Die Lust am Grusel

Interview mit Peter Laws
30.10.19

Was fasziniert uns Menschen eigentlich an Gruselgeschichten, Horrorfilmen und –literatur – und warum wird der amerikanische Feiertag Halloween so beliebt in Europa? Wir trafen den britischen Mystery-Autor Peter Laws zum Gespräch über sein Lieblingsthema fiktionalen Horror: Monster, Geister, Tod und Gore. Ein Interview.

Peter Laws veröffentlichte 2018 das Sachbuch „The Frighteners“, seitdem ist er ein gefragter Horror-Experte in Talkrunden. Im englischen Sprachkreis wird er gern als „Sinister Minister“ bezeichnet, also „Düster-Priester“, denn er ist trotz (oder vielleicht auch gerade wegen?) seiner Vorliebe für das Makabre ordinierter Pfarrer der englischen Baptisten und hat auch einige Jahre sehr aktiv in dem Beruf gearbeitet – bevor sein Erfolg als Autor dazu führte, dass er mehr und mehr Zeit am Schreibtisch verbrachte und verbringt. Sein Sachbuch „The Frighteners“, eine autobiografische Annäherung an alles rund um Horror, Monster und Gore, durchsetzt mit typisch britischen schwarzhumorigen Anekdoten und historischen Details, ist leider bislang noch nicht auf deutsch erschienen. Er erzählt darin von sehr persönlichen Begegnungen mit Werwölfen, Vampiren und Zombies, unterhält sich mit einem Mann, der auf einer Bahre in einem Beerdigungsinstitut übernachtet hat, nachdem er eine schwere Krankheitsdiagnose verdauen musste, und wird von einem kettensägeschwingenden Irren durch einen Bauernhof voll lebloser Körper gejagt. Wir sprachen mit ihm darüber, was uns Menschen an Horror und Gore so fasziniert – und ob uns das eigentlich alle zu potenziellen Massenmördern macht. Also flugs die Sargdeckel aufgeklappt, die Spiegel verhängt, etwas Tageslicht geschnuppert und ran an das nachfolgende Interview!

The Frighteners

Autor:
Peter Laws
Sprecher:
Mark Meadows
Spieldauer:
9:08
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Peter, du lebst in England. Ist die Halloween-Tradition in England so ähnlich wie die in den USA, die wir ja überwiegend durch Filme kennen?

Könnte man sagen. Halloween ist sicherlich auf der ganzen Welt populärer geworden, aber hier in England wird es mittlerweile zu einem der wichtigeren Feste im Jahreskalender. Hier ist es auch eine sehr soziale Festivität. Weihnachten etwa ist ja eher ein Fest der Zurückgezogenheit: es geht um Nächstenliebe und die Liebe zur eigenen Familie, während Halloween eine recht gemeinschaftsorientierte Angelegenheit ist. In der Stadt, in der ich wohne, kommen hunderte von Familien mit ihren Kindern zusammen und laufen gemeinsam durch die Straßen. Das ist zu einer ganz großen Sache geworden.

Ist die Annahme korrekt, dass du Halloween wirklich gern magst?

Das tue ich! Wenn ich mich zwischen Weihnachten und Halloween entscheiden müsste, würde ich zwar immer noch Weihnachten wählen, weil ich ein absoluter Weihnachtsfan bin. Aber Halloween ist fantastisch! Der Sommer ist vorbei und wir sehen, wie die Blätter an den Bäumen absterben. Es ist völlig normal und sogar ein ausgezeichneter Zeitpunkt, um über die Vergänglichkeit des Lebens nachzudenken, und das mit jeder Menge Spaß dabei. Leute, die sich verkleiden und über sich selbst lachen – ich finde das zwar nicht besonders bedrohlich, aber ich kenne trotzdem einige, die Halloween beängstigend finden.

Auf vergnügliche Weise beschäftigt man sich mit Blut, Innereien und dem Tod.

Und das ist das Ironische daran! Ich finde den Tod an sich nicht besonders amüsant. Wenn ich von einem Mord in den Nachrichten erfahre, sitze ich nicht da und denke „Juhuu, das ist total aufregend!“ – solche Nachrichten finde ich eher verstörend. Dennoch tue ich nicht so, als würden diese Themen nicht existieren. Ich weiß, dass das Thema Tod 100 % relevant für jeden von uns ist, mich eingeschlossen. Mein ganzes Leben versuche ich schon, diesem Thema tapfer ins Auge zu sehen, aber das kann ich nur in geschützten Räumen tun. Halloween zu feiern, Gruselgeschichten und Krimis zu schreiben oder zu lesen oder Horrorfilme anzusehen, das sind alles Techniken, die wir brauchen, um mit diesem wichtigen, aber sehr beängstigenden Thema umzugehen. Wir wenden es dabei in etwas Positives.

