„Wir können dieses Land viel mehr gestalten als wir denken“

Josefine Andrae | 22.03.21

Verena Pausder wurde im vergangenen Jahr zur „Vordenkerin des Jahres“ gekürt und hat in „Das Neue Land“ ihre Ideen festgehalten, wie wir alle Deutschland voranbringen können. Im Interview verrät sie, für welche Themen sie gerade besonders brennt und wie sie schwierige Entscheidungen trifft.

Du hast vor kurzem dein Buch „Das Neue Land“ als Hörbuch aufgenommen. Wie ist das gelaufen? Hast du so etwas zum ersten Mal gemacht?

Ich habe schon Podcasts in professionellen Studios aufgenommen, aber das waren eben Podcasts und da verzeiht man vieles. Wenn da irgendwelche Nebengeräusche oder Ungenauigkeiten drin sind, muss man das nicht nochmal einsprechen. Beim Hörbuch kommt es viel mehr auf die Qualität an. Deswegen war ich im positiven Sinne aufgeregt. Ich hatte große Lust auf die Aufnahme und war positiv überrascht, wie gut es geklappt hat. Ich bin ja keine professionelle Sprecherin, aber weil mein Buch in Redeform geschrieben ist, konnte ich mich gut reinfühlen. Ich hatte Riesenspaß dabei, das Hörbuch einzusprechen, weil ich diese Rede, die ich geschrieben und als Buch veröffentlicht habe, jetzt auch endlich mal wirklich halten konnte.

Das Neue Land: Wie es jetzt weitergeht!
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Hörbuch

Das Neue Land: Wie es jetzt weitergeht!

Geschrieben von:Verena Pausder
Gesprochen von:Verena Pausder
Spieldauer:3:36
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Ein neues Land - das klingt wie eine Verheißung. Tatsächlich ist es längst da, dieses neue Land, nur muss es endlich sichtbar werden. Verena Pausder entwirft in ihrem Hörbuch eine faszinierende Skizze der Zukunft, mutig und konsequent. Es ist der Entwurf eines Landes, das nicht mehr auf den Wohlstand der Vergangenheit setzt, sondern mit neuen Technologien, neuen Lebensentwürfen - und vor allem neuen Ideen das Leben von uns allen verändern wird.

Das Neue Land ist so etwas wie die Grundsatzerklärung einer Generation, die endlich Verantwortung übernehmen will, und den gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Umbau weiter vorantreiben will. Dass wir etwas ändern müssen, dass wir digitaler, innovativer, flexibler, neugieriger, mutiger und menschlicher werden müssen, ist bekannt - es mangelt nur an der Umsetzung. Verena Pausder zeigt uns, wie wir das schaffen werden.

Das Neue Land: Innovation treiben, Bildung neu denken, Startups gründen, Digitalisierung umsetzen, Gleichberechtigung feiern, Work-Life neu ausrichten, Klima schützen, Chancengerechtigkeit für alle leben. Jetzt geht es los! Ein neues Land wird sichtbar! Konsequent. Klar. Mut machend.
 

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Worum geht’s in „Das Neue Land“?

Es geht darum, wie wir bei Themen wie Bildung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Gleichberechtigung konkret Ideen umzusetzen können, anstatt uns weiter damit zu beschäftigen, was man alles mal machen müsste. In diesem „Neuen Land“ sind die Dinge bereits umgesetzt: Im „Neuen Land“ haben wir eine Frauenquote, im „Neuen Land“ haben wir ein Digitalministerium, im „Neuen Land“ sind alle Schulen mit digitaler Infrastruktur ausgestattet.

All diese Dinge liegen in deinem Buch also nicht mehr in der mehr oder weniger fernen Zukunft?

Das Buch ist nicht als Utopie formuliert, sondern als Aufruf: „Guckt mal, wie wenig wir eigentlich machen müssen, um in diesem ‚Neuen Land‘ anzukommen!“ Weil der Plan so klar schon vor uns liegt, kann auch jede und jeder Einzelne wirksam werden. Beim Lesen oder Hören stellt man sich die Fragen: Worauf warten wir eigentlich? Warum muss der Staat immer alles lösen? Können wir nicht selber vorangehen?

