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Hilary Mantel – Wölfe und Falken

05.05.2015

Ich bin eigentlich kein großer Fan von historischen Romanen. Der Inhalt ist mir oft zu bedeutungsschwer und der Stil zu hochgestochen. Und oft bleibt für mich das Gefühl aus, wirklich etwas aus einer anderen Zeit erfahren zu haben oder eine Vorstellung davon zu haben, wie es damals war. In den meisten Fällen kommt es mir eher so vor, als würde ich einen normalen Roman zu einem beliebigen Thema lesen, nur dass die Protagonisten zufällig in Schlössern leben, Rüstungen anziehen und hin- und wieder in blutige Schlachten ziehen. Deshalb ziehe ich trockene Sachbücher oft den fiktionalen Werken vor.

Autorin Hilary Mantel

Hilary Mantels Reihe um Thomas Cromwell, die mit Wölfe beginnt, habe ich wohl deshalb auch erst einmal nicht bemerkt. Aber Frau Mantel macht es einem schwer, sie nicht zu bemerken. Sie ist nicht nur die erste Frau, die den Booker Prize – den wichtigsten Literaturpreis Englands – zweimal gewonnen hat, sondern hat dies auch zum ersten Mal mit einer Buchreihe geschafft. Sowohl Wölfe als auch der zweite Band der Thomas Cromwell-Reihe Falken haben den renommierten Literaturpreis gewonnen – für historische Romane zuvor eigentlich undenkbar.

Als daraufhin beide Bücher große internationale Erfolge wurden, setzte Hilary Mantel noch einen Skandal obendrauf: In einem Vortrag, der sich vor Fachpublikum mit dem Thema „Royal Bodies“ auseinandersetzte, bezeichnete Mantel Kate Middleton als „Schaufensterpuppe ohne Persönlichkeit“, deren wichtigster Zweck des Gebären von Nachwuchs sei. Obwohl der Vortrag eher als Kritik an den Medien gedacht war, sah sich sogar der englische Premierminister David Cameron dazu veranlasst, Kate Middleton in aller Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen.

Dem Erfolg der Reihe konnte dieser Skandal jedoch nicht schaden und so wurde sie 2015 sogar von BBC in 6 Folgen verfilmt. Hier ein kleiner Einblick:

Rezension zur Thomas-Cromwell-Reihe

Was das alles mit „Wölfe“ zu tun hat? Zunächst zeigt es, dass Könige und Adlige durchaus noch ein sehr modernes und gegenwärtiges Thema sind und die Menschen im Heute beschäftigen können. Außerdem gibt es eine Aussicht darauf, wie ungewöhnlich die Autorin an doch eigentlich historische Themen herangeht.

Hilary Mantel - Wölfe
„Wölfe“ spielt im 16. Jahrhundert und dreht sich um den Aufstieg Thomas Cromwells aus einfachsten Verhältnissen zur rechten Hand des Königs Henry VIII. Die Geschichte ist eigentlich hinlänglich bekannt: Henry VIII wollte sich von seiner Frau Katharina scheiden lassen, da aus der Ehe kein Sohn entsprang und die ungeklärte Thronfolge England an den Rand des Bürgerkrieges brachte. Mit der Hilfe Thomas Cromwells und einiger Intrigen gründete Henry VIII mal eben eine eigene Kirche, spaltete das Land und heiratete noch zweimal, wobei er eine seiner Ex-Frauen sogar hinrichten ließ. Das alles kennt man aus unzähligen historischen Romanen, Filmen und Serien wie z.B. den Tudors die auch hierzulande sehr erfolgreich im Fernsehen liefen.

Hilary Mantel - Wölfe
Wölfe und Falken aber sind etwas Besonderes. Nachdem Hilary Mantel jahrzehntelang die Geschichte der Tudors und Thomas Cromwell bis ins kleinste Detail studierte und inzwischen wahrscheinlich den Tagesablauf der historischen Figuren auswendig kennt, hat sie nicht einen nacherzählenden Schinken geschrieben, sondern sich der Geschichte genähert als wäre sie die Gegenwart. Das fängt schon beim Stil an – Mantel schreibt im Präsenz, lässt Sätze abbrechen, Gedankenfetzen durch den Text geistern und spart sich die üblichen raumgreifenden Beschreibungen historischer Rituale, Paläste oder Kleidungen. Sie schreibt nicht über, sondern in der Zeit Thomas Cromwells. Und obwohl (oder gerade weil) Sie umständliche Erläuterungen und Erklärungen weglässt, wirkt die Handlung unendlich spannend und modern. So schafft es Hilary Mantel, dass man tatsächlich in die Welt der Tudors abtaucht als wäre es die heutige. Intrigen, Mord und Komplotte wirken umso schockierender, da man sie tatsächlich aus der Sichtweise der Protagonisten erlebt. Man braucht zugegeben etwas Zeit, um sich in dem ungewöhnlichen Stil zurechtzufinden, aber sobald „Wölfe“ einen gepackt hat, kommt man nicht mehr heraus.

Dieser ungewöhnliche Stil hätte durch einen Sprecher auch gut und gerne gegen die Wand gefahren werden können und das Buch als unvertonbar abgestempelt werden können. Aber Sprecher Frank Stöckle setzt den Werken von Hilary Mantel im Hörbuch sogar noch die Krone auf. Mal klingt sein Vortrag scharf wie ein in den Rücken gerammtes Messer, mal verletzlich wie eine betrogene Hofdame. Aber immer hat man das Gefühl, durch seine Stimme im Hier und Jetzt einer vergangenen Zeit zu schweben und die Gedanken und Gefühle der Figuren mitzuerleben, statt nur beschrieben zu bekommen.

Fazit

Wölfe und der Nachfolger Falken sind eine absolut neue Erfahrung im historischen Roman, die jeder, der Lust auf Neues hat, einmal ausprobieren sollte!

 Hier geht es zum Hörbuch Wölfe von Hilary Mantel.