Es geht also eher um den Rahmen, in dem die Horrorereignisse stattfinden? Mit dem klaren Anfang und Ende eines Feiertags, Films oder Buches wird der Horror erträglich, weil man weiß, dass es irgendwann vorbei ist? Hat das auch mit Selbstermächtigung zu tun, man weiß, dass man jederzeit aussteigen kann?

Klar. Natürlich gibt es auf der Welt Menschen, die das Pech haben, tagtäglich endlosen Horror zu erleben, die in Kriegs- oder Krisengebieten leben oder häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich habe mich mal mit einer Soldatin unterhalten, die groteske, extreme Erfahrungen auf dem Schlachtfeld gemacht hatte. Die hatte absolut keinen Spaß mehr an Horrorfilmen, als sie aus dem Einsatz zurückkehrte. Aber gibt es Menschen, die in ihrem Leben echte Horrorerfahrungen gemacht haben und sich trotzdem mit gruseligen Themen befassen, weil es ihnen irgendwie hilft, mit dem Erlebten umzugehen.

Wir leben in einer ziemlich sicheren Gesellschaft. Die wenigsten von uns werden täglich mit dem Tod konfrontiert, was toll ist, aber gleichzeitig bedeutet, dass dieses Thema für uns immer auch eine neue Erfahrung ist, etwa einen Toten zu sehen. Unser Gehirn liebt neue Erfahrungen und so signalisiert es erst mal Neugierde. Wenn Leute auf der Autobahn einen Unfall sehen, sagt ihr Gehirn, „Oh, interessant, was ist das denn?“, es will Daten, mehr Informationen. Das macht Gaffer nicht zu Freaks – sondern lässt sie eigentlich recht menschlich erscheinen.

Ist das auch der Grund, warum wir uns so gerne Horrorfilme ansehen?

Es gelüstet uns nach hochdramatischen Stoffen. Und was ist dramatischer als die Konfrontation von Leben und Tod? Natürlich kann sich unsere Kultur, Kunst oder Literatur nicht ständig ausschließlich mit diesen Themen befassen. Horrorfilme oder -literatur erschaffen ein ultimatives Bedrohungsszenario. Nicht nur auf Leben und Tod – sondern möglicherweise auch auf der transzendenten oder übernatürlichen Ebene. Ein Hunger nach Drama und Erregung treibt diese Themen in die Gruselecke. Wir fühlen uns zu düsteren Themen durchaus hingezogen.

Aristoteles beschreib in seiner antiken Dramentheorie den Moment der Katharsis in einer Aufführung, den Moment der moralischen Rührung, der dazu führe, dass wir geläutert, als bessere Menschen aus einer Theatervorstellung herauskämen – spielt das bei Horrorfilmen vielleicht auch eine Rolle?

Klar! Horrorfilme sind die reinsten Moralstücke, aber eben welche, die in unserem modernen liberalen Umfeld funktionieren. Leute mögen keine Moralpredigten. Wir misstrauen Menschen in politischen oder religiösen Ämtern, wenn sie uns moralische Regeln vorschreiben. Und in dieser Welt, die Moralaposteln eher misstrauisch begegnet, kommen also Horrorfilme daher und durchbrechen diese Abwehrhaltung. Ein gutes Beispiel dafür sind die „Saw“-Filme. Das sind regelrechte Folterpornos, grotesk!, aber wahnsinnig erfolgreich. Einer der Gründe für diesen Erfolg ist, dass alle Opfer in den Filmen irgendetwas Unrechtes getan haben. Und dann kommt diese Figur, Jigsaw, und bestraft sie dafür. Etwa einen Drogendealer, der in ein Loch voller Spritzen geworfen wird oder ein Pädophiler, dem die Beine abgeschnitten werden. Die Moral dahinter ist total offensichtlich, genau wie in diesen uralten Märchen und Sagen, „Wenn du etwas Unrechtes tust, wirst du dafür auf die eine oder andere Weise bestraft.“ Das appelliert an unser Gefühl für Falsch oder Richtig – dennoch können Horrorfilme das auf eine Weise abbilden, die nicht als Predigt daherkommt oder mit einem Heiligenschein der Selbstgerechtigkeit, weil eben alles in Blut und Innereien getränkt ist! Ziemlich clevere Sache.

