Audible

Auf einen Schnack mit Heiko Grauel

20.08.2015

Auf einen Schnack mit Heiko Grauel, dem König der Sachbücher
steckbrief Heiko Grauel 640x460
Heiko, du hast früh angefangen mit dem professionellen Sprechen, wie kam es dazu?
Ich arbeite seit 1993 als Sprecher, habe also sehr jung, direkt nach dem Abitur damit angefangen. Damals habe ich bei einem kleinen Lokalsender ein Praktikum gemacht und durfte sogar schon vor dem Mikrofon sprechen. Ich merkte sofort, dass das absolut mein Ding war und wollte weitermachen. So nahm ich privaten Sprech- und Schauspielunterricht, um mich weiter zu bilden und um professionell Sprechen zu können.
Du hast also beim Radio angefangen, seit wann sprichst du denn Hörbücher?
Ich spreche seit fast 10 Jahren Hörbücher. Zunächst sprach ich sehr viele Sachbücher, dann wurden vor einiger Zeit einige Karl May Hörbücher neu und ungekürzt aufgenommen. So kam ich zu neuen Genres. Mittlerweile nehme ich auch Thriller auf. Ganz allgemein denke ich, dass es immer auch mit sehr viel Glück zu tun hat, an welche Projekte man kommt und wo man arbeiten kann.
Die Menge der Sachbücher, die du gesprochen hast, ist enorm. Musstest du dich sehr umstellen, um so emotionale Texte zu lesen?
Ohne das abwertend zu meinen, aber ein Sachbuch kann man prima vista lesen, es gibt keine langen Dialogszenen, sondern nüchternen Text. Einen Roman oder einen Thriller bereitet man lange vor. Sich zum Beispiel über mehr als 500 Seiten so viele Stimmen zu merken, ist schon eine Herausforderung! Der Zuhörer soll ja nichts von dieser Schwierigkeit mitbekommen und es muss alles stimmig klingen.
Worin besteht denn diese Vorbereitung für dich genau?
Bei einem Thriller sehe ich mir die Story genau an. Welche Charaktere kommen darin vor? Wie sind sie aufgebaut? Wie sollen sie rüberkommen? Dann stelle ich mir Fragen, um mich jeweils einem Protagonisten zu nähern. Wie alt ist der Charakter? Was ist das für ein Typ? Mag er seine Mitmenschen oder hasst er sie? Das sind alles kleine Kriterien, anhand derer ich versuche, den Charakter anzulegen und ihm eine hoffentlich treffende Stimme zu geben. Das macht in der Tat viel Arbeit.
Was findest du trotz dieser vielen Arbeit reizvoll am Hörbuchsprechen?
Das ist der Punkt! Mir macht das so viel Spaß, dass das eigentlich keine Arbeit für mich ist. Das gehört einfach zu mir. Natürlich bereite ich das Hörbuch so vor, dass ich im Studio den Text mit viel Spaß lesen kann. Der Hörer soll so viel Freude daran haben, wenn er das Hörbuch hört, wie ich habe, wenn ich das Buch vertone. Das ist doch fair oder?
Was bedeutet es für dich, Kopfkino erreichen zu wollen?
Die Spannung eines guten Hörbuches wird einerseits über den Text erzeugt und andererseits über die Stimme. Ich denke dieser Punkt ist ganz wesentlich, man muss den Spannungsbogen des Buches über 10 und mehr Stunden halten können. Dann setzt man dynamische Akzente beim Sprechen, spricht mal schneller, mal langsamer. Vielleicht muss man auch mal flüstern oder in einer Liebesszene eindringlicher sprechen. Kopfkino wird also erzeugt, indem ich mit meiner Stimme das darstelle, was der Text vorgibt.
Gibt es Momente, in denen dir deine Stimme versagt?
Bei einer Hörbuchaufnahme sitzt man zwischen 3 und 6 Tagen im Studio und spricht jeweils zwischen 6 und 8 Stunden laut den Text. Natürlich wird man dann irgendwann müde. Die Stimme versagt aber nicht im klassischen Sinne, denn man hat sie ja trainiert. Vielmehr lässt die Konzentration nach, die Augen werden müde und vielleicht ist auch die Aussprache nicht mehr so klar. Meistens ist das dann auch der Augenblick, bevor man den Tag abschließt. Ich vergleiche das mit einem Besuch im Fitnessstudio. Wenn man da raus kommt, ist man ja auch völlig geschafft. Trotzdem freut man sich schon wieder auf das nächste Mal!
Liest du deine Online Rezensionen?
Ja, ich lese mir alle meine Rezensionen durch. Feedback ist das wichtigste, was man als Sprecher bekommen kann. Ohne dieses Feedback kann man den Job nicht machen, denn gerade positives Feedback spornt einen ja sehr an und negatives Feedback gibt mir Hinweise, wie ich Dinge verändern und wo ich weiter lernen kann. Mein Ziel als Sprecher ist es, möglichst viele Menschen zufrieden zu stellen und ich finde es wirklich wichtig, was sie von meiner Arbeit denken.
