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Auf einen Schnack mit Reinhard Kuhnert

28.05.2015

Steckbrief_Reinhard Kuhnert_640x460Reinhard, du bist der Sprecher der legendären Hörbücher von George R.R. Martin, Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer. Gibt es hier etwas Neues?
Gerade ist Game of Thrones Staffel 5 im Fernsehen angelaufen. Als Hörbuch ist vor Kurzem Westeros: Die Welt von Eis und Feuer erschienen. Es geht um die Vorgeschichte der Serie Das Lied von Eis und Feuer - um Westeros in der Zeit, als die ersten Menschen auf den Kontinent kamen. Wieder in gewohnt epischer Breite und Spannung beschrieben! Außerdem wurden zuletzt Kurzgeschichten von George R.R. Martin veröffentlicht, Traumlieder und Traumlieder 2. Man spürt die Entwicklung als Schriftsteller von Martin in diesen Texten geradezu, das finde ich schön.
Kannst du dich noch an die Anfänge von Game of Thrones - Ein Lied von Eis und Feuer erinnern?
Ja natürlich, das waren ja auch meine Anfänge als Hörbuchsprecher. Zunächst gab es nur ein paar Romane und wir wollten testen, ob diese Geschichte gut bei Hörern ankam. Schließlich wurden es im Deutschen 20 Hörbücher, kaum zu glauben, oder?
Interessant ist auch, dass es ja noch viel mehr von George R.R. Martin gibt, was du gesprochen hast.
Ja, das Buch Fiebertraum zum Beispiel, eine tolle Geschichte mit einer Faustschen Konstellation. In dem Buch Planetenwanderer war der Hauptheld Vegetarier und Katzenfreund, das fand ich sehr witzig. Dann habe ich Wild Cards gelesen. Diese Geschichte war nicht leicht zu sprechen und kam bei den Hörern leider nicht so gut an, obwohl sie sehr interessant ist. George R.R. Martin hat für uns noch einige Überraschungen parat, da bin ich sicher!
Du hast auch eine Menge historischer Romane in letzter Zeit gelesen. Wie stehst du eigentlich zu diesem Genre?
Sehen wir uns das Buch 1356 des englischen Autors Bernard Cornwell an. Seine Romane laufen zwar unter Fantasy, sind aber wie Romane aus dem englischen Mittelalter geschrieben. Für mich ist der Übergang zwischen Fantasy und historischem Roman häufig fließend. Spannend sind natürlich immer Referenzfiguren, die in der Geschichte wirklich vorgenommen sind. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt auf das neue Buch von Ulf Schiewe, er baut historische Fakten wirklich großartig in seine Romane ein.
Du kennst einige der Autoren der Bücher, die du sprichst, persönlich. Ist dir dieser Kontakt wichtig?
Es gibt immer mal Begriffe in den Büchern, deren Aussprache unklar für mich ist. Dann ist es doch das Beste mit dem Urheber dieser Begriffe zu sprechen. Also melde ich mich bei den Autoren und wir sprechen darüber. Ulf Schiewe und Kuhnert im Video InterviewRichard Dübell und ich haben uns so kennen gelernt. Ich finde es sehr schön, wenn sich aus dieser schönen Arbeit auch so schöne Kontakte entwickeln.
Und dann gibt es da noch ein ganz anderes wertvolles Buch, das du gesprochen hast…
Ja, Das Dekameron, von Giovanni Boccaccio. Was für eine schöne Erfahrung! In diesem Werk gibt es Sätze mit über 25 Zeilen, das war eine ganz schöne Herausforderung. Ich finde es auch unbedingt hörenswert, denn man wird mit einer Art der Sprachbehandlung bekannt gemacht, wie wir sie heute überhaupt nicht mehr kennen. Das ist wirklich hochinteressant! Und das in dieser Leichtigkeit - mich hat das sehr begeistert.
Du hast 2013 selbst deinen ersten Roman veröffentlicht, Abgang ist allerwärts. Damit hast du ganz konkrete Ziele gehabt. Konntest du sie umsetzen?