Der Moment der Katharsis, bezieht der sich vielleicht auch auf die Erleichterung, selbst überlebt zu haben? Ich bin in der Lage, wieder aus dem Kino zu spazieren, ganz anders als die niedergemetzelten Opfer.

Absolut. Wenn man einen Horrorfilm ansieht, wird man in der Handlung gefangen und identifiziert sich mit den Charakteren. Genauso ist es: Du bist der- oder diejenige, die aus dem Film lebend wieder rausspaziert. Deshalb kommen Leute manchmal kichernd aus dem Kino, selbst wenn sie grad einen blutigen Horrorfilm oder Thriller angesehen haben und sagen, „Oh, das total lustig, ich würde gerne Teil 2 davon sehen!“ Andere Leute wären davon eher überrascht, „Warum, um Himmels Willen, willst du den sehen?“. Aber so ist es eben: auch wenn der Weg dahin ziemlich düster ist, steht am Ende doch etwas Positives, ein Gefühl der Hochstimmung, Spaß, Sicherheit und auch Vergnügen und Abenteuer. Das sind alles positive Emotionen. Wie wir dahinkommen, ist letztlich irrelevant, so lange wir diese Gefühle auf sichere Art und Weise erhalten und niemanden dabei verletzen. Ich schätze, ein Serienkiller würde auch sagen: „Super, jetzt hab ich hundert Leute umgebracht, jetzt bin ich richtig gut drauf“. Wäre das aus unserer Perspektive okay? Nein, das wäre natürlich nicht okay.

Was fasziniert uns dagegen an nichtmenschlichen Monstern, etwa Hybriden wie Werwölfen?

In „The Frighteners“ berichte ich über eine Begegnung mit einer Frau, die behauptet, eine Werwölfin zu sein. Sie lebe mit ihrem Großvater im Wald, mit dem sie zusammen auf die Jagd gehe. Unsere Kultur besitzt eine große Faszination für Monster. Und kein Monster ist grauenhafter als jenes, das in uns selbst wohnt. Vor allem seit wir wissen, wie das mit der Evolution funktioniert. Es gibt also diese Idee von der Verbindung zwischen Mensch und Tier – und dann schauen wir auch noch auf diese Primaten-Urgeschichte zurück. Eine Zeitlang wurde ernsthaft eine Theorie der Devolution als Gegenstück zur menschlichen Weiterentwicklung diskutiert: „Vielleicht entwickeln wir uns zurück zu unserem tierischen Ich“. Eventuell passiert das ja auch manchmal, wenn wir uns mit jemandem streiten und tierisch wütend werden, die Zähne fletschen und losgrollen: „Grrrrrrrrr“ – und kurz davor sind, uns mit den Fäusten auf die Brust zu trommeln … Das ist ein sehr fruchtbares Feld für Geschichten.

Es gibt diese Interpretation, dass der Werwolf für die unkontrollierbare Seite in uns steht. Er wird auch gerne als Sinnbild für Alkoholismus genommen. Wenn man am Tag nach einem großen Besäufnis aufwacht und denkt, „Oh je, was habe ich letzte Nacht bloß gemacht, ich kann mich nicht mehr erinnern!“ Aber ich mag Werwölfe. Trotzdem gibt es viel weniger Werwolffilme im Monsterkino als z. B. Filme über Geister oder Vampire. Es existieren nur rund 300, verglichen mit Millionen von Zombiefilmen. Das liegt vermutlich daran, dass es so schwierig ist, vor der Kamera einen überzeugenden Werwolf herzustellen. Für diese Verwandlungsszene vom Menschen zum Wolf braucht man wachsende Haare etc. Filmemacher tendieren eher zum Zombie, der ist einfacher herzustellen. Oder Vampire: man braucht nur die Zähne und ein paar Spezialeffekte.

Was ist denn dein Lieblings-Horrorgenre?