Hast du eigentlich ein bestimmtes Ziel als Hörbuchsprecher vor Augen?
Kein direktes Ziel. Aber da ist so ein Gedanke: Hörer suchen mich (noch) nicht nach meiner Stimme aus, sondern nach dem Titel oder dem Autor, den ich gesprochen habe. Bei Sprechern wie zum Beispiel Christian Brückner oder Dietmar Wunder ist das anders, denn einige Hörer suchen nach diesen tollen Stimmen ihr nächstes Hörbuch aus. Es wäre schön, wenn das bei mir eines Tages auch so wäre.
Du wirst zum Beispiel bei dem Hörbuch Transport dafür gelobt, nicht so übertrieben gesprochen zu haben. Ist das eine deiner Stärken?
Ich denke, es kommt immer auf den Charakter an. Bei einem Hörbuch wie Transport von  Phillip P. Peterson gibt es viele Personen, die aus demselben Umfeld kommen. Es geht um Soldaten, die in die Zeitschleife geschickt werden. Ich finde, man darf diese sehr ähnlichen Charaktere in so einer Geschichte nicht überzeichnen, das wirkt auf den Hörer albern und er kann es nicht ernst nehmen. In einer Fantasy-Geschichte kann man ganz andere und unterschiedliche Stimmen sprechen und sich richtig austoben. Das ist alles eine Geschmackssache. Manche Hörer bevorzugen nüchternes Sprechen, andere mögen die Vielfalt der Stimmen.
Hast du einen persönlichen Hörbuchtipp?
Das angesprochene Hörbuch Transport fand ich selbst auch wahnsinnig spannend. Gerade die Idee hinter der Geschichte. Ich konnte mich selbst sehr gut hineinversetzen. Allerdings würde ich mir ein anderes Ende wünschen. Darüber hinaus gibt es durchaus den einen oder anderen Karl May, den ich sehr empfehlen würde. Wenn man diese Art von Literatur mag, machen diese Hörbücher großen Spaß.
Gibt es auch Sachbücher, die du empfiehlst?
Das ist gar nicht so einfach, da habe ich wirklich viel gemacht. Ich habe die sehr bekannten Ratgeber von Stephen R. Covey gelesen, die sicher sehr empfehlenswert sind. Der Weg zum Topspeaker von Hermann Scherer ist auch beeindruckend oder das Buch von Ilja Grzeskowitz, Attitüde: Erfolg durch die richtige innere Haltung.
Machst du eigentlich selbst auch Coachings für Sprecher?
Ich habe in Frankfurt schon öfter Synchron Coaching gemacht und Leute, die sich für diese Arbeit interessieren, darin angeleitet. Ich war allerdings noch nie auf einer großen Rednerbühne, um vor einem großen Publikum Seminare oder Vorträge zum Thema Sprechen zu halten.
Du lebst in der Nähe von Frankfurt. Muss man als Sprecher nicht ständig vor Ort sein, um seine Arbeit machen zu können?
Heute ist man nicht mehr so standortgebunden wie früher. Ein Großteil meiner Arbeit sind zum Beispiel Imagefilme und Erklärvideos. Diese Dinge kann ich sehr gut mit meiner Technik zu Hause machen. Das funktioniert dank digitaler und schneller Technik wunderbar und man muss nicht mehr zwingend in ein Studio nach Berlin, München, Köln, Hamburg oder Frankfurt, um vor Ort etwas aufzunehmen. Spannend sind bei uns natürlich die Fernsehsender, zum Beispiel ZDF oder 3Sat. Da fährt man dann natürlich ins Studio nach Mainz oder Wiesbaden, um eine Doku zu sprechen.
Gibt es eigentlich etwas, das du dir beruflich wünschen würdest?
Seit ich ein kleiner Bub war, wollte ich schon immer einmal auf einer Die Drei ???- CD auftauchen. Früher war ja auf den Kassetten immer noch Band, das nicht bespielt war. Ich habe dann selbst den Titel und die Folgennummer auf die Kassette gesprochen, nur um dabei sein zu können. Wenn ich eines Tages eine Rolle, auch eine ganz kleine, in einer Die Drei ???-Folge spielen dürfte, wäre das die Erfüllung eines großen Traumes.
Dann hast du eine richtig lange Kindheitsliebe zum Audio?
Auf jeden Fall! Ich habe mit der Schreibmaschine neben dem Kassettenrekorder gesessen und die Texte der Hörspiele abgetippt. Das hat natürlich ewig gedauert, aber so hatte ich die Texte, konnte mitsprechen und dabei sein. Mich hat das einfach fasziniert. Ich habe mir auch kleine Radiostudios gebaut mit dem Plattenspieler und einem Mikrofon meines Vaters. Ich wollte schon damals im Fernsehen oder im Radio oder auf Schallplatten sprechen. Bis auf das mit den Schallplatten hat ja alles geklappt, denn meine erste Sprachaufnahme war dann doch schon auf CD ;-)

Alle Hörbücher mit Heiko Grauel findet ihr hier.