„Worauf warten wir eigentlich?“

Verena Pausder

Für wen hast du das geschrieben? Wen dürfte das interessieren?

Ich war als Kind öfter in London und was mich dort so fasziniert hat, war der Speakers Corner im Hyde Park. Das ist eine Ecke des Hyde Parks, in der sich Menschen auf Kartoffelkisten oder einen Stein stellen und anfangen, Reden zu halten. Dann bleiben manche stehen oder gehen wieder weiter. Dieses Bild hatte ich beim Schreiben im Kopf: dass ich auf eine Kartoffelkiste steige und, im übertragenen Sinne, eine Rede halte, in der Hoffnung, dass sie interessant genug ist, dass man stehen bleibt. Am besten sogar so, dass viele verschiedene Menschen stehen bleiben und zuhören wollen. Ich möchte mit Leuten außerhalb meiner Bubble sprechen, nicht nur den Berlin-Mitte-Hipstern und Start-up-Leuten. Ich möchte den Lehrer und die Verwaltungsmitarbeiterin, den Produktionsmitarbeiter und die Schulleiterin erreichen. Und das hat mich am glücklichsten gemacht, dass das Buch auch weit außerhalb meiner Instagram-Bubble gelesen wurde.

Was hoffst du, damit zu bewirken?

Das kommt auf die Zielgruppe an. Richtung Politik hoffe ich loszutreten – und das hat auch schon geklappt –, dass sie Vorschläge, die von außen kommen, nicht nur anerkennen, sondern auch helfen, diese umzusetzen. Denn die Ideen aus der Mitte der Gesellschaft können auch als Gesetz in den Bundestag eingebracht werden und das politische Handeln aufmischen. Das hat zum Beispiel bei unserer Initiative für Familienauszeiten für Vorstände #stayonboard oder beim Bildungshackathon #wirfürschule sehr gut geklappt.

Und was möchtest du bei der Zielgruppe der Lehrer und Produktionsmitarbeiter bewirken?

Denen möchte ich sagen: Am Ende haben wir unser Leben selbst in der Hand. Jetzt in der Corona-Krise mag das gerade nicht so wirken, aber wir können dieses Land viel mehr gestalten, voranbringen und beeinflussen als wir denken. Wir haben die Wahl: Wir können Politik weiter von der Seitenlinie kommentieren oder wir gehen aufs Spielfeld und fragen uns, wie wir es besser machen und selbst anpacken können. Letzteres habe ich versucht, in den Menschen zu wecken. Wenn wir schon nicht gut finden, wie es ist, sollten wir den Anspruch haben, es zu verbessern.

„Wir können dieses Land viel mehr gestalten, voranbringen und beeinflussen als wir denken.“

Verena Pausder

Was sagst du Leuten, die behaupten, eh nichts ausrichten zu können? Nehmen wir Fleischkonsum als Beispiel: Viele sagen, wenn es schon in den Läden liegt, können sie es ja genauso gut auch essen.

Wenn du jetzt aufstehst und sagst, dass du kein Fleisch mehr isst, dann mag das noch die Leute um dich herum beeinflussen, aber das war’s. Wenn du aber erklärst, aus welchem Grund du kein Fleisch mehr isst, einen Post auf einer Webseite, LinkedIn oder auf Instagram darüber machst oder einen Gastbeitrag in einer Zeitung darüber schreibst; wenn du erklärst, welche Auswirkungen Fleischkonsum konkret auf die Umwelt hat, und das Ganze noch mit einem Vorschlag an die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner verbindest, dass der CO2-Verbauch zukünftig auf Lebensmitteln gekennzeichnet wird, dann ist der Effekt ein ganz anderer. Wenn du dein Anliegen mit einer Argumentation verbindest, die auch für Fleischesser Sinn macht, weil sie dann bewusster konsumieren können, kannst du viel erreichen. Das heißt: Nimm dir ein Thema, wo du Kompetenz hast, schare möglichst viele Menschen um dich – ob analog oder digital, wobei letzteres einfacher ist – und dann sende deine Botschaft mit einer konkreten Forderung in Richtung Politik. Dann kann jeder die erste Person sein, die etwas ins Rollen bringt.