Ich mag diese Filme, in denen die Natur verrückt spielt, die in den 1970ern sehr beliebt waren. Alle Hunde auf der Welt fangen an, Leute zu attackieren – oder Insekten! Ich hasse Insekten – ich grusele mich total vor Insekten. Aber Filme, die mich wirklich tief in meinem Innersten ansprechen, sind solche, die sich mit übernatürlichen Phänomenen befassen, Geistern und Dämonen. Die geben mir ironischerweise Hoffnung. Ich finde die furchteinflössend, wenn ich sie ansehe, aber am Ende denke ich, vielleicht gibt es sowas wie ein Leben nach dem Tod. Wenn ich mal sterbe, vielleicht kommt danach noch was. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mit einer klassischen Krimihandlung nicht so viel anfangen kann, die sich mit so deprimierenden Themen befasst wie: eine Frau wird im Park überfallen, vergewaltigt und ermordet und in den nächsten 90 Minuten versuchen sie herauszufinden, wer der Mörder war, und dann finden sie ihn und stecken ihn ins Gefängnis. Das ist dann das Ende des Films. Davon kriege ich Depressionen.

Du hast eine interessante Theorie: Slasherfilme fördern das Selbstbewusstsein von Frauen, sind also eine Form von Empowerment? Wie geht denn das zusammen?

Ich denke, dass das Horrorgenre generell eines der Filmgenres ist, das Frauen am stärksten fördert, Frauen mehr Autonomie zugesteht. Die meisten Mainstreamfilme drängen Frauen in den Hintergrund. Hollywood wird derzeit ein bisschen besser darin, Frauen mehr Raum zu geben, das gebe ich zu. Aber Horrorfilme tun das schon seit einigen Jahren. Am Ende ist oft eine Frau die Heldin, die zu Hochtouren aufläuft, mit Kettensägen und solchem Kram. Das wundert mich also überhaupt nicht, dass Frauen Horrorfilme lieben, auch wenn eine Menge Frauen in Horrorfilmen sterben. Es hat etwas Berauschendes, Leute, die dir ähnlich sind, auf der Leinwand sterben zu sehen – eben weil du es nicht selbst bist. Genauso berauschend ist es, wenn die Filmheldin dir ähnlich ist. Was viel verstörender ist, wenn du siehst, dass der Killer jemand wie du ist. Dann können einem solche Filme schon unter die Haut gehen und uns Angst einjagen.

In den 1970er Jahren waren Frauen eher die Opfer in Horrorfilmen, die am Ende von einem Mann gerettet wurden. Frauen werden generell häufiger als Opfer im Film dargestellt. Wenn sie dann im Horrorfilm zurückschlagen, macht es vielleicht diese Diskrepanz zu einer interessanten biografischen Entwicklung für die weibliche Hauptfigur?

Horrorfilme waren auch nie so besonders gut in Sachen Diversität in anderen Bereichen. In den 1990ern etwa gab es ganz wenige afroamerikanische Figuren im Horrorfilm. Sie existieren, aber als Handlanger der weiblichen Heldin im Film. Das scheint sich im Moment zu ändern. In den 1970ern gab es ein paar sehr starke Charaktere im Blaxploitation-Genre, etwa in „Blacula“, das Sequel hieß „Scream, Blacula, Scream“. Die Hauptfigur wurde von einem wunderbaren Darsteller gespielt, William Marshall, und es ging darum, Rache für das entstandene Unrecht in der Zeit der Sklaverei zu verüben. Der Film wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen. Im Zentrum stand dieser schöne, elegante, kultivierte schwarze Mann – er war einfach brillant. Gleichzeitig gab es all die anderen Filme, in denen afroamerikanische Menschen nur Nutten, Zuhälter und Diebe spielen durften. Auch in diesem Bereich hat das Horrorgenre also schon Grenzen gesprengt und neu definiert.

Du bist ja ordinierter Priester der baptistischen Kirche in England – steht das eigentlich in irgendeinem Zusammenhang mit deinem Interesse an transzendenten Themen in Horrorfilmen?

Das ist alles miteinander verknüpft. Mein Interesse an Spuk und Geistern kam aber zuerst, bevor ich mich überhaupt für die Kirche und Gott interessierte. Als ich aufgewachsen bin, hab ich das Christentum für eine totale Farce gehalten. Ich dachte immer, warum sollte ich ein Christ sein wollen – Christen, die ich traf, konnte ich absolut nicht ausstehen. Ich hatte auch diese paranoide Vorstellung, dass mich Christen in einen bestimmten Typ Mensch verwandeln wollten. Als Jugendlicher spielte ich in einer Band, Creatures of the Night, in der wir Songs gespielt haben, die sich darum drehten, auf die Bibel zu spucken und solches Zeugs.

