Wie man einen Fantasy-Roman schreibt

Christian Handel | 12.01.21

Wie erschafft man fantastische Welten? Welchen ultimativen Masterplan gibt es zum Schreiben eines Fantasy-Romans? Christian Handel schreibt selbst Fantasy-Romane und hat uns mit in seinen Schreibprozess genommen.

Wie man einen Fantasy-Roman schreibt

Beginnen wir gleich mit der nüchternen Wahrheit: Den einen richtigen Weg, einen Fantasyroman zu schreiben, gibt es nicht.

Jeder geht beim Schreiben eines Buches anders vor. Es gibt Autoren und Autorinnen, die die Handlung ihres Manuskripts akribisch Szene für Szene planen und jene, die zunächst nur mit einer wagen Idee beginnen und schauen, wohin die Inspiration sie führt. Die Planer bezeichnet man augenzwinkernd als „Architekten“, die anderen als „Bauchschreiber“ oder „Gärtner“.

Beides kann funktionieren – oder eben nicht.

Einen Roman komplett durchzuplanen führt nicht zwangsläufig dazu, dass nach dem Schreiben ein hervorragendes Buch herauskommt. Und bei dem Versuch, sich einfach nur von der Muse durch die Geschichte treiben zu lassen, hat sich schon mancher hoffnungslos verzettelt. Vielleicht gibt es deshalb auch so viele Mischformen: ein bisschen planen, sich ein bisschen treiben lassen. Nicht wenige Autor_innen wechseln ihre Vorgehensweise von Projekt zu Projekt.

Die richtige Überschrift für diesen Artikel wäre also eigentlich: Wie ich einen Fantasy-Roman schreibe.

Mein Name ist Christian Handel und ich schreibe phantastische Bücher sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene.

Mein Debüt Rosen und Knochen ist ein dunkles Märchen, mein erster Jugendroman ein Near Future-Thriller. In meinem zuletzt veröffentlichten Roman Rowan und Ash geht es um magische Artefakte, eine verfluchte Festung und eine verbotenen Liebe.

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Geschrieben von:Christian Handel
Gesprochen von:Kevin Kasper
Spieldauer:9:12
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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So unterschiedlich die Herangehensweisen beim Schreiben sind, eins ist fast immer gleich: Am Anfang steht eine bestimmte Idee.

Bei manchen Autoren ist das ein spezielles Magiesystem, um das sie eine Geschichte bauen möchten. Bei anderen ist es eine bestimmte Szene oder ein Handlungselement, das ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. George R. R. Martin stellte politische Ränke und den Kampf um die Krone in den Mittelpunkt seiner Bestseller-Saga Game of Thrones und baute seine Handlung darauf auf. Tolkien hingegen erschuf eine ganze Welt und schrieb Geschichten, um diese zum Leben zu erwecken.

Der Initialfunke für Rowan und Ash war das besondere Thema:

Mein Verlag und ich beschlossen, dass ich als nächstes einen Fantasy-Roman mit schwuler Hauptfigur schreiben würde.

Magie, eine Liebesgeschichte samt dramatischer Rettungsaktion und märchenhafte Einflüsse sollten große Rollen spielen. Das treibende Element war jedoch die charakterliche Entwicklung meiner Hauptfigur: sein persönlicher Weg zur Selbstakzeptanz.

Das Ende zuerst planen?

Sowohl während ausführlicher Spaziergänge als auch am heimischen Schreibtisch begann ich, Ideen zu sammeln, zu verwerfen, und Stück für Stücke die Elemente einer magischen Geschichte zusammenzubauen.

Fantastische Jugendbücher mit schwuler Liebesgeschichte gibt es kaum. Deshalb stand für mich von Anfang an fest: Rowan, meine Hauptfigur, und sein Love Interest Ash mussten ein Happy End bekommen. Dadurch, dass ich wusste, was für Menschen die beiden am Ende des Romans sein sollten, konnte ich festlegen, was sie über den Verlauf des Romans lernen sollten und welche ihrer Charakterzüge zu Beginn des Buches dominieren mussten, damit man beim Lesen eine spürbare Entwicklung erlebt.

Zudem ist Rowan eher pflichtbewusst und in sich gekehrt, während man Ash als Draufgänger und Adrenalinjunkie bezeichnen darf.

Ein solcher Gegensatz sorgt ganz automatisch für Dynamik. Das ist sehr wichtig, denn für die meisten Menschen ist nichts langweiliger, als wenn es in einer Geschichte an Konflikten fehlt.

Aus diesem Grund beschloss ich auch, dass es Rowan, der Stille, sein sollte, der Ash, den klassischen Helden, retten würde.

Doch was musste geschehen, damit mein Protagonist über sich hinauswächst? Ich erfand als magische Komponente das geheimnisvolle Schattenlabyrinth, eine verfallene Ruine im Herzen eines mittelalterlichen Inselkönigreichs, in dem angeblich eine böse Hexe im Zauberschlaf gefangen liegt. Durch die Gänge dieser Feste streifen Monster. Es ist ein lebensbedrohlicher Schauplatz, der von einem Geheimnis umgeben ist, dass es zusätzlich zur Rettungsmission zu lösen gilt.

