Nena Schink: “Es ist gewollt, dass Instagram süchtig macht“

DE Interview Nena Schink
27.03.20

Nena Schink hat mit „Unfollow!“ ein Manifest gegen den Instagram-Wahnsinn geschrieben – und ihre eigene Herzchen-Sucht überraschend ehrlich aufgearbeitet.

Die wichtigste Frage zuerst: Wie viele neue Follower hast du gewonnen, seit dein Buch erschienen ist?

Ich hätte locker 10.000 neue Follower haben können. Angenommen habe ich „nur“ 1.900. Mittlerweile akzeptiere ich nur noch Anfragen von Frauen und Mädchen, die ein Profil mit Klarnamen und Foto haben. Bei den Männern habe ich stark darauf geachtet, wer wohl tatsächlich Interesse an meinem Buch hat. Anfragen wie die von „Kuschel-Klaus“ und „Nylonstrumpfhosen-Liebhaber“ habe ich gleich abgelehnt – ich will keine Perversen mehr auf meinem Profil haben.

Wie kommt es, dass Frauen wie du – klug, attraktiv, selbstbewusst – süchtig nach Herzchen und Kommentaren werden?

Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass die meisten Instagram-Nutzer süchtig sind – nur geben sie es nicht zu. Wer im Urlaub zehn Stories am Tag postet, verhält sich doch nicht mehr normal. Das ist krank. Warum postet jemand sein Mittagessen? Wen interessiert das? Instagram-Nutzer gieren nach digitaler Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung.

Du hast für das Jugendportal „Orange by Handelsblatt“ den Versuch gestartet, dich als Influencerin zu etablieren – wärst du auch ohne diesen Selbstversuch Instagram-süchtig geworden?

Nein, ohne den Selbstversuch wäre ich nicht in den Sog von Instagram geraten. Davor habe ich nur Schnappschüsse oder Landschaftsbilder gepostet. Das finde ich auch okay – man kann ja was teilen, aber eben nicht sein ganzes Leben. Im Silicon Valley arbeiten Psychologen, deren Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass wir in diesen Strudel geraten. Es ist gewollt, dass Instagram süchtig macht.

Unfollow!: Wie Instagram unser Leben zerstört

Autor:
Nena Schink
Sprecher:
Marylu Poolman
Spieldauer:
5:00
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Für dein Buch bist du hart mit Dir selbst ins Gericht gegangen. War das Schreiben eine Art Therapie für dich?

Überhaupt nicht. Das Schreiben war keine Therapie, sondern nur eine Art Absicherung für mich, dass ich bestimmte Sachen nicht mehr machen kann. Jetzt können mich meine Leser, Bekannten und Verwandten kontrollieren. Denn wenn ich jetzt wieder in meine alten Verhaltensmuster falle, mache ich mich lächerlich. Ich habe die Gutmütigkeit und Geduld anderer Menschen wirklich lange genug ausgenutzt.

Wo siehst du den Unterschied zwischen Instagram und einer Frauenzeitschrift? Beide zeigen doch unrealistisch schöne Bilder.

In einer Frauenzeitschrift sieht jeder sofort, dass das inszeniert ist. Instagram gaukelt dir dagegen vor, dass alles ganz real und authentisch ist. Außerdem fokussieren sich Frauenmagazine nicht so stark auf einzelne Personen. Da heißt es: „Diese tollen roten Ohrringe gibt es jetzt“ und nicht „So toll sehe ich mit roten Ohrringen aus“. Frauenmagazine sind eher serviceorientiert, bei Instagram geht es um Angeberei. Und: In einem Frauenmagazin lese ich vier Stunden im Monat. Auf Instagram werde ich von morgens bis abends beballert, denn mein Feed hat kein Ende.

Als Autorin und Journalistin stehst du in der Öffentlichkeit und musst mit Kritik umgehen – was ist der Unterschied zu dem Feedback, das du auf Instagram bekommst?

Leserbriefe sind nie so bösartig wie die Kommentare auf Instagram. Mit Kritik kann ich umgehen, das sollte auch jeder können, der im Journalismus arbeitet. Aber die Lästereien in den sozialen Netzwerken bewegen sich auf einem ganz anderen Niveau. Darum fordere ich eine Ausweis-Kontrolle, bevor sich jemand in einem sozialen Netzwerk anmelden darf. Ein Auto darf man doch auch nicht mieten, ohne seinen richtigen Namen anzugeben. Lästern in der digitalen Welt hat in der realen Welt schlimme Folgen.

