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Die Besessenheit des Lesers: Finderlohn von Stephen King (Rezension)

04.09.2015

Morris Bellamy ist stinksauer auf seinen Lieblingsschriftsteller. Der letzte Band der berühmten ‚Läufer‘-Trilogie von Autor Philip Rothstein hat ihm gar nicht gefallen. Also bricht er in Rothstein’s Haus ein – und bringt ihn um. Dabei entdeckt er in Rothstein’s Safe die handgeschriebenen Entwürfe für zwei weitere ‚Läufer‘-Romane. Bevor er sie lesen kann, landet Morris jedoch für ein anderes Verbrechen im Gefängnis. Die Roman-Entwürfe und das Geld aus dem Safe geraten in die Hände des Teenagers Pete Saubers. Jahre später wird Morris entlassen. Und will die unveröffentlichten Romane wiederhaben…
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Krimi vom King of Horror

Das hört sich nach einem Krimi an, oder? Ist es auch. Nachdem Stephen King jahrzehntelang als King of Horror galt, probiert er ein neues Genre: Finderlohn ist der zweite Teil einer Krimi-Trilogie um den Ex-Cop Bill Hodges. Auch wenn Horror-Fans darüber nicht unbedingt glücklich sind - Teil 1 hat den Richtungswechsel bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Mr. Mercedes wurde mit dem Edgar Award, Amerikas wichtigstem Krimi-Preis, ausgezeichnet.

Ganz ohne Gänsehaut bleibt Finderlohn nicht. King kann es wohl nicht lassen, den Gewaltszenen durch besondere Blutigkeit und gnadenlose Beschreibung einen Hauch Horror zu verleihen. Nach Monstern (oder Clowns) sucht man allerdings vergeblich. Von den menschlichen mal abgesehen.

Bevor Finderlohn zum Krimi gerät, frönt King seinem Faible für Charakterentwicklung: Auf der einen Seite haben wir den irren Morris mit der dominanten Mutterfigur. Auf der anderen den gutherzigen Pete, der seine Eltern mit dem Geld aus dem Safe über Wasser hält. Beide sind begeisterte Leser, lieben dieselbe Trilogie, unterschiedlich nur im Grad ihrer Besessenheit und in ihren Handlungsmotiven. Ihnen gehört der Roman – Bill Hodges und seine Kompagnons tauchen erst weit in die Geschichte hinein auf. Da wird Finderlohn dann vom Roman zum Krimi, inklusive wachsender Spannung, eskalierender Gewalt und einem absehbaren, dennoch packenden Showdown.

Von Sequels, Fans und der Angst des Autors

Nicht zum ersten Mal thematisiert Stephen King die krankhafte Besessenheit eines Lesers. Schon in Sie (Misery) folterte eine enttäuschte Leserin ein alternatives Serienende aus ihrem Lieblingsautoren heraus. Diesmal zieht der brüskierte Fan seine Rachegelüste gleich am Anfang durch. Der Autor überlebt Kapitel Eins nicht. Pikanterweise geht seine Geschichte ganz ohne ihn, nur mit den Lesern, weiter.

Das passt zu den ängstlichen Fragen, die der gegen Fortsetzungen lange Zeit allergische Stephen King in Finderlohn aufwirft:

Was ist, wenn das heiß ersehnte Sequel die Leser schwer enttäuscht? Was, wenn das Werk wichtiger wird als der Autor selbst? Wenn die Liebe zur Literatur in Obsession umschlägt? In Zeiten, wo Autoren mit ihren Fans immer mehr in den Dialog treten, wo sie nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen, sondern die Reaktionen der Leser unmittelbar zu spüren bekommen, ist ein durchgedrehter Fan wie Morris nicht weit hergeholt.

Gut verflochten ist halb zitiert

Ein Clue von Finderlohn sind die Verflechtungen zwischen Teil 1 und 2 der Reihe. Eine frühe Szene lässt den Hörer stutzen (und nachprüfen, ob der Player auch das richtige Buch abspielt). Déjà vu! Die Verbindungen sind clever, glaubhaft, machen Spaß.

Ebenso wie die Anlehnungen an real existierende literarische Meisterwerke und deren Erschaffer: Der einsiedlerische Philip Rothstein (Philip Roth, irgend jemand?) erinnert sehr an J.D. Salinger. Die ‚Läufer‘-Trilogie hat viel von John Updike’s ‚Rabbit‘-Reihe. Wer belesen ist, entdeckt weitere Referenzen. Ein kleines Fest für Bibliophile!

Gute Aussichten für ‘End Of Watch’

Gegen Ende schließt sich der Kreis zu Mr Mercedes. Ein alter Bekannter sorgt für einen Schluss, der der Reihe einen neuen Spin verleiht und ein weiteres Genre zum Roman-Krimi-Cocktail dazumixt. Und weckt für Band 3, der ‘End Of Watch’ heißen soll, hohe Erwartungen.

Auch wenn Stephen King vermutlich gerade etwas Bammel hat: Mit dem gelungenen Finderlohn kann er sich vor dem Zorn seiner Fans erstmal einigermaßen sicher fühlen…

Auf Deutsch: David Nathan

Finderlohn von Stephen King Wer könnte Stephen King auf Deutsch besser vorlesen als David Nathan? Ob Horror wie Es oder einen Roman wie Joyland – Nathan hat als Sprecher Stephen King’s Entwicklung miterlebt und umgesetzt. Nathans ruhige Eindringlichkeit lässt die Texte wirken. Nie drängt er sich in den Vordergrund. Wenn David Nathan loslegt, scheinbar unspektakulär, entwickelt sich ein Sog, aus dem man sich schwer lösen kann.

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Auf Englisch: Will Patton

Finders KeepersGanz anders der Sprecher der amerikanischen Hörbuchvariante: Will Patton (Falling Skies) hat eine markante Stimmeund Vortragsart, irgendwo zwischen gegerbtem Leder und Zigarre im Mundwinkel. Das passt besonders gut zu Bill Hodges. Bei der Rollenverteilung nutzt er sein ganzes Schauspielkönnen. Die verzagte, kauzige Holly sorgt in seinen Händen für Lacher und Rührung, Morris für kalten Schauder.

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Wer die Wahl zwischen Deutsch und Englisch hat, muss sich diese Grundsatzfrage stellen: Leise Eindringlichkeit oder knarziges Charaktergenuschel? Es ist ein schwere Entscheidung.

Ihr möchtet mehr King?

Dann findet ihr hier die Rezension zu Mr. Mercedes, eine Aufstellung aller bisher bei uns erschienenen Stephen King-Hörbücher und die Rezension zu King’s aktuellem Roman, Revival.