Vor allem wollte ich mich mit meinem Roman Abgang ist Allerwärts bei der Dorfgemeinschaft bedanken, deren Teil ich damals werden durfte, als ich dort lebte. Das war eine wunderbare Erfahrung in meinem Leben. Ich wollte aber auch die Opferrolle endlich ablegen, die ich lange hatte. Es gibt da diesen Satz in meinem Roman: „Und wieder hatte mich das Selbstmitleid fest im Griff“, das wollte ich endlich hinter mir lassen. Ich habe beinahe 6 Jahre an dem Buch gearbeitet und in dieser Zeit ist eine Menge mit mir passiert.
Planst du eine Fortsetzung deiner Geschichte?
Nein, diese Geschichte ist abgeschlossen. Die Frage, die ich mir als Fortsetzung vorstellen könnte, ist die Frage, wie es dem Autor im Westen ergangen ist. Mit welchen Schwierigkeiten hatte er da zu tun? Aber es gibt auch noch andere Geschichten in meinem Leben, die mich beschäftigen und die ich gerne literarisch umsetzen würde. Das Konzept einer zwiegespaltenen Person kommt mir da immer wieder in den Sinn, also die Westhälfte und die Osthälfte in einem Menschen, das finde ich thematisch sehr interessant.
Es gibt ja außerdem auch ein Kinderbuch von dir, Fionas Feen. Wie kamst du darauf, über Feen zu schreiben?
Ich lebte ja viele Jahre in Irland. Dort bin ich mit diesen Naturwesen bekannt gemacht worden, ob ich wollte oder nicht. Da ich sowieso ein großes Faible für Märchen und Fantasy Erzählungen habe, kam mir diese Idee eines Tages. Vielleicht war das einfach eine schöne Möglichkeit, mein inneres Kind wieder heraus zu lassen. Es machte mir großen Spaß, eine Geschichte mit Feen, Kobold und Zauberei zu erfinden und sie in eine Landschaft einzubetten, die ich kannte. Es gibt diese Höhle, diesen magischern Ort ja wirklich! Ich mag auch das Ende der Geschichte sehr. Dass der böse Kobold schließlich zu einem Elf wird, lieben die Kinder einfach. Es ist für mich wunderbar, die Geschichte direkt vor Publikum in der Schule vorzulesen.
Ist Irland eine Art Sehnsuchtsland für dich?
Für mich nicht, aber für meine Frau schon. Wenn ich irische Musik höre, dann bekomme ich auch jetzt immer noch einen Kloß im Hals. Anfangs hat mich Irland zu stark an den Osten erinnert und ich näherte mich nur langsam und zögerlich dem Land an. Allein das Gesundheitssystem mit dieser Medical Card empfand ich als geradezu sozialistisch. Die Rolle der katholischen Kirche war mir zu stark und wirkte auf mich wie ein Zensor. Doch dann habe ich die Menschen dort kennen und damit auch lieben gelernt.
Wo würdest du heute deine Heimat sehen?
Ich kann mit dem Begriff Heimat ehrlich gesagt wenig anfangen. Ich bin in mir selbst zu Hause. Das Land meiner Sehnsucht ist das Land, wo die Kunst zu Hause ist, das Land der Harmonie, ein bisschen wie Heinrich Heine, der sich ein Land wünschte, jenseits der politischen Querelen. Deutschland kann nicht mein Sehnsuchtsland sein, solange die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Das Haus und das Dorf, das ich in meinem Buch beschreibe, war so was wie die blaue Blume, das Arkadien des Ostens für mich.
Und Berlin - was ist diese Stadt heute für dich?
Jetzt, vor kurzem, habe eine Hommage an diese Stadt geschrieben: Berlin, du Zwittermetropole. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so weit bin, Berlin auf meine Art lieben gelernt zu haben. Aber meine Lieder kreisen ja immer wieder um Deutschland. Ich empfinde es genau wie Heinrich Heine, der schon so treffend ausgedrückt hat:
Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, So wird auch der meine genannt.

Und was mir fehlt, du Kleine, Fehlt manchem im deutschen Land; Nennt man die schlimmsten Schmerzen, So wird auch der meine genannt.

Du hast auch sehr viel synchronisiert, aber darüber sprichst du kaum. Gibt es einen Grund dafür?
