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Rezension: Sturz der Titanen von Ken Follett

Von: Gast
08.11.2010

Gastbeitrag von ottifanta aus dem Büchereulen-Forum

Wir danken ottifanta aus dem Büchereulen-Forum, die sich die letzten Tage Sturz der Titanen von Ken Follett in der ungekürzten Version von über 37 Stunden auf vielen langen Autofahrten angehört hat. Im Forum der Büchereule könnt ihr euch mit anderen Gleichgesinnten und Bibliophielen austauschen und nach Herzenslust über Lese- und Hörerlebnisse plaudern. Außerdem erfahrt ihr alles Neue rund ums Buch und Hörbuch. Hier ihre Einschätzung zu der Jahrhundert-Saga:

„An dem Tag, als George V. in der Westminster Abbey den Thron bestieg, fuhr Billy Williams zum ersten Mal in die Grube von Aberowen ein. Es war Billys dreizehnter Geburtstag.“

Mit diesen Worten beginnt „Sturz der Titanen“, am 22. Juni 1911 in einem kleinen Ort in Wales.

Gleich vorweg: Man sollte für „Sturz der Titanen“ viel Zeit mitbringen, denn Ken Folletts neustes Werk lässt einen nicht mehr los und so begleiteten mich die lebendig gezeichneten Hauptfiguren eine Woche lang fast überall hin. Schauplatz ist das Pulverfass Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das sich sowohl politisch als auch gesellschaftlich im Umbruch befand, sowie - eher am Rande - auch die USA.

Im Mittelpunkt des 37 Stunden langen Epos (bzw. 1024 Seiten) stehen fünf Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die damaligen sozialen und politischen Verhältnisse repräsentieren.

Billys Vater ist in der Gewerkschaft und einer Kirchengemeinde aktiv, Billys Schwester Ethel arbeitet auf dem Familiensitz der Fitzherberts, die dem britischen Hochadel angehören. Earl Fitzherbert ist arrogant und standesbewusst, seine clevere und politisch sehr interessierte Schwester Maud so etwas wie das schwarze Schaf der Familie, da sie sich für das Frauenwahlrecht engagiert. Die beiden russischen Brüder Grigori und Lew Peschkow arbeiten in einer Eisenbahnfabrik, kennen aus ihrer Kindheit Fitzherberts russische Ehefrau Bea. Dann ist da noch die deutsch-österreichische Adelsfamilie von Ulrich und die amerikanische Familie Dewar, deren Sohn Gus als Diplomat oft in Europa unterwegs ist….

1911 ist der letzte Sommer, in dem sich die „Titanen“ aus dem Titel noch einigermaßen in Sicherheit wiegen und ihr Luxusleben genießen können. Der erste Weltkrieg, das Ende des russischen Zarenreichs und des deutschen Kaiserreichs stehen vor der Tür. Geschickt verflicht Ken Follett die Lebensgeschichten seiner Protagonisten, die teilweise am gleichen Ort und doch in unterschiedlichen Welten leben, mit historischen Ereignissen. Zahlreiche Anekdoten und Details lassen die Handlung noch authentischer wirken. Überzeugend stellt er die teilweise völlig unterschiedlichen Weltanschauungen dar, die einen Traditionen und völlig überholten Machtansprüchen verhaftet, die anderen nach politischem Wandel strebend.

Follett schildert die fünf Familien und deren Lebensumstände so anschaulich, sodass ich das vorsorglich ausgedruckte Personenverzeichnis von seiner Homepage überhaupt nicht benötigte. Gelegentlich merkt man deutlich ein Augenzwinkern bei der Charakterisierung der Figuren, was die teilweise düstere Handlung wohltuend auflockert, genau wie die überraschenden Wendungen in deren Leben, durch die das Buch trotz der bekannten politischen Ereignisse spannend bleibt. Die komplexen politischen Zusammenhänge werden durch die Augen der fiktiven Personen sehr ausführlich und gut verständlich dargestellt.

Einziges kleines Manko ist, dass sich manche der Figuren etwas zu häufig „zufällig“ über den Weg laufen und vielleicht hätten die Schilderungen aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs etwas weniger ausführlich ausfallen können – doch dies hat das Hörvergnügen kaum beeinträchtigt.

Eigentlich versuche ich, Werke englischsprachiger Schriftsteller im Original zu lesen, aber nur wenige Minuten der Hörprobe überzeugten mich, in diesem Fall der ungekürzten deutschen Lesung den Vorzug zu geben. Philipp Schepmann erweckt die so unterschiedlichen Figuren mit eigenen Stimmen zum Leben, gibt der Handlung zusätzliche Intensität und lässt „Sturz der Titanen“ auch dank der ausgezeichneten Übersetzung von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt zu einem wundervollen Hörgenuss werden.

Fazit:

Die gut 37 Stunden vergingen wie im Fluge, so abwechslungsreich erzählt Ken Follett, lässt die jüngere europäische Geschichte lebendig werden und bietet den Lesern tiefe Einblicke in die Lebensumstände dank der überzeugend gestalteten fiktiven Figuren. In Kombination mit Philipp Schepmanns wundervollem Vortrag wird die ungekürzte Lesung von „Sturz der Titanen“ zu einem wahren Hörvergnügen. Jetzt heißt es Warten auf den nächsten Band, der für 2012 geplant ist und in dem die Kinder der Hauptfiguren im Mittelpunkt stehen sollen.