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Interview mit Nagel auf der Leipziger Buchmesse

22.03.2011

Zeit online berichtete am Sonntag, die Leipziger Buchmesse stünde mal wieder unter dem Stern der Bücher schreibenden Musiker: U.a. stellte Matthias Reim seine Biografie „Verdammt ich leb‘ noch“ vor. Wir haben den Trend viel früher erkannt und auf der Party der jungen Verlage Nagel, Musiker, Autor und rastloser Autodidakt, gebeten uns etwas über seinen zweiten Roman Was kostet die Welt und die dazugehörende Hörbuch-Single zu erzählen.

Nagel wurde 1976 in der nordwestfälischen Provinz geboren, macht seit Anfang der 90er Musik in verschiedenen Punk-Bands, davon 16 Jahre als Sänger und Gitarrist der deutschsprachigen Band Muff Potter. 2007 erschien sein erster Roman, 2008 das dazugehörige Hörbuch. Seit 2006 lebt er in Berlin und schreibt regelmäßig Kolumnen, u.a. für das Opak-Magazin.

Bei Sonnenschein und Zigaretten auf dem Messeaußengelände ist dieses kleine Interview über Literaturvertonung zwischen Bauhaus und Bürgerkrieg, Maniküre und das Tagebuchschreiben als Körperhygiene entstanden.

Fear and loathing im Moseltal: Was kostet die Welt

Dein Debüt-Roman „Wo die wilden Maden graben“ gibt Einblick in den Tour-Alltag einer Band. Deinen aktuellen Roman „Was kostet die Welt“ beschreibst du selbst als „Existenzialistisches Drama im Weißweinmilieu“ – erzähl doch mal, worum geht‘s?

Nagel: Es geht um einen Ost-Berliner Bohemien - Tobias Meißner, genannt ‚Meise‘ – wobei  Bohemien eigentlich ein Euphemismus für „faule Sau“ ist. Als Meise von seinem verstorbenen Vater 15.000 Euro erbt, beschließt er, das Geld so auszugeben, wie es sein Vater nie getan hätte, nämlich für’s Reisen. Von den letzten knapp 1.000 Euro fährt er an die Mosel:  Rheinland Pfalz. Westdeutschland. Bundesrepublik Deutschland. Konrad Adenauer. Dr. Helmut Kohl. Deutsches Eck. Weinberge. Gemütlichkeit – und kriegt den ganz großen Kulturschock.

Wie genau ist die Idee zu dem Buch entstanden?

Nagel: Ich hatte das dringende Bedürfnis ein zweites Buch zu schreiben. Eigentlich ist der Roman eine Abhandlung über die Sprachlosigkeit: eine kaputte Familie, die Kommunikation scheitert hinten und vorne, alle verlieren sich in leere Phrasen. Die Idee dazu gab es schon lange, aber mir fehlte ein echter Aufhänger. Berlin ist ja quasi tot geschrieben. Jede Ecke, jeder Straßenzug ist bis in die letzte Ecke auserzählt, das hat mich nicht gereizt. Zufällig war ich dann an der Mosel auf einem Weingut. Fünf Minuten nach Ankunft hat es bei mir klick gemacht. Der Weinberg, die ganze Atmosphäre dort bildet genau den Kontrast zum Leben meines Helden, der die nötige Reibung erzeugt. Da war mir klar: Hier möchte ich den Typ scheitern lassen. Und dann ging alles ganz schnell.

Wie schnell?

Nagel: Ich habe das Buch innerhalb von drei Monaten runtergeschrieben, zwei Monate ruhen lassen, ca. ein Jahr überarbeitet und  recherchiert. Wenn ich eine gute Phase habe, kann ich gar nicht so schnell tippen, wie die Geschichte voran schreitet. Das Schreiben ist etwas Manisches in mir. Ich muss die Dinge einfach aus dem Kopf bekommen. Songtexte, mein Fanzine, das Wasted Paper; fast täglich schreibe ich Tagebuch. Letztens hatte ich mein 20-jähriges Tagebuch-Jubiläum.

