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Not That Kind of Girl: Lena Dunham – Die Stimme meiner Generation?

25.11.2014

Wenn Lena Dunham überhaupt eine Schamgrenze hat, dann ist diese sehr niedrig. Die 28-jährige New Yorkerin ist Schauspielerin, Filmproduzentin, Regisseurin und Autorin. Bekannt wurde sie 2012 durch ihre TV-Serie Girls, dieses Jahr veröffentlichte sie ihre autobiografische Essay-Sammlung Not That Kind of Girl: Was ich im Leben so gelernt habe (gesprochen von Nora Tschirner). Lena erzählt von (schlechtem) Sex, ihrem Yo-Yo-Diätplan, ihrer Familie, von Therapie, ihrer Schul- und Studienzeit und von der Arbeit an Girls. Wie die Serienhauptfigur Hannah Horvath wird Lena Dunham mittlerweile als „Die Stimme ihrer Generation“ bezeichnet. Ich bin im selben Jahr geboren wie Lena, habe mir Not that kind of girl als Hörbuch angehört und mir Gedanken darüber gemacht.

Lena und Hannah

Man hat es beim Schauen der Serie schon vermutet, ihre Autobiographie bestätigt es: Hannah ist Lena und Lena ist Hannah. Die Hauptfigur der Serie Girls wird nicht nur von ihrer Schöpferin gespielt, sie ist ihr auch sehr, sehr ähnlich. Lena selbst bezeichnet sie als „Ich vor 2,5 Jahren“. Es steckt aber auch ein wenig Lena in den anderen Charakteren der Serie. So arbeitete sie -ebenso wie Serienfigur Jessa- in einem Laden für überteuerte Babyklamotten und wurde -wie Shoshanna- von einem Typen zurückgewiesen, als dieser erfuhr, dass sie noch Jungfrau war und befürchtete, sie könnte zu anhänglich werden, wenn er mit ihr schläft.

Girls

Ich bin seit der ersten Folge ein Girls-Fan. Als ich die Figuren Hannah, Marnie, Shoshanna und Jessa kennenlernte, dachte ich tatsächlich in vielen Szenen: Das sind wir. Die sind wie meine Freunde. Das könnten meine Freunde sein.

Das Bild, das Lena von unserer Generation zeichnet, passt auch zu meinem Umfeld: Wir stolpern aus den Universitäten, haben hohe Abschlüsse und gute Noten und machen trotzdem schlecht bezahlte Praktika, weil wir uns einen späteren Arbeitsplatz erhoffen. Wir haben Probleme, die Miete des WG-Zimmers zu zahlen, wollen etwas Kreatives machen, sind in undefinierten Beziehungen und wissen nicht so recht wohin mit uns und all den Möglichkeiten. Die Gespräche der Mädchen sind Gespräche, die ich auch mit meinen Freundinnen führe, ihre Probleme sind unsere Probleme. Girls wird sehr häufig mit Sex and the City verglichen und als eine modernere, jüngere Version dieser Serie beschrieben. Ich finde, es ist vor allem eine realere Version.

Lena Dunham

Ich habe großen Respekt vor Lena Dunhams Arbeit. Dass sie für Girls nicht nur das Drehbuch schreibt, sondern auch noch Regie führt, produziert und die Hauptrolle spielt, finde ich sehr beeindruckend. Sie wurde mit Recht im Jahr 2012 vom Time Magazin zur „coolest person of the year“ gewählt. Ich habe das Gefühl Lena Dunham ist echt. Im Hörbuch sagt sie, dass ihre Nacktheit vor der Kamera oft als „mutig“ bezeichnet wird und erklärt dann: „Etwas vor dem ich keine Angst habe, ist nicht mutig.“ Außerdem sagt sie, dass es niemand als „mutig“ bezeichnen würde, wenn Blake Lively selbiges tun würde. Lena entschied, dass sie nicht die schönste Version ihrer Selbst sein muss, um ihren Job gut zu machen. Das Unperfekte ist ihre Marke.