Magie spielte also eine große Rolle. Meine Figuren sollten sie zwar anwenden können, jedoch selbst keine Zauberer sein. Dadurch entstand die Idee mächtiger Artefakte: Zauberringe, Tarnmäntel, magische Schwerter.

Die Figuren, die Handlung, die Welt und das Magiesystem beeinflussen sich gegenseitig.

Ich begann mir Gedanken darüber zu machen, welche Auswirkung es auf eine Gesellschaft haben könnte, der magische Artefakte zur Verfügung stehen. Wie verändert das den Alltag, den Handel mit anderen Ländern, die Politik?

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Geschrieben von:Christian Handel
Gesprochen von:Nora Jokhosha
Spieldauer:12:30
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Nach einer ausführlichen Ideensammlung machte ich mich daran, die Hintergründe meiner Figuren zu entwickeln. Ich gab ihnen eine Vorgeschichte und erschuf Familienmitglieder für sie. Ich recherchierte irische Sagen und Namen, weil mein Inselkönigreich an ein phantastisches Irland angelehnt sein sollte. Außerdem las ich noch einmal in alten Briefen und Tagebüchern, um mich selbst besser in die Rolle eines 16-jährigen Jugendlichen hineinversetzen zu können.

Was ist ein Exposé - und warum braucht man es?

Erst danach begann ich, meine Geschichte zu planen: zuerst grob, dann immer feiner, bis ich Szene für Szene wusste, was passieren sollte. Nicht alle Autoren erstellen ein sogenanntes Szenenexposé; sie fühlen sich dadurch künstlerisch eingeengt. Mir persönlich hilft es, weil ich dadurch das Gefühl bekomme, dass mein Handlungsgerüst die geplante Geschichte tatsächlich tragen kann.

Außerdem schrieb ich ein erstes Kapitel, um ein Gefühl für den Stil meines Romanprojekts zu bekommen.

Dieses schickte ich dann gemeinsam mit einem Exposé – einer mehrseitigen Inhaltsangabe, die die Handlung des Romans von Anfang bis Ende beschreibt – an meinen Verlag, um mit diesem abzustimmen, ob sie diese Geschichte auch wirklich würden veröffentlichen wollen.

Der Verlag kommt ins Spiel

Das entscheidet nämlich ein ganzes Team von Verlagsangestellten. Manchmal kommt es bereits in dieser Phase vor, dass Lektoren und Autoren miteinander besprechen, ob man bestimmte Details in der geplanten Handlung noch abändern sollte oder ob man die Figuren vielleicht anders anlegen könnte.

Erst, nachdem ich grünes Licht – und einen Vertrag bekam – begann ich mit dem Schreiben.

Schreiben mit einer (oder gegen eine) Deadline

In einem solchen Vertrag plant man auch ein grobes Veröffentlichungsdatum – in meinem Fall „Herbst 2020“ – und die Deadline für die Abgabe des Manuskriptes.

Da ich wusste, wann ich das Manuskript abgeben musste, konnte ich kalkulieren, wann ich mit dem ersten Entwurf der Geschichte fertig sein musste, um noch genügend Zeit zu haben, diese zu überarbeiten. Außerdem konnte ich so ausrechnen, wie viele Seiten ich im Monat am Projekt schreiben musste, um rechtzeitig fertig zu sein. Sowohl meine eigene Erfahrung als auch Gespräche mit Kollegen haben mich gelehrt: Es empfiehlt sich, Pufferzeiten einzuplanen.

Ich schreibe chronologisch. Es gibt jedoch auch Autor, die zwischen Szenen hin- und herspringen. J. K. Rowling soll zum Beispiel das letzte Kapitel ihrer Harry Potter-Saga schon viele Jahre, bevor sie mit dem finalen Band überhaupt begann, bereits geschrieben haben.

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Mein Szenenexeposé erlaubte es mir immerhin, die eine oder andere Szene nur anzureißen, weiterzuschreiben und zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukehren, um die Lücke auszufüllen.

Manchmal verwirft man den eigenen Plan

Manchmal entdeckt man aber beim Schreiben trotzdem, dass etwas, das man zuvor genau geplant hat, im Manuskript selbst nicht funktioniert: Nebenfiguren entwickeln sich anders, man bekommt einen Einfall, der einem so gut gefällt, dass man Teile des ursprünglichen Plans über Bord wirft. Dann heißt es, das Szenenexposé anpassen und sich auf das Bauchgefühl zu verlassen.

Disziplin und Regelmäßigkeit

Beim Schreiben selbst hilft mir Disziplin und Regelmäßigkeit. So finde ich zum einen besser in die Geschichte, zum anderen wirkt so der Text bei mir mehr aus einem Guss. Wenn ich mich durch den ersten Entwurf gekämpft habe, lasse ich ihn ein paar Tage ruhen. Dann lese ich mir von Anfang bis Ende durch, was ich geschrieben habe, mache mir Notizen dazu und beginne mit der Überarbeitung.