Hat Instagram nicht auch gute Seiten? Ich denke an die Body-Positivity-Bewegung, die auch dank Instagram groß wurde …

Bestimmt hat Instagram auch positive Seiten, aber ich halte grundsätzlich nichts davon, wenn Leute den ganzen Tag in eine Kamera lächeln. Das tut niemandem gut. Die Influencer auf Instagram nehmen sich viel zu wichtig und ihre Follower kopieren dieses Verhalten. Influencer zelebrieren ihr Privatleben öffentlich und tun so, als wäre das normal. Das finde ich ganz schwierig. Eine Kommilitonin von mir hat eine Arbeit über die Body-Positivity-Bewegung geschrieben – und dabei kam heraus, dass auch diese Frauen ihre Bilder filtern. Auch diese angeblich ungeschönten Bilder sind also Fakes. Digitale Lügen sind aber echte Lügen.

Du schreibst in deinem Buch, wie sehr sich Frauen online in veralteten Rollen inszenieren – ist Instagram mitschuldig am gesellschaftlichen Backlash?

Absolut! Ich bin der festen Überzeugung, dass hier gerade die schwächste Generation an Frauen seit den 50er Jahren heranwächst. Wir haben es auf Instagram größtenteils mit Klischees zu tun. Die Influencerinnen setzen komplett auf Äußerlichkeiten – und ihre Followerinnen ahmen das nach. Ich habe das früher blöderweise mitbefeuert. Aber warum bekommt ein Verlobungsring auf Instagram mehr Likes als ein Diplom? Die sozialen Medien machen uns zu Gefangenen eines überholten Frauenbildes. Und junge Frauen missbrauchen dafür sogar die Idee des Feminismus! Wenn Lena Meyer-Landrut am Weltfrauentag sexy Bikini-Bilder postet, ist das doch kein Akt der Selbstbefreiung – das ist einfach nur blöd.

Kann man es denn wirklich der Plattform anlasten, wenn ihre Nutzer nicht verantwortlich mit ihr umgehen?

Instagram ist keine Kuschelwiese und der Vergleich ist der Anfang vom Unglück. Diese dauernden Inszenierungen angeblich perfekter Leben auf Instagram machen uns unglücklich. Natürlich hat Instagram auch gute Seiten, darum heißt mein Buch ja auch „Unfollow!“ und nicht „Delete!“. Ich habe noch die Hoffnung, dass die User anfangen, Instagram sinnvoller zu nutzen. Selbstvorsorge ist ein Riesenthema, alle machen Sport, essen gesünder. Aber die Selbstvorsorge im digitalen Leben kommt zu kurz. Darum gibt es im dritten Teil meines Buches einen Test. Darin möchte ich die Zuhörerin an die Hand nehmen und mit ihr gemeinsam überlegen, wie man Instagram sinnvoller nutzen kann. Etwa, um in Kontakt miteinander zu treten.
Das Instagram-Herzchen wurde mittlerweile (teilweise) abgeschafft – hat sich das Problem damit erledigt?

Das halte ich für einen Marketing-Gag von Instagram. Ich sehe noch all meine Likes, all meine Follower. TikTok bezahlt inzwischen sogar Influencer dafür, dass sie Videos drehen, in denen es heißt: „Mach mal dein Handy aus, leb dein echtes Leben …“. Das wollen die nicht wirklich, denn dann wäre ihr Geschäftsmodell dahin. Wenn wir uns nicht mehr mit Likes gegenseitig unter Druck setzen können, dann funktioniert Instagram nicht mehr.

Trotz aller Kritik hast du nicht mit Instagram gebrochen – geht es einfach nicht mehr ohne?

Ich nutze Instagram beruflich. Wir leben im Zeitalter der Selbstinszenierung und es wäre für mich als 27-jährige Journalistin dumm, kein Instagram zu haben. Ich möchte mich auch nicht dem Fortschritt verweigern – und ich sehe die sozialen Medien als Fortschritt. Ich plädiere für ein gesundes Mittelmaß und dafür, dass jeder sein eigenes Verhalten kritisch hinterfragt. Man kann sich einen Timer stellen oder keinen Influencern mehr folgen. Toll finde ich, dass ich über soziale Medien in einen direkten Dialog mit meinen Lesern treten kann. Neulich habe ich einen vierseitigen, handschriftlichen Brief von einer Leserin bekommen – das fand ich super. Aber die Mühe will sich halt nicht jeder machen.

Wenn ihr „Unfollow“ mochtet, gefällt euch bestimmt auch …

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