noddy, Fünf Freunde, Geheimnis um… – die Autorin produzierte in Serie. Auch Hörspiel-Kassetten und Magazine kamen dazu. Enid Blyton vermarktete sich und ihre Werke so geschickt, dass Spötter (oder Neider?) sie als „Ein-Frau-Literatur-Industrie“ bezeichneten. Kritiker schimpften, ihre Geschichten seien sprachlich schlicht, voller Klischees und zeugten von einer bestürzend simplen Weltsicht. Enid Blyton zuckte nur die Schultern:

Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht!

Enid Blyton

Gerüchte kamen auf, sie beschäftige Ghostwriter – was sie stets verneinte. Tatsächlich schrieben zumindest nach ihrem Tod mehrere Autorinnen an ihren erfolgreichen Serien weiter. Rosemarie von Schach, Sarah Bosse und Rosemarie Eitzert (auch bekannt als Tina Caspari) haben zahlreiche „Hanni und Nanni“-, „Fünf Freunde“- und „Rätsel um“-Bände verfasst. 1961 erkrankte Enid Blyton an Alzheimer. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Pflegeheim in Hampstead, umgeben von ihren Romanen. "Dies sind meine Kinder“, strahlte die verwirrte Autorin ihren Agenten George Greenfield an, als der sie einmal an ihre Töchter erinnerte. Und deutete dabei auf ihre Bücher.

Heute gilt Enid Blyton als Autorin von 753 Romanen und mehr als 10.000 Kurzgeschichten, die sich insgesamt etwa 650 Millionen Mal verkauften. Damit ist sie noch vor J.K. Rowling die weltweit erfolgreichste Kinderbuchautorin. Ihre Bücher wurden im Laufe der Jahrzehnte mal radikal, mal behutsamer modernisiert, um sie dem jeweils herrschende Zeitgeist anzupassen. Im Kern jedoch bleiben sie zeitlos – und heiß geliebt.

Neu und exklusiv bei Audible: Die Zauberwald-Reihe von Enid Blyton

Der Zauberwald: Der Zauberwald 1

Autor:
Enid Blyton, Barbara van den Speulhof
Sprecher:
Angelika Bender, Delphine Cioffi, Paulina Rümmelein, Phillipp Rafferty
Spieldauer:
4:26
Serie:
Der Zauberwald
Typ:
Ungekürztes Hörspiel

Die Geschwister Jo, Bessie und Fanny ziehen mit ihren Eltern aufs Land. Hinter dem Haus entdecken sie einen merkwürdigen Wald und darin den Wunderweltenbaum, dessen Krone bis in die Wolken reicht. Sie klettern den Stamm hinauf – geradewegs ins größte Abenteuer ihres Lebens. Entdeckt die Zauberwald-Reihe von Enid Blyton wieder – ab 1. August und nur bei Audible.

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