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Auf einen Schnack mit Gilles Karolyi

11.06.2015

Steckbrief Gilles Karolyi_640x460Auf einen Kaffee mit Gilles Karolyi in Frankfurt Bornheim

Gilles, wir treffen uns in Frankfurt Bornheim im Café Klatsch, warum hast du das ausgesucht?
Bornheim ist ein junges Stadtviertel mit einer guten Mischung aus Gastronomie, Geschäften und alten wie neuen Häusern. Man spürt, dass hier viele Kreative leben und ich fühle mich hier sehr wohl. Das Café Klatsch erinnert mich an Berlin in den 1990er Jahren, ich mag diesen bunten und gemütlichen Stil.
Bevor du Sprecher wurdest, saßt du auf “der anderen Seite der Scheibe”. Wann hast du die Seiten gewechselt?
Ja, ich wollte eigentlich Toningenieur werden. Mein Studium in Brüssel brach ich ab und jobbte stattdessen in einem Tonstudio. Mich faszinierte die Arbeit eines Sprechers aber mehr als die Arbeit am Regler. Als ich dann in Berlin als Tontechniker arbeitete, begann ich selbst zu sprechen und bastelte mir eine Demokassette. Damit ging es dann los.
Mit einer Kassette?
Ja, genau! In den 90er Jahren waren diese kleinen Bänder ja noch ganz normal. Ich hatte damals eigene Werbespots erfunden, sie auf Kasette gesprochen und dann mit Musik untermalt. Ich hab mir richtig Mühe gegeben und hatte eine Menge Spaß dabei.
Was hast du dir damals ausgedacht?
Meine Lieblingsspot war die erfundene Werbung zu „Chipsfrisch ungarische Minze“ oder eine andere ausgedachte Werbung für ein Bank-Darlehen für Kinder ab 12 Jahren. Schon sehr eigenartig, ich weiß. Aber das machte die Tonstudios auf mich aufmerksam, und das war ja mein Ziel.
Es hat ja prima funktioniert!  
Ich musste schon eine Weile daran arbeiten und habe mich oft beworben. Es war nicht leicht, aber ich war euphorisch, weil ich das tat, was ich gerne tat. Die Auftragslage besserte sich kontinuierlich und irgendwann wusste ich dann, dass ich zu den professionellen Sprechern in Frankfurt gehörte. Das war ein gutes Gefühl.
Ich will, dass der Hörer den Eindruck hat, dass er selbst im Buch eintaucht.
Seit 2013 sprichst du auch Hörbücher für Audible. Empfandest du das als Herausforderung?
Und was für eine! Dokumentationen, Werbung, Computerspiele oder Synchrontexte sind ja viel kürzer als ein Hörbuch. Beim Hörbuchsprechen spielt man, und zwar über einen langen Zeitraum hinweg. Ich will, dass der Zuhörer wie im Theater oder in Kino anfängt zu träumen. Ich will, dass er den Eindruck hat, dass er selbst im Buch ist. Das ist meine Herausforderung!
Thematisch war das erste Hörbuch nicht ganz leicht. Wie bist du damit umgegangen?
Ja, die Geschichte Der übersehene Mann von Christina McKenna beruht auf wahren Tatsachen. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es geht um Kinderheime in Irland und um das, was da passiert ist. Wirklich grauenhaft! Doch der Inhalt eines Buches darf mich nicht so stark berühren, sonst kann ich es nicht mehr gut erzählen. Ich brauche emotionalen Abstand.
Wie erreichst du diesen Abstand?
Ich sage mir, dass es Fiktion ist, dann berührt es mich nicht so stark. Einfacher ist das natürlich bei Thrillern. Das Buch Imperium der Angst von Daniel Dersch war auch brutal, aber es ist nicht echt. Zumindest hoffe ich das! Trotz der teils heftigen Szenen hat es mir viel Spaß gemacht, dieses spannende Buch zu lesen, und ich hoffe es gibt eine Fortsetzung, bzw. noch weitere Hörbücher von Daniel Dersch.

Hattest du schon mal Alpträume wegen einer Geschichte?
Beim Hörbuchsprechen nicht aber beim Synchronsprechen habe ich das schon mal erlebt, ja. Ich hatte einen Film synchronisiert, der mir einfach zu hart war. Danach schlief ich zwei Wochen schlecht. Aber das ist mir zum Glück nur einmal passiert. Meistens kann ich den Abstand sehr gut wahren und es nimmt mich selbst ein Horror Thriller nicht so sehr mit.
Ich finde es sehr gut, dass bei Audible Inhalt und Sprecher unterschiedlich bewertet werden können.
Liest du eigentlich Rezensionen deiner Hörbücher?
Ja, Feedback ist mir wichtig und ich bin zugegeben sehr neugierig. Ich lese mir Rezensionen durch und möchte wissen, was die Hörer über ein Hörbuch geschrieben haben. Übrigens finde ich es auch sehr gut, dass bei Audible Inhalte und Sprecher unterschiedlich bewertet werden können.
Bist du während einer Aufnahme auch mal abgelenkt?
Zugegeben: Bei so viel Text kann es schon mal passieren, dass man ein paar Zeilen liest und geistig ganz woanders ist. Dann schießt ein Gedanke durch den Kopf wie: “Was muss ich heute eigentlich noch einkaufen?” Dann weiß ich, es ist Zeit für eine Pause!
Hast du dich in deinem Job über die Jahre verändert?
Ja. Ich vergleiche das mit einem Musiker, der sein Instrument immer besser beherrscht. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt im Dunkeln lesen kann (lacht), aber heute kann ich schnell erkennen, wohin ein Text abzielt und welche Rolle ich spielen soll. Das geht jetzt alles viel schneller als früher.
Meine große Hoffnung ist, dass die Digitalisierung unseren Sprecherjob nicht kaputt macht.
Wie sieht die Zukunft in deinem Job aus?
Es gibt Anwendungen, bei denen man heute keinen Sprecher mehr braucht, wie zum Beispiel das Besprechen eines Navigationgerätes. Natürlich gibt es auch andere Zweige, die heute Sprecher benötigen, die es früher noch nicht gab. Vieles davon spielt sich im Internet ab. Meine große Hoffnung ist einfach, das die Digitalisierung unseren Sprecherjob nicht kaputt macht, sondern eher durch die neuen vielfältigen Möglichkeiten bereichert. Also ganz klar: Think positive!
Alle Hörbücher mit Gilles Karolyi findet ihr hier.