Gerade wird in Deutschland viel geschimpft – über die Politik, übers Impfen, Lehrerkräfte und Schulen. Du sagtest in einem Interview, dass wir damit aufhören und stattdessen etwas bewegen sollten. Wie kommen wir raus aus dem Mecker-Modus?

Man kommt raus, indem man sich vornimmt, eben nicht zu meckern, sondern nur Vorschläge zu machen, die jetzt sofort greifen. Wenn ich sage, „Machen statt meckern!“, dann meine ich nicht, dass wir morgen die Bildungsministerin Karliczek besuchen und den Digitalpakt ausschütten sollen, sondern dass wir dort anfangen etwas zu bewegen, wo wir tagtäglich unterwegs sind. Und da wird jedem was einfallen, was er oder sie tun könnte.

Sagen wir, ich habe dein Hörbuch gehört und will auch was bewegen, will mitmachen, weiß aber nicht, wo ich anfangen soll. Wo mache ich die ersten Schritte?

Ich beschäftige mich selber auch immer mit dem Thema der Priorisierung, weil ich nicht alles machen kann, was ich gerne machen würde. Ich spiele dann folgendes Spiel mit mir: Ich schreibe die Themen, die ich alle jetzt gerade wichtig und interessant finde, auf jeweils einen Zettel und dann spiele ich die gegeneinander aus. Zum Beispiel Klimaschutz und Bildung. Da kann und will ich persönlich mehr zu Bildung sagen, weil ich bei dem Thema einen größeren Hebel habe. Auf die Art und Weise bleibt am Ende ein Zettel übrig. Das heißt nicht, dass die anderen Zettel weg sind, aber sie haben in dem Moment für mein Handeln nicht oberste Priorität.

Aber wie wäge ich bei der Fülle an Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, ab?

Der erste Schritt ist eben mal aufzuschreiben, was man alles ändern oder beeinflussen möchte. Der zweite ist dann zu entscheiden, was sich für einen kalt oder warm anfühlt und sich zu fragen: Wo empfinde ich die meiste Wärme? Wofür brenne ich? Fatal wäre es, nichts aufzuschreiben, weil man denkt, dass man eh nicht weiß, wo man anfangen soll!

Für welches Thema brennst du gerade am meisten?

Es gibt Themen, bei denen ich mich verpflichtet und verantwortlich fühle, egal, ob die mir jetzt immer Spaß machen. Das ist Bildung. Ich mache mir gerade wieder so viele Gedanken darüber, wie wir zum Beispiel Online-Lernhilfe-Plattformen kostenlos für die Schüler, bei denen gerade nichts ankommt, zur Verfügung stellen können. Wie können wir den Bildungshackathon #wirfürschule dieses Jahr so neu aufsetzen, dass er einen noch viel größeren Impact hat als letztes Jahr? Wie kann ich mich so zu Schulschließungen und digitaler Bildung äußern, sodass es etwas bringt und nicht nur Besserwisserei ist? Da empfinde ich eine Verantwortung und da ist es fast egal, ob mir das gerade Spaß macht oder nicht.

Gibt es, abgesehen von Bildung, noch weitere Themen, die dich beschäftigen?

Ich bin gerade sehr emotional bei dem Thema Gründung und überlege, ob ich noch einmal gründen sollte. Da mache ich mir gerade viele Gedanken drüber und spreche mit Leuten und frage sie, was sie denken, was zu mir passt. Und ich möchte endlich #stayonboard über die Ziellinie bringen. Da haben wir so viel Arbeit reingesteckt, da will ich jetzt nicht auf den letzten Metern die Luft verlieren. Man will ja auch mal was abhaken und sich um etwas anderes kümmern können.

Warum fühlst du dich grad beim Thema Bildung verantwortlich?