 Not That Kind of Girl

Lena Dunham - Not That Kind Of GirlNot that Kind of Girl ist eine autobiografische Essaysammlung, aber auch ein Ratgeber. Lena Dunham schreibt über ihre Fehler, damit andere sie vermeiden oder wiederholen können. Dabei kennt sie keine Tabuthemen. Nach eigenen Aussagen kannte sie diese noch nie. Theoretisch weiß also spätestens jetzt auch ihre eigene Oma von den Sex-ohne-Kondom-Geschichten.

Die englische Hörbuch-Version wird von ihr selbst gelesen. Lena Dunham erzählt in 6 Stunden und 10 Minuten Intimes aus ihrem Leben. Zuerst ist das interessant. Sex sells, aber irgendwann hat man auch genug gehört. Dann bekommt man das Gefühl, man sitzt mit einer Freundin beim Kaffee, die nur von sich selbst redet. Als Lena dann anfängt, vorzulesen, was sie an bestimmten Tagen alles gegessen hat (laut Lena der peinlichste Teil des Buches), überspringe ich das Kapitel.

Teilweise gibt es im Buch Situationen, die ich auch kenne, bei vielen bin ich jedoch froh, dass ich sie nicht kenne. Und während ich es okay finde, mit meinen engen Freundinnen über Geschlechtskrankheiten zu reden, hätte ich vielleicht nicht unbedingt wissen müssen, welche Probleme Lena Dunham schon mit ihrer Vagina hatte.

Unsere Generation

Ich glaube, dass sich meine Generation vergleichsweise offen über Sexualität, Liebe und unsere Körper unterhält. Vieles wird von uns gar nicht mehr als Tabuthema gesehen, daher ist es nicht verwunderlich, dass Lena Dunham so offen mit privaten und intimen Erlebnissen umgeht. Lena scheint außerdem einen außerordentlich großen Drang zur Selbstdarstellung zu haben. Auch das könnte man als typisch für unsere Generation bezeichnen. Wir twittern unsere Gedanken, posten Selfies bei Facebook und auf Instagram. Lena verwertet ihre eignen Erlebnisse in einer TV-Serie und schreibt sie unzensiert auf. Es geht dabei um die typischen Probleme, die ihrer und meiner Generation zu geschrieben werden: die Herausforderung der Freiheit, den Vorwurf eigentlich keine Probleme zu haben und sie sich deswegen selbst zu machen und die Qual der Wahl zwischen zu vielen Möglichkeiten.

Probleme und Fazit

Ich finde es generell schwierig, nur eine Stimme als den oder die Fürsprecher/in einer ganzen Generation zu sehen. Lena Dunham ist eine starke weibliche Stimme. Ich frage mich, wie sehr sich die Männer unserer Generation von ihr vertreten fühlen? Oder diejenigen, die nicht Geisteswissenschaften studiert haben und schon vor Studienabschluss die Jobangebote im Email-Postfach hatten? Oder diejenigen mit der soliden Ausbildung und dem Einfamilienhaus? Die gehören schließlich ebenso zu unserer Generation. Lenas Lebenslauf ähnelt meinem ein bisschen und ich glaube wir haben einige Gemeinsamkeiten. Auch wenn sie mir manchmal auf die Nerven geht, finde ich, dass Lena Dunham etwas zu sagen hat und ich höre ihr gerne zu. Noch lieber würde ich mich mal mit ihr unterhalten. Letztendlich komme ich zu dem Fazit, zu dem Lena als Hannah schon selbst gekommen ist: Lena Dunham ist nicht DIE Stimme einer Generation, sie ist EINE Stimme: Eine laute Stimme mit großer Lust zur Selbstdarstellung und das ist total okay.

Hier gehts zum deutschen Hörbuch Not That Kind of Girl: Was ich im Leben so gelernt habe, gesprochen von Nora Tschirner. Und hier findet ihr das Englische Hörbuch, gesprochen von Lena Dunham persönlich.