Ich hatte aber mein Leben lang dieses innere Fragezeichen in Bezug auf transzendente Themen. Die Hauptfigur in meinen Romanen, Matt Hunter, ist allerdings ein Atheist. Ich halte Atheismus für eine absolut berechtigte rationale Weltsicht. Ich für meinen Teil wollte aber irgendwie immer mehr als das. Wenn ich also Geschichten über dieses Haus am Ende der Straße gehört habe, in dem es angeblich spukte, dann verwandelte das meine Heimatstadt in eine Art epischer Bühne, auf der einfach alles möglich war. Das fand ich ziemlich aufregend. Meine Suche nach Transzendenz befeuert mein Interesse an Spuk und Horror und Monstern, ebenso wie mein Interesse an Göttlichkeit, an Gott. Ich denke, dass alles miteinander zu tun hat. Eigentlich lag es an Filmen wie „Der Exorzist“, dass ich überhaupt über das Christsein nachgedacht habe. Ich war null am Christentum interessiert, bevor ich mich mit dem Horrorgenre befasst habe.

Was hat dich eigentlich dazu veranlasst „The Frighteners“ zu schreiben?

Das lag daran, dass ich ständig gefragt wurde, warum zur Hölle ich eigentlich so auf dieses gruselige Zeug stehe, wenn ich gleichzeitig Christ und Priester bin. Für mich geht das auf völlig plausible Art zusammen und ich wollte die Hintergründe näher erläutern. Das wollte ich aber nicht nur für mich selbst klären, sondern auch im Namen all der Millionen Leute, die diesen Kram auch lieben. Was mich wirklich berührt hat, war die Reaktion auf das Buch: wie viele Leute sich mit mir in Verbindung gesetzt haben, um mir zu sagen, wie sehr sie das Buch bewegt hat. Dass sie sich bislang etwas einsam mit ihren Vorlieben gefühlt hätten und dass sie immer befürchtet hatten, es sei irgendwas mit ihnen nicht so richtig in Ordnung. Ein Ehemann schrieb mir: „Meine Frau liebt besonders blutige Horrorfilme und ich verstehe das einfach nicht. Aber ich habe Ihr Buch gelesen und jetzt kann ich mir wenigstens sicher sein, dass sie mich nicht eines Tages um die Ecke bringt.“

Was ist denn dein Fazit, das du in „The Frighteners“ über die Liebe zum Grusel ziehst?

Das Leben ist immer eine Mischung aus Licht und Dunkelheit. Wenn man nachts rausgeht und in die Sterne schaut oder auf den Mond, dann ist dieser Anblick nur deshalb so schön, weil diese Lichtpunkte von Dunkelheit umgeben sind. Es ist also die Kombination aus Licht und Dunkel, die das Leben erst interessant und schön macht. Mein Ansatz in „The Frighteners“ ist, dass es etwas mit Fortschritt zu tun hat, wenn man in ein Kino gehen und sich dort genüsslich ansehen kann, wie jemand mit einer Axt zerstückelt wird. Warum ist das ein Zeichen von Fortschritt? Die Leute im Alten Rom haben sich tatsächlich, im richtigen Leben mit Äxten zerstückelt. Heutzutage werden die Opfer dieses Axtkillers wenigstens angemessen für ihre Leistung bezahlt und können anschließend wieder aufstehen und nach Hause gehen. Ich bin natürlich absolut gegen echte Gewalt und Totschlag, aber so ein wichtiges Thema in unserem Leben einfach zu ignorieren, ist absurd. Leute, die sich mit sowas beschäftigen, sind wirklich völlig normale, wunderbare menschliche Wesen. Das ist in gewisser Weise auch die große Botschaft in meinem Buch „The Frighteners“ … die lautet: schämt euch nicht für das, was ihr seid … seid einfach ganz ihr selbst … sei du selbst.

Peter Laws ist ein britischer Autor, Journalist und Filmkritiker und darüber hinaus ordinierter baptistischer Pastor mit Vorliebe für das Makabre. Auf seinem YouTube-Kanal berichtet er über alles rund um das Thema Horror. Sein Debütroman „Sühneopfer“, der erste Fall des Soziologieprofessors Matt Hunter, erschien 2018 auf Deutsch bei Bastei, im Januar 2020 erscheint der zweite Band unter dem Titel „Sühnenacht“.


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