"Wenig Angst, kein Mitleid"

Lydia Benecke

Kriminalpsychologin Lydia Benecke arbeitet mit Gewalt- und Sexualstraftätern. Welche Merkmale Psychopathen ausmachen und wie Behandlung gelingen kann, erzählt sie im Interview.

Frau Benecke, wenn Sie nicht gerade Vorträge halten oder Fortbildungen geben, wie sieht Ihre Arbeit als Kriminalpsychologin aus?

Ich arbeite als Therapeutin für Straftäter. Einerseits in einer Sozialtherapeutischen Anstalt, einer speziellen Art von Justizvollzugsanstalt, in der schuldfähige Gewalt- und Sexualstraftäter ein Therapieprogramm erfahren, andererseits in der Sexualstraftäterambulanz. Dort haben wir ein ziemlich weites Arbeitsfeld von Menschen, die beispielsweise wegen Kindesmissbrauchs, Exhibitionismus, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung zu uns kommen, bis hin zu entlassenen Sexualmördern.

Welche Merkmale muss ein Mensch aufweisen, um die Definition eines Psychopathen erfüllt?

Ganz wichtig vorab: Die meisten Straftäter sind keine Psychopathen. Es ist falsch zu denken, dass jeder der eine schlimme Straftat begeht, ein Psychopath ist. Die allermeisten, auch schweren Straftaten, werden von Menschen begangen, die keinen erhöhten Psychopathiewert haben. Psychopathische Täter sind nicht prinzipiell die, die die besonders erschütternden Taten begehen. Es ist nur eine kleine, aber relevante Gruppe, psychopathisch.

Und was macht diese Gruppe aus?

Einerseits können sie sich recht gut verkaufen, sind also ganz charmant im Umgang. Sie können sehr vernünftig darlegen, was in ihrem Leben alles schiefgelaufen ist und warum sie jetzt einen neuen Weg gehen. Gleichzeitig werden sie schnell wieder rückfällig. Die Diskrepanz zwischen dem Auftreten einerseits und der Unfähigkeit aus Strafe zu lernen und ihr Verhalten dauerhaft zu ändern, war die Grundlage dafür, dass der Kriminalpsychologe Robert Hare die Psychopathie-Checkliste entwickelt hat.

Psychopathie gibt es nicht in den Klassifikationssystemen

Was wollte Hare mit seiner Psychopathie-Checkliste erreichen?

Er wollte effizient Straftäter erkennen, die besonders schwierig sind, häufig rückfällig werden und auf Behandlungsmethoden nicht so gut ansprechen. Es ist umstritten, wie nützlich das heutzutage ist. Psychopathie ist jedenfalls keine Krankheit und nicht als Diagnose in den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5 zu finden, die in Praxis und Forschung verwendet werden.

Psychopathie ist also keine Diagnose in den Klassifikationssystemen. Gibt es Parallelen zu den dort definierten Persönlichkeitsstörungen?

Es wird manchmal in der Literatur gesagt, die antisoziale Persönlichkeitsstörung, oder eine besonders schwere Form davon, wäre dasselbe wie Psychopathie. Aber das stimmt nicht. Inhaltlich ist die Psychopathie eine Mischung aus verschiedenen Persönlichkeitsstörungen. Das Basismodell ist eine Mischung aus antisozialer und stark narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Auch die Kombination mit emotional-instabiler und histrionische Persönlichkeitsstörungen findet man immer wieder.

Welche Straftaten begehen Psychopathen?

Psychopathen müssen nicht zwangsläufig andere getötet haben. Es gibt auch viele psychopathische Menschen, die eine lange Schneise an finanziellen und emotionalen Verletzungen schlagen, die Betrugsdelikte begehen, die andere Menschen gegeneinander ausspielen und deren Leben ruinieren. Die meisten Psychopathen machen alles Mögliche, werden aber nicht alle medial beachtete psychopathische Serienmörder wie Ted Bundy.

Handeln ohne Rücksicht auf Verluste

Was haben Menschen mit hohen Psychopathiewerten gemeinsam?

Im Kern haben sie wenig Angst, wenig Schuldgefühl, wenig bis kein Mitgefühl und ein großes Bedürfnis nach Selbstaufwertung, ein Bedürfnis nach Kicks und unmittelbarer Befriedigung jedes Bedürfnis. Wenn sie etwas wollen, dann wollen sie es schnell und ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Mischung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit sehr unsozialen Verhaltensweisen durch das Leben geht.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen?

