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Auf einen Schnack mit Nadja Schulz-Berlinghoff

09.04.2015

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Mit Nadja Schulz-Berlinghoff im Aufnahmestudio Tonfabrik in Neukölln

Nadja, bevor du Sprecherin wurdest, warst du am Theater. Wie kamst du zum Sprechen?
Ja, eigentlich war das Theater mein Feld. Ich kam nach meiner Ausbildung an der Hochschule der Künste in Berlin (heute UDK) an die Schaubühne in Berlin. Das war der Ort meiner Träume und viele Schauspieler aus dem Ensemble verehrte ich sehr. Doch dann erlebte ich eine gewisse Desillusionierung. Meine Helden waren natürlich auch nur Menschen. Nach einem Bruch im Haus wurde schließlich das gesamte Ensemble aufgelöst, ich wurde freie Schauspielerin und begann, mehr mit meiner Stimme zu arbeiten.
Was hast du alles gemacht?
Schon auf der HDK hatte es eine Kooperation mit dem Radio SFB, dem heutigen RBB gegeben. Für ein Radiofeature hatte ich Texte aus den Apokryphen der Bibel ausgesucht, weil ich sie sehr interessant fand. Ich war verblüfft, wie gut der Tonmeister meine Ideen umsetzen konnte. Es entwickelte sich bald eine feste Zusammenarbeit mit verschiedenen Radiosendern. Bei der Deutschen Welle war ich zum Beispiel 15 Jahre, auch als Nachrichtensprecherin. Ich weiß heute, wie wichtig Menschlichkeit in meinem Beruf ist.

Gab es wichtige Lehrer in deinem Leben?
Ja. Ich bin eines Tages Susan Batson aus New York begegnet und sie wurde meine Lehrerin. Ich konnte etwas ganz Zentrales von ihr lernen: Menschlichkeit als Basis der Schauspielerei, das ist kein Blabla, sondern tatsächliches und wahrhaftiges Handeln. Darüber bin ich froh.
Wie sieht heute dein Arbeitsalltag aus?
Mein täglich Brot ist die Arbeit für das Radio und das Fernsehen. Ich spreche zum Beispiel bei Dokumentationen, und ich spreche auch häufig für Museen Audioguides. Das ist recht umfangreich und macht meine Arbeitswoche aus. Hin und wieder spreche ich auch ein Hörbuch.
Hörbuchsprechen ist wie ein Marathonlauf. Man weiß, dass man sich da auf eine lange Strecke einlässt.
Ist es anders ein Hörbuch aufzunehmen als zum Beispiel einen Audioguide?
Ja, das ist es. Ich vergleiche das Hörbuchsprechen oft mit einem Marathonlauf. Man weiß, dass man sich da auf eine lange Strecke einlässt.
Wie bereitest du dich auf so einen Marathon vor?
Wichtig ist, dass ich ausgeschlafen ins Studio komme und dass ich den Text gut vorbereitet habe. Beim ersten Lesen gehe ich auf Tuchfühlung mit den Protagonisten und der generellen Atmosphäre. Auch meine Skizzierung der Figuren muss klar sein. So hoffe ich, dass ich die lange Strecke schaffe.
Nach einer Aufnahme entsteht eine Art Glücksgefühl. Nicht, weil man etwas geschafft hat, sondern weil man etwas erlebt hat!
Was empfindest du während der Aufnahme?
Ich sehe mich als Vermittlerin einer Geschichte und muss selbst in den Hintergrund treten. Für mich ist das Lesen wie eine Exkursion oder eine Erkundung. Der ganze Prozess lässt einen nicht unberührt. Nach der Vorbereitung vertraue ich bei der Aufnahme auf meine Intuition. Am Ende schließlich entsteht häufig ein Glücksgefühl. Nicht weil man endlich fertig ist, sondern weil man etwas erlebt hat. Man ist einfach etwas reicher geworden.
Wie war für dich zum Beispiel das Hörbuch Lucy von Laurence Gonzales, das du für Audible gesprochen hast?
Die Geschichte Lucy hat mich sehr gepackt. Es war tatsächlich die Figur Lucy, die mich gerührt hat. Schon in der Vorbereitung packte mich die Neugier ungemein. Am letzten Aufnahmetag habe ich tapfer durchgehalten, doch dann hat es mich gerissen. Die letzten beiden Worte, „Deine Lucy“, blieben mir geradezu im Hals stecken. Mich berührte dieses Ende so stark, dass ich einige Minuten brauchte, um diese Worte wirklich zu sprechen und die Aufnahme machen zu können.
Gibt es schon mal solche emotionalen Momente beim Hörbuchsprechen für dich?
Ja, manche Stoffe sind schlicht eine inhaltliche Herausforderung wie zum Beispiel Eine Nacht im Frühling am Meer von der französischen Autorin Gaelle Guernalec-Levy.
Was war mit diesem Buch?
Das war eine unglaublich interessante Geschichte, doch ich wusste zunächst nicht, ob ich den Inhalt so lesen konnte, wie er gelesen werden sollte. Ich wollte keine erotische Stimme einsetzen, sondern in meiner Art und Weise des Vortrags eine universelle Sprechhaltung finden. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist, aber das war mein Ziel.
Magst du es auch, im Ensemble zu sprechen?
Ja, unbedingt! Im Ensemble werden Schauspieler häufig wie Kinder und wir haben zusammen richtig viel Spaß. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Produktion mit Dagmar Manzel und Gerd Wameling, das war herrlich! So eine Produktion ist dann für uns wie auf einer großen Spielwiese, ganz wunderbar!
Ist dir Humor und Spaß bei der Arbeit wichtig?
Ohne Blödsinn könnte ich nicht existieren. Der Blödsinn verbindet uns und ist was sehr Spielerisches, das gehört für mich dazu. Über Humor kann ich diese Verbindungen sehr gut herstellen. Ich neige schon eher dazu, Quatsch zu machen und wenn es sich spontan anbietet, werde ich auch mal zum Entertainer. Ich brauche diese gute Laune zum Leben und zum Arbeiten.
Nadja, noch drei kurze Fragen. Liegt bei dir eine To-Do-Liste herum?
Nein, so was habe ich leider nicht, ich sollte aber eine haben. Mein Leben wird schon arg von diesem tollen Gedanken bestimmt: „Eigentlich müsste ich…“, und den gibt es natürlich tausend mal am Tag. Wer kennt das nicht, auch wenn man ständig was erledigt.
Wo wärst du gerne gelassener?
Mich bedrückt manchmal die deutsche etwas aggressive oder unfreundliche Art. Ich bin so ein „Guten Tag!“-Sager. Mit Unfreundlichkeit würde ich gerne gelassener umgehen können.
Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist?
Ich bin sehr stolz darauf, dass mein Sohn auf der Welt ist, da bin ich den Göttern sehr dankbar. Beruflich bin ich stolz darauf, dass ich mir die Freude an der Arbeit und an der Schauspielerei bewahrt habe.
Alle Hörbücher mit Nadja Schulz-Berlinghoff findet ihr hier.