…und dann gibt es ja jetzt auch noch vier Roman-Ausschnitte, die als eine Art Hörbuch-Song erschienen sind…

Nagel: Genau. Das Prinzip hat erst mal keiner verstanden als ich beim Verlag angerufen habe und erzählte:“ Hört mal, ich hab da so`ne Idee…“. Kann man Literatur singen, kann man zu Romanen tanzen? Ich glaube ja. Ich habe dann einen Musikclip zum Roman-Ausschnitt “Einen Abend Wahnsinn” gemacht.  Drei weitere Ausschnitte sind musikalisch vertont und zusammen mit einem New Order-Cover als Download und auf Vinyl als 10“ erschienen.

“Kann man Literatur singen, kann man zu Romanen tanzen?”

Dein Roman-Debüt „Wo die wilden Maden graben“ ist ja auch als Hörbuch erschienen. Wie war die Erfahrung für dich nach Jahren als Sänger im Studio die leisen Töne anzustimmen und das Buch zu lesen? Nagel: Die Idee Wo die wilden Maden graben zu vertonen, hatte ich schon ziemlich früh. Mir haben die Lesungen so viel Spaß gemacht, da dachte ich: Das funktioniert gesprochen ja ganz gut. Eigentlich wollte ich nur einen Gastsprecher und hatte Tatort-Ermittler Axel Prahl und Farin Urlaub von den Ärzten gefragt. Dann haben allerdings beide zugesagt und ich dachte mir: Ich bin nicht in der Position Axel Prahl oder Farin Urlaub wieder abzusagen. Dann haben wir die Episoden gesplittet und das Hörbuch einfach zu dritt gelesen. Schwierigkeiten die einzelnen Sprecher-Parts abzugeben hatte ich nicht. Axel Prahl ist einer der beliebtesten und besten Schauspieler in Deutschland. Der kann einfach super sprechen. Farin Urlaub ebenfalls. Ich saß dann in der Regie und hatte richtig Herzklopfen! Die manchmal schon etwas unangenehme Nähe, die man zu seinem eigenen Kram hat, wird dabei überwunden.

Nagel: Wo die wilden Maden Graben“Wo die wilden Maden graben” ist als gekürztes Hörbuch erschienen. War es nicht komisch für dich, dass jemand Passagen in deinem Text gestrichen hat?

Nagel: Ich habe selbst gekürzt. Das war dann auch in Ordnung, weil ich so nochmal aus einer anderen Perspektive mit dem Stoff arbeitete. Oft dachte ich: Ok, das hätte man ja auch straffer machen können. Ich habe dann auch nicht bloß Kapitel weggelassen, sondern die einzelnen Passagen in sich gekürzt. Das Hörbuch entstand auch erst ein Jahr nachdem das Buch schon erschienen war, und ich hatte anfangs nicht mal einen Verlag dafür. Den habe ich dann erst gesucht und gefunden, als alles schon produziert und aufgenommen war.

Wirst du zu „Was kostet die Welt“ noch ein richtiges Hörbuch machen?

Nagel: „Wo die wilden Maden graben“ ist mit Anekdoten gefüllt und sehr collagenhaft. Das konnte man ganz gut zu einem Hörbuchtext kürzen. Bei dem neuen Buch ist es schwieriger, das müsste man eventuell komplett lesen. Außerdem bin ich bei der Umsetzung so ein bisschen zwiegespalten. Ich würde es ungern selbst lesen, weil mein Erzähler Ost-Berliner ist und ich das nicht authentisch sprechen könnte. Sprachlich recherchiert habe ich zwar viel, Meise sagt “Bulette”, nicht “Frikadelle”. Aber wenn man wollte, könnte man mir manche Begriffe als waschechter Berliner wahrscheinlich schon um die Ohren hauen. Andererseits macht es mir Spaß bei den Lesungen die Dialoge verschieden zu betonen. Die Idee, ein Hörbuch daraus zu machen, gefällt mir aber eigentlich ganz gut, jetzt, wo ich darüber nachdenke.

