Audible

Fanfiction: Experimentierkasten Erotik

03.02.2017

Spätestens seit aus der ehemaligen Twilight-Fanfiction der Erotik-Bestseller Fifty Shades of Grey wurde, haftet der Fanfiction-Welt der Hauch des Verruchten an.

Und tatsächlich ist es so, dass sich ein großer Anteil der von Fans geschriebenen Geschichten um Liebe und Sex dreht. In welchem Maße, ist allerdings sehr unterschiedlich.

Die Wahl des Portals

Das fängt schon bei den verschiedenen Online-Foren an. Während das größte deutsche Portal fanfiktion.de relativ ‚harmlos‘ ist, und die populäre englischsprachige Plattform fanfiction.net wirklich explizite Szenen nicht erlaubt, sind der sexuellen Fantasie spätestens in archiveofourown.org keine Grenzen gesetzt. Auf wattpad.com und movellas.com verlieren sich vor allem jugendliche Fans in düster-romantischen Boyband-Schwärmereien; in den unzähligen persönlichen Livejournal-Blogs dagegen zelebrieren Fans jeden Alters alles von zarter platonischer Liebe bis hin zu ausgewachsener Pornographie.

Weitere Artikel zum Thema Fanfiction findet ihr hier.

Erotik von Kuschelromantik bis Geschlechtertausch

Wer in diese Welt eintaucht, findet sich wieder zwischen unschuldiger Romantik und provokantem Tabubruch. Dort gibt es alles: sinnliche, ästhetische Erotik, eingebettet in überzeugende Liebesgeschichten. Zärtlichen Kuschelsex. Das weite Spektrum der modernen Sexualität: homoerotischen Slash, BDSM, Fetische auslebenden ‚kink fic‘ , flotte Dreier. Es gibt das Spiel mit Geschlechtern: ‚gender swap‘, in der männliche Figuren zu weiblichen werden und umgekehrt; das erstaunliche Omegaverse mit seiner durch Sexualität bestimmten Hierarchie. Und, ganz am anderen Ende, gibt es die umstrittensten Varianten der Fanfiction: Inzest und ‚non-con‘, also nicht einvernehmlichen Sex bis hin zu Vergewaltigung.

Zwischen Tabu und Toleranz

Auf der einen Seite sorgt Fanfiction für einen unverklemmten, kreativen Umgang mit Sexualität. Zuvor als Perversion verschriene Präferenzen geraten – à la Fifty Shades of Grey – ins allgemeine Bewusstsein, werden diskutiert, gewinnen Akzeptanz als Teil des Normalen. Gerade die LGBT-Community findet hier ein buntes Ventil auf dem Weg zu mehr Toleranz. Fanfiction bricht eine Lanze für freieren Umgang mit einer immer noch verhuschten Thematik und sorgt bei so manchem für Aufklärung.

Der Tabubruch, das Spiel mit dem Verbotenen, das fiktive Ausleben erotischer Fantasien in einer gleichgesinnten Gemeinschaft ist reizvoll und offenbar besonders für weibliche Autoren (der überwältigende Anteil an Fanfiction wird von Frauen geschrieben!) Teil der sexuellen Emanzipation.

Schwierig wird es, wo Grenzen überschritten werden. Wenn Professor Snape mit dem minderjährigen Harry Potter eine Beziehung eingeht; wenn eine Twilight-Fanfiction von einem Domina-Szenario in eine Vergewaltigung abrutscht; wenn Sherlock Holmes mit seinem Bruder Mycroft im Bett landet – dann sind wir in einer Grauzone, die manche prickelnd finden und die andere entsetzt. Ganz problematisch wird es, wo diese Inhalte (und das ist meistens so) für alle und jeden zugänglich sind. Auch für Minderjährige.

Regeln sind wichtig

Die Fanfiction-Foren versuchen, mit internen Mitglieder-Regeln für einen gewissen Schutz zu sorgen. Nicht alles darf gepostet werden. Besonders sensible Themen müssen mit Warnungen und Altersempfehlungen versehen sein. Von enormer Bedeutung sind auch die ‚tags‘, mehr oder weniger definierte Schlüsselbegriffe, die klar machen sollen, worum es geht: ‚non-con‘, ‚twincest‘, ‚femslash‘ etc. sollen dem Leser Orientierung geben (sind für Neulinge allerdings oft ein Buch mit sieben Siegeln). Das Konsultieren der FAQ’s des jeweiligen Portals kann dabei helfen.

Der Grundsatz: Eigenverantwortung

Ganz klar wird an die eigene Mündigkeit der Leser und Autoren appelliert: Innerhalb weit gesetzter Grenzen kann jeder schreiben und lesen, was er will. Oder es eben lassen und respektvoll einen Bogen darum machen.

An den vielen Diskussionen um Shades of Grey kann man sehen, wie umstritten das Thema Erotik immer noch ist. Ganz besonders gilt das, wenn geliebte fiktionale Charaktere in den Experimentierkasten der Fanfiction geraten.

Geschmacklose Grenzüberschreitung oder gesunde, selbstbewusste, kreative Auseinandersetzung mit Sexualität – was meint ihr dazu?

Zum Ausprobieren:

(Diese Beispiele sind in englischer Sprache. Wir wollen das Thema ernstnehmen, nicht lächerlich machen, und in den englischsprachigen Foren ist die Auswahl an Fanfiction nicht nur unvergleichlich größer, sondern in der Regel auch qualitativ hochwertiger.)

Rumpelstiltskin von threeguesses

Anwältin Alicia Florrick und Privatdetektivin Kalinda Sharma aus der Anwaltsserie The Good Wife entdecken mehr aneinander als nur Tattoos an ungewöhnlichen Stellen. (homoerotischer femslah, explizit!)

Seeing things invisible von goldstraw

In der mittelalterlichen Fantasiewelt von Game of Thrones entdeckt Königsmörder Jaime Lannister, was unter der Rüstung der kratzbürstigen Brienne of Tarth steckt. Ein zart-erotisches ‘Vorspiel’.

The World We View von melfice

Homoerotische, subtile slash-fiction zwischen dem jungen, von Selbstzweifeln geschüttelten Tüftler Q und dem wortkargen James Bond.

Lust auf mehr?

Weitere Artikel zum Thema Fanfiction findet ihr hier.