„Bringe ich Menschen in Gefahr?“

„Bringe ich Menschen in Gefahr?“
11.04.18

Patrizia Schlosser sucht im Original Podcast "Im Untergrund" drei untergetauchte RAF-Terroristen. Im Interview berichtet sie von ihren Erlebnissen.

Update: Am Mittwoch, 11. April 2018 ist Patrizia Schlosser ab 23:45 Uhr zu Gast bei Markus Lanz in seiner gleichnamigen ZDF-Sendung. Sie stellt dort ihren Audible Original Podcast "Im Untergrund" vor und berichtet über die Herausforderungen bei der Suche nach drei untergetauchten RAF-Mitgliedern.

"Im Untergrund" ist der aufwändigste Original Podcast im Programm von Audible. Über ein Jahr lang hat die Journalistin Patrizia Schlosser für uns recherchiert. Hat sich gemeinsam mit ihrem Vater, einem Ex-Polizisten, auf die Suche nach drei mutmaßlichen Terroristen begeben. Mit modernem Storytelling erzählt sie nun von ihren Erlebnissen aus dieser Zeit. Im ihrem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE und hier im Interview beim Audible Magazin erfahren wir mehr von ihrer Recherche und der Produktion einer solchen investigativen Reportage.

Du hast dich 2016 mit der Idee für den Original Podcast „Im Untergrund“ bei uns beworben. Wie kamst du auf diese Idee? Was hat dich angetrieben, für dieses Thema zu recherchieren?

Ich hab die Idee gar nicht gesucht, die kam zu mir! Die Polizei stellte 2015 die DNA von den drei mutmaßlichen RAF-Mitgliedern am Tatort eines Raubüberfalls in Niedersachsen sicher. Ich musste sofort an meinen Vater denken. Als ich noch ganz klein war, hat er als Streifenpolizist in München gearbeitet und musste während den Hoch-Zeiten der RAF immer wieder Straßenkontrollen machen. Als "Bullenschwein" hätte ihn die RAF vielleicht abgeknallt, wenn er ihnen begegnet wäre. Und jetzt, mit den Raubüberfällen, waren diese Gespenster aus der Vergangenheit meines Vaters plötzlich wieder da. Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Außerdem beschäftigt mich die Frage sehr: Wie schafft man politische Veränderungen? Darf man dafür auch Gewalt anwenden? Wie weit würde ich gehen für meine Ideale?

Trailervideo zum Audible Original Podcast "Im Untergrund"

Du bist als Journalistin bereits viel im Ausland für Recherchen unterwegs gewesen – erzähl uns ein bißchen aus dieser Zeit und deinen Erlebnissen.

Ich habe Geschichte und Kultur des Nahen Ostens mit Schwerpunkt Iran - ja, ein sehr sperriger Titel - in München studiert, und habe einige Monate in Tel Aviv und Ramallah gelebt. Einmal habe ich für das ARD-Hörfunkstudio einen Palästinenser, der jeden Tag von den Palästinensischen Gebieten nach Tel Aviv pendelt, auf seinem Arbeitsweg begleitet und wurde am Checkpoint von isarelischen Soldaten festgenommen. Da ging mir die Pumpe, aber es lief dann doch alles glimpflich ab. Letztes Jahr, nach dem Iran-Deal, bin ich nach Teheran gefahren und bin eine Woche im Auto eines iranischen Geschäftsmanns mitgefahren - das war die bis dato lustigste, leckerste und abwechlungsreichte Fahrt meines Lebens.

Was war anders bei den Recherchen zu „Im Untergrund“?

Wie gesagt hab ich schon ein paar Geschichten auch in schwierigeren Gebieten recherchiert, aber nichts davon konnte mich auf die Recherche für "Im Untergrund" vorbereiten. Denn es war ja nicht nur eine aufwendige Sache, die über ein Jahr gedauert hat, sondern auch eine sehr persönliche zwischen meinem Vater und mir. Noch nie davor haben wir so viel Zeit miteinander verbracht und diskutiert. Ich schätze, er würde mir zustimmen, dass ein Jahr Familientherapie nichts dagegen ist.

Ein Jahr Familientherapie ist nichts dagegen.

Patrizia Schlosser über die Recherche mit ihrem Vater

Wie haben die gemeinsamen Recherchen die Beziehung zwischen dir und deinem Vater verändert?

Wenn mein Vater und ich aufeinandertreffen, dann war schon immer wegen irgendwelcher politischer Themen Streit angesagt, z.B. über die Regierung oder über Flüchtlinge. Und am Ende sitzen wir immer beide frustriert da. Aber: Gerade weil er so anders denkt, war er für "Im Untergrund" der perfekte Sparringspartner. Was hätte es mir genützt, mit jemandem loszuziehen, der genauso - mit den Worten meines Vaters - "links-grün-versifft" ist wie ich? Auch wenn uns beiden die Recherche einiges an Nerven gekostet hat, hat es uns auch Respekt füreinander abgenötigt. Ich habe das Gefühl, wir sind jetzt nicht mehr "nur" Vater und Tochter, sondern zwei Menschen, die sich für ihre unterschiedlichen Ansichten schätzen.