Um ehrlich zu sein, habe ich lange mit dem Synchronisieren gehadert. Es ist für mich ein Nachmachen dessen, was ein Kollege auf der Leinwand mir vormacht. Wenn ich ein Hörbuch spreche, dann lasse ich durch meine Stimme die Figuren zu Charakteren werden. Das kommt dem Beruf des Schauspielers am nächsten und das gefällt mir. Man kann mit der Stimme viel machen. Ich lese immer noch lieber ein gutes Hörbuch ein als in einer Vorabendserie zu synchronisieren, die mir nicht gefällt. Aber ich habe auch Frieden mit der Synchronarbeit geschlossen.
Gab es für dich Zeiten, in denen du um des Geldes Willen Jobs angenommen hast, die du nicht wolltest?
Ich habe sehr viel und großes Glück gehabt. Es gab und gibt immer wieder Projekte, die mir viel Spaß machen und die mir Geld eingebracht haben. Doch die Arbeit muss zu mir passen. Man wollte mich einmal für das DDR-Fernsehen nach Algerien schicken. Ich sollte einen Film über die verdienstvolle Arbeit unserer Wirtschaftsgenossen in Algerien schreiben. Das habe ich abgelehnt, auch wenn ich sehr viel Geld dafür bekommen hätte. So ging es mir mit verschiedenen Aufträgen. Ich habe auch vieles abgelehnt, aber ich habe meine Entscheidungen nicht bereut.
Wie ist die Situation aus deiner Sicht heute für junge Menschen?
Ich habe durch meine zweite Ehe insgesamt vier Kinder und kenne die Situation der jungen Leute. Ich denke heute ist es schwieriger für junge Menschen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Ich hatte die konkrete Erfahrung mit Zensur und musste mein Land verlassen, das war schlimm für mich. Doch eigentlich war das Leben überschaubarer. Die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit, die ich heute empfinde, habe ich als junger Mensch so nicht erlebt. Wenn man zu DDR-Zeiten ein gutes Buch heraus gebracht hatte, konnte man davon eine ganze Weile zehren. Andererseits bin ich erstaunt darüber, wie selbstreflektiert junge Menschen heute sind. Ich habe damals viel über andere Menschen nachgedacht, aber nicht über mich selbst. Da sind junge Leute heute sehr viel weiter als wir es damals waren.
Wenn du ins Theater gehen möchtest, welches Theaterprogramm schlägst du zuerst auf?
Das ist ein gutes Stichwort, ich war in letzter Zeit nämlich selten im Theater, aber ich möchte das gerne verbessern. Die Bühnen, die ich in Berlin gerne besuche, sind die Schaubühne, das Gorkitheater, das Berliner Ensemble und natürlich alles, was es von Frank Castorf bei uns zu sehen gibt. Übrigens gibt es auch im Renaissance Theater ein Stück, das ich sehr empfehle: Ewig Jung.
Fühlst du dich eigentlich modern?
Ich fühle mich nicht sehr modern, meine Frau Gisela ist viel moderner. Sie würde mir am Liebsten einen Computerkurs schenken. Ich gehe da sehr selektiv ran und kann mit der Technik umgehen, die ich im Alltag brauche. Ich nutze aber zum Beispiel keine Apps, ich sehe in der S-Bahn viel lieber raus oder komme mit Leuten ins Gespräch. Das gefällt mir viel mehr als immer auf mein Handy zu starren.
Reinhard, du bist vor Kurzem 70 Jahre alt geworden. Wo richtet sich deine Aufmerksamkeit heute hin?
Ich bin ein Mensch, der sehr im Jetzt lebt, weniger in der Vergangenheit, außer, wenn ich wie jetzt darüber spreche. Ich denke auch an die Zukunft, denke an Projekte, die ich umsetzen möchte. Ich habe jetzt die sehr schöne Lage, einerseits ein Pensionär zu sein, aber andererseits noch viele tolle Dinge sprechen und schreiben zu können. Daher genieße ich das Jetzt auch sehr.
Alle Hörbücher von Reinhard Kuhnert findet ihr hier.
Game of Thrones Staffel 5: So bereitet ihr euch vor!