Apropos Lesungen. Mit deinen Romanen tingelst du durch ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich. Mit „Was kostet die Welt“  hast du jetzt über 30 Lesungen bestritten, deine Lesungen sind gut besucht…

Nagel: Ja, es ist schon Wahnsinn, wenn da manchmal bis zu 160 Zuhörer sitzen. Ich lese ja nicht in Buchläden, sondern teilweise in den gleichen Locations, in denen ich schon Musik gemacht habe. Lesungen machen mir einfach wahnsinnig Spaß. Ich versuche da immer das Gegenteil von diesem drögen „Pappa ante portas“- Programm zu machen. Zur eigentlichen Lesung mache ich auch Musik, zeige Videos, habe Laptop und einen Beamer auf der Bühne. Ich begreife das auch eher als Entertainment. Eine Lesung ist ja nicht dafür da, das Lesen zu ersetzen. Ich nehme Eintritt, also versuche ich auch maximale Unterhaltung zu bieten.

Du bist ziemlich bibliophil, besuchst Lesungen und in deinen Songs spielst du häufig mit Zitaten und literarischen Anspielungen. Hörst du auch selbst Hörbücher?

Nagel: Lange habe ich das Konzept von Hörbüchern nicht verstanden, weil ich selbst lieber lese. Dann bin ich viel gereist. Fünf Wochen alleine im Mietwagen durch Kanada, von Küste zu Küste. Irgendwann konnte ich die Musik auf meinem iPod nicht mehr hören. Da habe ich angefangen eins meiner Lieblingsbücher, Middlesex von Jeffrey Eugenides, in Originalsprache auf Englisch nochmal zu hören. Das war fantastisch - super gelesen! Man hat auf diesen stupiden, langen Autofahrten einfach das Gefühl etwas für’s Hirn zu tun. Danach hatte ich das Konzept verstanden. Vor kurzem habe ich dann bei der Preview von „The Road“ im wunderschönen Berliner Kino International Christian Brückner aus dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy lesen hören. Die deutsche Synchronstimme von Robert de Niro – das war magisch!

Könntest du dir vorstellen auch als Sprecher für andere Hörbücher zu lesen?

Nagel: Ich versuche da gerade tatsächlich Fuß zu fassen. Vor ein paar Wochen habe ich meinen ersten Synchronjob gemacht: ein paar Nebenrollen in der amerikanischen Metal-Cartoon-Serie METALOCALYPSE. Das ist schon eine Sache, die ich mir für die Zukunft vorstellen könnte. Ich finde ja immer alles spannend, was ich noch nie gemacht habe, bin aber totaler Autodidakt. Das ging mir bei der Musik und dem Schreiben auch nicht anders. Ich mache einfach.

Eine Frage noch zum Schluss. Auf der Leipziger Buchmesse werden ja auch Preise für das tollste Manga-Kostüm vergeben. Ich persönlich wäre gerne die steppende Kaminuhr aus „Die Schöne und das Biest“. Was wäre das passende Kostüm für dich?

Nagel: Tofuwurst fänd‘ ich gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jennifer Wilken

Lesungen mit Nagel 28.05. Neustrelitz, Immergut Festival 23.06. Mainz, Kammerspiele + Linus Volkmann 24.06. Mannheim, Der Bock + Linus Volkmann 25.06. Köln, Werkstatt, Get Addicted Party

Weitere Termine, Ankündigungen und Infos, findet ihr auch auf Nagels Webseite www.nagel2000.de

Wir verlosen unter den KommentatorInnen 1x Nagels neuen Roman „Was kostet die Welt“ und den Download zum Hörbuch von „Wo die wilden Maden graben“ bei audible. Schreibt uns einfach bis zum 31. März 2011 einen kurzen Kommentar!

Update: Das Gewinnspiel ist beendet! Über den Roman “Was kostet die Welt” kann sich Martin, über das Hörbuch “Wo die wilden Maden graben” kann sich Regine freuen. Herzlichen Glückwunsch!