Während bei psychopathischen Männern im Vorstrafenregister oft Delikte wie Körperverletzung, Raub, sexuelle Nötigung und Drogendealen enthalten sind, fallen psychopathische Frauen eher mit Betrugsdelikten und Erpressung auf. Häufig nutzen sie Beziehungen, um beispielsweise Menschen finanziell auszubeuten. Die psychopathischen Männer treten oft dominant, selbstbewusst und charmant auf. Die psychopathischen Frauen machen eher einen auf rollenstereotyp besonders hilflos oder besonders hilfsbereit.

Nicht jeder ist therapierbar

Wie läuft die psychologische Behandlung von Psychopathen ab?

Verschiedene Typen erfordern unterschiedliche Behandlungen. Kein Psychologe würde behaupten, dass jeder mit erhöhtem Psychopathiewert behandelbar ist. Nehmen wir mal im schlimmsten Fall jemanden mit extrem sexuellem Sadismus mit Tötungsphantasien, der dazu sehr narzisstisch und sehr emotional instabil ist wie beispielsweise Ted Bundy. Bei jemanden, der sich und seine Phantasien weiter verwirklichen und niemanden an sich heranlassen will, hat man eher schlechte Karten, was die Behandlung angeht.

Bei welchem Typ mit hohen Psychopathiewerten kann die Behandlung erfolgsversprechender sein?

Jemand beispielsweise, der in Kreisen der organisierten Kriminalität unterwegs war und festgestellt hat, dass er nicht so viel Lebenszeit in Haft verbringen möchte. Der könnte zum Schluss kommen, dass es ihm einen großen Nutzen verschafft, wenn er seine Persönlichkeitseigenschaften in den Griff bekommt und anders mit ihnen umgeht. Der Therapeut wird ihn nicht in einen super hilfsbereiten und mitfühlenden Menschen verwandeln, aber jemanden, der mit seinen Risikoeigenschaften besser umgeht.

Wie erkennt der Therapeut, ob sich jemand tatsächlich ändern will oder es nur vorgibt?

Das ist bei persönlichkeitsgestörten Menschen gar nicht so schwierig. Denn egal für wie clever sie sich halten, sie können aus ihren Denk- und Gefühlsmustern nicht raus. Sie können bestimmte Aspekte einfach nicht unterdrücken - egal wie sehr sie sich bemühen. Sie schaffen nicht dauerhaft, ihre Muster nicht zu zeigen. Ein Narzisst kann nicht einen Tag lang so tun als wäre er kein Narzisst. Und: Wenn die Änderungsmotivation nicht authentisch ist, sind die Menschen zu schnell zu gut.

Persönlichesgestörte Menschen können sich schlecht verstellen

Gibt es Momente, in denen Sie sich über die Darstellung von Psychopathen in Literatur und Film ärgern?

Ja. Aufgrund von „Hannibal“ und „Basic Instinct“ denken die Menschen, alle Psychopathen wären hochintelligente Serienkiller. Aber Psychopathen sind nicht alle hochintelligent. Und viele Menschen mit erhöhtem Psychopathiewert verhalten sich zwar enorm destruktiv, ohne aber Menschen zu töten.

Gibt es besonders grausam wirkende Mörder ohne erhöhte Psychopathiewerte?

Das kommt auf den konkreten Tätertyp an. Nehmen wir als Beispiel Andrea Yates, die 2001 in den USA ihre fünf Kinder ertränkt hat. Sie war chronisch an einer schweren Psychose erkrankt und hat keine adäquate Behandlung erhalten. Sie war überhaupt nicht psychopathisch. Und wenn Mütter nach einer ungewollten oder verleugneten Schwangerschaft ihre neugeborenen Kinder töten, da spielen eher sehr starke Verdrängungsmechanismen oder Mechanismen, sich Problemen nicht zu stellen, eine Rolle.

Gibt es mediale Darstellungen von Psychopathen, die Sie fesseln?

Ich schaue fiktive Sachen nicht so gern. Die letzten Serien, die ich geschaut habe, waren „Dexter“ und „Sherlock“ - und das ist ja auch schon ein paar Jahre her. Die fand ich ganz interessant, weil da zumindest ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse reingewoben wurden.

Lydia Benecke arbeitet als Kriminalpsychologin und Autorin. Informationen zu ihrer Arbeit, ihren Werken und ihren Lesungen gibt es auf ihrer Webseite.

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