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Fanfiction: Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt!

28.01.2017

Ob TV-Serie, Buchreihe oder Kinofilme – Fanfiction-Autoren stürzen sich auf den Originalstoff, um vor allem eines daraus zu machen: etwas ganz anderes.

Warum eigentlich? Gründe gibt es viele. Und Lösungen, die in der Welt der Fanfiction zu festen Begriffen geworden sind.

Was nicht passt, wird passend gemacht: Fix-it-fic

Ein häufiger Grund: Am Original passt irgendetwas nicht. Aus Sicht der Fanfiction-Schreiber ist etwas schief gelaufen, das jetzt in Ordnung gebracht werden muss. In den Online-Foren fallen diese Geschichten unter den Oberbegriff ‚fix-it-fic‘.

Bäumchen-wechsel-dich: Shipping

Beispiele gefällig? In der Hunger Games Trilogie (Die Tribute von Panem) wollten viele Fans lieber Katniss und Gale zusammen sehen anstatt Katniss und Peeta. Man sagt auch, sie ‚shippen‘ diese zwei, wollen sie in einer Beziehung (relationship) sehen, denn sie sind in ihren Augen das einzig wahre Paar (One True Pairing = OTP). Kein Problem! Kann man ja dementsprechend ändern: In dieser kurzen Fanfiction sind es Katniss und Gale, die gemeinsam die Hungerspiele bestreiten, und dementsprechend dreht sich alles auf den Kopf.

Dieses Bäumchen-Wechsel-Dich ist auch in der Harry Potter Fangemeinschaft ein sehr beliebtes Spiel: Im Netz tummeln sich etliche Stories, in denen Harry, Hermine, Ron (und sogar Draco und Snape) in beliebigen Kombinationen miteinander verkuppelt werden (Die Experimentierfreudigeren machen daraus auch gerne mal einen flotten Dreier, und das nennt sich dann OTP3).

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Vom Leben und sterben lassen

Vieles lässt sich auf diese Weise wieder gerade biegen: Wenn eine Lieblingsfigur stirbt, kann man sie in einer Fanfiction rechtzeitig retten oder wieder auferstehen lassen. Anders herum kann man sich ungeliebter Figuren mittels eines ‚death fic‘ problemlos entledigen. Nebenfiguren erstarken zu Hauptfiguren. Aus einer Reihe verschwundene Personen tauchen auf kreativste Art und Weise wieder auf.

Happy End gefällig?

Endet eine Serie unbefriedigend, tut es verstimmten Fans gut, ihr ein ‚alternate ending‘ zu verpassen. Oder die geliebte Serie einfach fortzusetzen, wenn man sie gar nicht loslassen möchte. So geschehen zum Beispiel mit Anti-Terror-Agent Jack Bauer aus 24, der sich in der spannenden Fanfiction What Remains nach dem offenen Ende von Staffel 8 auf der Flucht befindet.

Da fehlt doch was…

Auch sehr beliebt: Das ergänzen, was fehlt. Was geschah zwischen den einzelnen Bänden, Folgen oder Staffeln? Wie lautet die Vorgeschichte? Wie ging es weiter? Dazu gehören natürlich auch ‚missing scenes‘, also fehlende Szenen, die man nur allzu gerne gesehen hätte. Klar, das gilt besonders für so manche Liebesszene, die im jugendfreien Original oder sauberen Prime Time TV abseits der Kamera stattfindet.

Das gilt aber auch für das beliebte h/c-Genre (hurt/comfort = Schmerz/Trost). Fans werden gerne Zeuge, wie sich ihr Held von einer erlittenen Verletzung erholt, anstatt dass die Genesung unbeobachtet während eines Werbeblocks stattfindet. In dieser kleinen Fanfiction namens Gunpowder, Treason and Plot erleben wir, was geschieht, nachdem Sherlock Holmes seinen Dr. Watson in Staffel 3 aus einem brennenden Scheiterhaufen gezogen hat.

Das ist gleichzeitig ein schönes Bespiel für ‚extended scenes‘, die weiter ausgemalt werden als die Vorlage und einen tiefen Blick in die Köpfe der Figuren zulassen. Vor allem bei TV-Serien ist das ein Aspekt, der visuell nur bruchstückhaft zum Ausdruck kommt und prädestiniert ist für eine schriftliche Ausleuchtung. So wird aus einem kurzen, bedeutungsschwangeren Augenkontakt auf dem Bildschirm schon mal eine emotionsgeladene Fanfiction mit über 1.000 Wörtern.

Derselbe Held, eine andere Welt: AU

Die beliebteste und bunteste Art, einen Originalstoff umzuschreiben, ist und bleibt das berühmte ‚AU‘ = Alternate Universe. Viele der benannten ‚fix-it-fics‘ münden unweigerlich darin, oft steckt aber auch sorgfältige Planung dahinter. Grob gesagt, nimmt man die Originalfiguren und verpflanzt sie in eine andere Welt.

Das kann ganz wörtlich gemeint sein, so dass Sherlock Holmes plötzlich Flügel wachsen und er mit Dr. Watson in einer Fantasy-Welt Verbrecher jagt statt im realen London. Das kann aber auch bedeuten, dass das Ensemble sein Unwesen in der Vergangenheit oder in der Zukunft treibt. In Unwanted Rings z.B. hat ein findiger Fan sein Lieblingspärchen aus der britischen TV-Serie Downtown Abbey aus den 30er Jahren in die heutige Gegenwart verfrachtet bleibt dem Stil und den Figuren aber treu.

Alles ist drin

Die Möglichkeiten, einen Originalstoff umzuschreiben, sind in der Welt der Fanfiction tatsächlich grenzenlos. Das Spektrum der Ideen ist ebenso breit wie das der Qualität der Geschichten. Von beeindruckend dicht am Original bis zur Unkenntlichkeit verwandelt; von befremdlich bis faszinierend; von komisch bis berührend – irgendwo in den Untiefen der Fanfiction-Foren findet jeder die für ihn passende Version des Originals.

Oder schreibt sie eben einfach selbst.

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