Weil ich das Gefühl habe, da verspielen wir nicht nur den Wohlstand oder die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes, sondern wir nehmen unseren Kindern einen Großteil ihrer Zukunft. Wir bauen in diesem Land die digitale und analoge Infrastruktur nicht genug aus, wir schaffen keine Innovationsförderung, damit die großen Technologien und Innovationen hier entstehen, und jetzt bilden wir noch nicht einmal unsere Kinder so aus, dass sie die Jobs, die morgen relevant sind, ergreifen können.

Warum stört dich das so?

Ich höre oft das Argument „Uns geht es doch gut!“. Aber das zählt nicht. Die Welt, in der unsere Kinder leben, wird eine andere sein. Gleichzeitig wächst die Bildungsungerechtigkeit in diesem Land. Wenn wir digitale Bildung nicht vernünftig in Schulen abdecken, hängt Bildung noch mehr als zuvor vom Elternhaus ab: Die, die es sich leisten können, vermitteln ihren Kindern privat die Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt der Zukunft; die anderen Kinder bleiben auf der Strecke. Das ist kein besonders chancengerechtes Zukunftsbild. Deswegen habe ich da das Gefühl, beim Thema digitale Bildung ist meine Zeit am sinnvollsten investiert.

Du sagst, du spielst mit dem Gedanken, noch einmal zu gründen – eine Entscheidung, die gut überlegt sein will. Wie triffst du solche schwierigen Entscheidungen?

Ich frage viele Menschen um Rat. Ich treffe Entscheidungen sehr selten alleine. Ich hole mir ganz viel Feedback ein und dann am Ende entscheide ich. Ich mache da keine Umfrage, sondern ich schildere das Problem, hole mir die Reaktionen ein, schreibe meine Gedanken auf und dann fälle ich eine Entscheidung.

„Ich treffe Entscheidungen sehr selten alleine.“

Verena Pausder

Haderst du dann manchmal noch mit dir?

Nein, dann schaue ich nicht mehr zurück. Ich bin überhaupt nicht die, die am nächsten Morgen aufsteht und an ihrer Entscheidung zweifelt. Dann könnte auch kommen, wer will. Wenn ich etwas nach reiflicher Überlegung entschieden habe, dann bin ich in dem Moment auch kritikresistent – nicht beratungsresistent, aber kritikresistent.

Du giltst für viele Gründerinnen als Vorbild. Wen nimmst du dir selbst zum Vorbild?

Ich finde diese starken weiblichen Politikerinnen wie die Premierministerinnen von Neuseeland oder Finnland toll. Das sind junge Frauen, die zum Teil absolute Mehrheiten in ihren Ländern holen, weil sie eine Menschlichkeit vorleben, von der zumindest in Deutschland in der Politik propagiert wird, dass sie nicht möglich sei. Das sind für mich faszinierende Frauen, die ich aus der Ferne bewundere und die für mich Vorbilder sind. Politik ist so ein toughes Geschäft, so familienfeindlich, sie müssen mit so einer Öffentlichkeit klarkommen und machen das mit einer solchen Gelassenheit, das finde ich beeindruckend.

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Gesprochen von:Kirsty Gillmore
Spieldauer:7:58
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Könntest du dir vorstellen, in die Politik zu gehen?

Genau aus den Gründen, die ich gerade genannt habe, tue ich mich damit sehr schwer. Wir haben vier kleine Kinder – zu klein, um jeden Tag mit so einer Öffentlichkeit konfrontiert zu werden. Außerdem frage ich mich, ob ich in der Politik am besten meine Wirkung entfalten kann, oder ob ich da einfach ein sehr kleines Rad im System bin. Ob ich nicht stärker bin, wenn ich – so wie aktuell – alles sagen kann, was ich will, Dinge vorantreiben kann, ohne irgendwen um Erlaubnis zu bitten und unabhängig davon, zu welcher Partei es nun passt. Andererseits denke ich, wenn uns das Politikgeschäft alle abschreckt, dann wird sich ja nie etwas ändern. Vielleicht empfinde ich da irgendwann die gleiche Verantwortung wie für das Thema Bildung. Aber dann müssten meine Kinder etwas älter sein, damit ich es nicht auf deren Kosten mache.

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