Oft sind in diesem Stadium auch Menschen hilfreich, die den Text gegenlesen: ausgewählte Personen, auf deren ungeschönte, ehrliche Meinung man sich verlässt: Was hat funktioniert und was nicht? Was langweilt? Was gefällt besonders? Wo haben sie den Faden verloren? Wo das Buch zur Seite gelegt? Welchen Logikfehler hat man selbst vielleicht beim Schreiben übersehen?

Immer beliebter werden auch sogenannte Sensitivity Reader: Menschen, die man bittet, das Manuskript auf ein bestimmtes Thema hin abzuklopfen, bei dem man nichts falsch machen will, zum Beispiel, wenn man über marginalisierte Personen schreibt, zu denen man selbst nicht gehört.

Das Input der Menschen, die den Text gegenlesen, fließt in die Überarbeitung des ersten Entwurfs mit ein. Dieser geht dann – hoffentlich rechtzeitig – an den Verlag. Woraufhin sich meine Lektorin mit Argusaugen auf den Text stürzt.

Der Umgang mit Kritik

Wer schreibt, steckt in seine Romane viel Herzblut. Deshalb ist es manchmal gar nicht so leicht, sich der Kritik von Außen zu stellen. Es hilft, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Menschen Kooperationspartner sind, die einen dabei unterstützen, das bestmögliche Buch zu schreiben, zu dem man in diesem Augenblick fähig ist.

Auch wenn man nicht sklavisch alle Anmerkungen umsetzen muss, die sie einem vorschlagen, sind sie wichtige Gesprächspartner, mit denen man die Geschichte noch einmal durchleuchten kann. Gerade Lektoren helfen einem dabei, die Stärken eines Romans weiter herauszuarbeiten und Schwächen auszumerzen.

Bei Rowan und Ash empfand meine Lektorin zum Beispiel den Mittelteil als zu lang(weilig). Die Spannungskurve knickte ein. Das führte dazu, dass wir gemeinsam besprachen, wie man das verbessern könnte. Drei Dutzend Seiten flogen danach aus dem Manuskript. Ich schrieb einen neuen Übergang, verknüpfte zwei Ereignisse direkt miteinander, zwischen denen zunächst mehrere Wochen gelegen hatten, und siehe da: die Geschichte bekam im Mittelteil noch einmal ordentlich Drive.

So etwas erweist sich aber auch oft als Stolperfalle.

In solchen Momenten streicht man mitunter Unterhaltungen von Figuren und stellt später fest, dass sich Person A auf etwas bezieht, dass er gar nicht wissen kann, weil das Gespräch mit Person B inzwischen aus dem Manuskript geflogen ist.

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Geschrieben von:George R.R. Martin
Gesprochen von:Reinhard Kuhnert
Spieldauer:9:47
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Und noch mal: Überarbeitung

Um diese Stolperfallen zu beseitigen, dafür sind weitere Lektoratsrunden und das Korrektorat da. Entdeckt das Publikum dann doch einen Logik- oder Tippfehler, liegt das daran, dass man durch das wiederholte Lesen des Textes „blind“ für dessen Fehler wird. Man erinnert sich an die Szenen, die es nicht mehr gibt. Man kennt den Text so gut, dass das Auge – egal, wie sehr man sich anstrengt – über die Seiten gleitet und das Gehirn einen fehlenden Buchstaben vervollständigt.

Bei Rowan und Ash ist mir etwa erst kurz vor Drucklegung aufgefallen, dass ich an einer Stelle die Namen meiner beiden Protagonisten verwechselt hatte – und das, obwohl eine ganze Reihe von Leuten den Text mehrfach gelesen haben.

Irgendwann muss man loslassen können.

Wenn ich meine Texte ansehe, finde ich jedes Mal etwas, dass ichanders schreiben würde. Oft würde sich der Text dadurch gar nicht verbessern. Eine Formulierung wäre nur etwas anders. Das muss man abschütteln, sonst beendet man ein Buch nie. Irgendwann muss man sich eingestehen, sein Bestes gegeben zu haben. Dann ist es Zeit, zum nächsten Projekt zu wechseln, bei dem man sicher wieder neue, spannende Dinge lernt, weil man sich hoffentlich konstant weiter verbessert.

Habt ihr jetzt auch Lust, einen Fantasy-Roman zu schreiben?

So „technisch“ das alles gerade geklungen haben mag, ich verspreche euch: Im Schreiben liegt eine ganz eigene Magie. Ihr bereist phantastische Welten und lernt Dinge über euch selbst, die euch vorher vielleicht gar nicht bewusst waren.

Der Jugendbuchautor Marcus Sedgwick sagte in einem Interview einmal, er schreibe über Themen, die ihn interessieren, deren Antwort er aber noch nicht kenne. Ist das nicht inspirierend?

Wenn ihr mehr über meine Bücher, über mein Schreiben oder mich erfahren wollt, besucht mich gern auf meiner Website www.christianhandel.de oder auf meinem Patreon-Kanal, auf dem ich auch Schreib-Coachings anbiete.

Das Hörbuch Rowan und Ash: Ein Labyrinth aus Schatten und Magie findet ihr hier.

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