Du bist für diesen Podcast ganz nah an die drei herangekommen. Gab es Situationen, in denen du Angst hattest, in denen es dir zu heiß, zu viel wurde? Welche, wann, wie bist du damit umgegangen?

Es gab so einen Moment als jemand aus der linken Szene, laut eigener Aussage ein früherer Bekannter von Ernst-Volker Staub, mich online anonym zu denunzieren versuchte. Was mir Angst machte, war gar nicht mal, dass er mich so anging, sondern, dass der Text implizierte, dass er selbst für Treffen mit mir massiv Ärger bekommen hat. Das hat mir Angst gemacht. Bringe ich Leute durch diese Recherche in Gefahr? Ich habe daraufhin allen Interviewpartnern in der gleichen Stadt Bescheid gegeben, damit sie keine unangenehme Überraschung erleben. Das Thema RAF ist ein Minenfeld bis heute und die ganze Recherche hat mir extrem vor Augen geführt, dass ich mich nur bewegen kann, wenn ich möglichst transparent und geradlinig arbeite.

Bringe ich Leute durch diese Recherche in Gefahr?

Patrizia Schlosser, Journalistin "Im Untergrund"

War es schwierig, Interviewpartner zu finden?

Das war in der linken Szene sehr schwierig, weil Journalisten nicht gerne gesehen sind, um es mal milde zu formulieren. Da gibt es ein großes, leider jahrzehntelang gewachsenes, nicht unberechtigtes Misstrauen. Und deswegen bin ich allen sehr dankbar, die den Mut und die Offenheit hatten, mit mir zu sprechen.

Wie lief die Nachbereitung deiner Recherche?

Es ist ja eine Sache, alles bei einer Recherche zusammenzutragen - die andere ist es, das Ganze in eine Form zu bringen, durch die der oder die Hörerin dann Ganzen dann auch folgen kann. Dabei war mir Christina Ebelt eine Riesenhilfe! Sie ist eine geniale Drehbuchschreiberin und hat dafür gesorgt, dass "Im Untergrund" einen erkennbar roten Faden hat und, dass es von der ersten bis zur letzten Folge spannend bleibt. Vielleicht hört es sich erstmal komisch an, für ein journalistisches Format eine Dramaturgie zu entwickeln, aber eigentlich gehört genau das ja zu gutem Journalismus: Die recherchierte Wirklichkeit so in eine Form zu packen, dass es eine gut erzählte Geschichte ist. Im nächsten Schritt musste dann die schöne Theorie ganz praktisch hörbar gemacht werden. Dafür haben meine Produzentin Alexandra Distler und ich uns ihrem Studio eingesperrt. Ich habe einen Riesenrespekt davor, wie sie es geschafft hat, Musik, O-Töne, Geräusche so einzusetzen, dass alles ineinander greift. Dank ihrer Kreativität entstand echtes Kopfkino.

Hörst du selber Podcast? Gibt es Vorbilder, an denen du dich orientiert hast für „Im Untergrund“?

Ja, klar! Serial 1 und 2 finde ich großartig. Das unerreichbare Vorbild. Ich mag auch sehr Heavyweight von Gimlet Media, Revisionist History von Malcolm Gladwell und zuletzte habe ich Homecoming von Gimlet Media weggehört. Ich bin ein großer Fan von Podcasts, in denen Geschichten erzählt werden.

Das Thema RAF ist nicht aufgearbeitet.

Patrizia Schlosser, Journalistin "Im Untergrund"

Warum sollte man „Im Untergrund“ hören?

Weil wir alle Familie haben mit einer Vergangenheit, mit einer Geschichte, und weil das Thema RAF, auch wenn es wie erledigt klingt, in Wahrheit nicht aufgearbeitet ist. Die drei, Daniela Klette, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub, sind für mich ein Symbol dafür, dass wir uns mit der RAF anders auseinandersetzen müssen.

"Im Untergrund" wirft einen neuen und ungeahnt aktuellen Blick auf das Thema „RAF“. Die sechs Folgen sind exklusiv bei Audible verfügbar.

Darum geht´s bei "Im Untergrund"

Sie leben seit mehr als 25 Jahren im Untergrund: Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg. Sie sind die letzten Überreste der Roten Armee Fraktion, die im deutschen Herbst die BRD terrorisierte. Obwohl sich die RAF längst aufgelöst hat, geistern die Drei noch immer mit bewaffneten Raubüberfällen durch die Republik. Wo verstecken sie sich? Warum stellen sie sich nicht der Polizei? Und was hat sie überhaupt in den Terror und den Untergrund getrieben? Die Journalistin Patrizia Schlosser will das herausfinden und beginnt die Suche. Mit dabei: ihr Vater, der in der RAF-Ära Polizist war und den Terror hautnah miterlebte.

Im Untergrund (Original Podcast)

Autor:
Patrizia Schlosser
Sprecher:
Patrizia Schlosser
Spieldauer:
4:30 Std.

Sie leben seit mehr als 25 Jahren im Untergrund: Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg. Sie sind die letzten ...


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