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Fiktive Figuren ganz privat: Der Held (Teil 1)

20.12.2014

Sie bieten jedem Schurken die Stirn, haben schon mehrfach die Welt gerettet, Prinzessinnen aus den tiefsten Kerkern befreit, diverse Drachen getötet oder zumindest endlich den Abwasch gemacht. Sie vollbringen täglich große Taten, setzen dabei ihr Leben aufs Spiel oder wenigstens einen Fuß aus dem Bett.

In dieser Interview-Reihe sprechen wir mit den fantastischen Figuren aus tausenden unserer Lieblings-Geschichten. Es sind die Schauspieler, die unser Kopfkino täglich zu neuen unvergesslichen Erlebnissen werden lassen. Wir hören ihre Stimmen, aber sie kommen selten privat zu Wort. Jetzt haben wir sie zum Interview getroffen. Vorhang auf für Teil 1: Hier kommt der Held.

Audible: Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Held: Naja, eigentlich wollte ich erst nicht.

Audible: Ja, Sie haben gezögert. Was war da los?

Held: Der Weg erschien mir sehr beschwerlich und voller Gefahr.

Audible: Ah, verstehe. Die typische Heldenreise. Sie mussten sich erst einmal überwinden?

Held: Sehr.

Audible: Und das ist immer so?

Held: Es gehört zum Job. Ich werde gerufen, ich zögere, ich werde überredet, vor Probleme und Hürden gestellt bis es kein Zurück mehr gibt, ich finde Verbündete und treffe auf Gegner. Am Ende warten Ruhm und Ehre.

Audible: Das hört sich sehr spannend an. Erzählen Sie doch einmal von einem typischen Tag in ihrem Leben. Was haben sie zum Beispiel gestern gemacht?

Held: Den Abwasch.

Audible: Mehr nicht?

Held: Es war eine beschwerliche Reise voller Hindernisse.

Audible: Ähm…

Held: Erst kam ich sehr lange nicht aus dem Bett. Dann habe ich sehr viel Zeit in der Dusche verbracht. Dann hatte ich Hunger.

Audible: Moment mal, ich dachte Sie erleben richtige Abenteuer.

Held: Der Abwasch war gewaltig. Ich konnte mich lange nicht überwinden. Der Berg wurde größer je länger ich wartete. Sehr beängstigend.

Audible: Hmmm. Was macht Sie als Helden denn besonders? Was sind Ihre Heldenfähigkeiten?

Held: Ich bin sehr, sehr tapfer. In mir schläft großer Mut.

Audible: Ja, tief und fest.

Held: Wie bitte?

Audible: Ach nichts. Haben Sie denn schon einmal eine Prinzessin oder ähnliches gerettet?

Held: Beinahe.

Audible: ?

Held: Also ich war bereits vor Ort. Der Weg war anstrengend. Wie Sie sehen, bin ich nicht der fitteste Held der Welt. Ich esse gerne. Sehr gerne. So bin ich unterwegs hin und wieder in ein Wirtshaus eingekehrt. Sollten Sie jemals über die sieben Berge wandern, im Blutenden Ochsenkopf gibt es einen vorzüglichen Sauerbraten.

Audible: Danke, aber ich würde lieber die Geschichte hören.

Held: Ach ja. Ich bin also über die höchsten Berge gewandert und durch die tiefsten Flüsse geschwommen, das Übliche eben… und dann stehe ich vor dieser Höhle…

Audible: Ja? Und?

Held: Nichts. Keiner da. Drache tot, Prinzessin weg.

Audible: Sie waren zu spät?

Held: Nein, nein. Der Prinzessin war diese typische Frau-als-Opfer-Rolle zu klischeehaft. Die hat das einfach allein erledigt. Hat sich nicht an die Vorgaben gehalten und mich um Ruhm und Ehre gebracht. Plötzlich war ich nur so `ne Nebenfigur. Blöde Kuh.

Audible: Verstehe. Andere Frage: Was war denn bisher Ihr schlimmster Kampf? Ihre härteste Prüfung?

Held: Ganz ehrlich?

Audible: Bitte.

Held: Dieses Gespräch hier mit Ihnen. Ich weiß, ich habe noch nie die Hunger Games gewonnen, Ringe in Schicksalsberge geworfen oder eine siebenjährige Ausbildung an der Schule für Hexerei und Zauberei absolviert und nebenbei dem größten Schurken meiner Welt den Garaus gemacht. Ich brauche wohl immer etwas länger für den Motivationsteil der Geschichte, aber jetzt bin ich ja hier und rede mit Ihnen über all das.

Audible: Ach herrje. Sie sind mir echt ein Held. Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.

Held: Haben Sie nicht.

Audible: Doch.

Held: Nein.

Audible: Doch.

Held: Nein.

Audible: Doch.

Held: Das hier ist Ihr Kopfkino. Sie sind die Regisseurin, Sie verfassen diesen Text. Ich entspreche also ganz genau Ihrer Vorstellung.

Audible: Gut, da mögen Sie Recht haben. – Oh, hören Sie das? Ich glaube, Sie werden gerufen.

Held: Ja, ich muss wohl los… aber ich will nicht.

Audible: Gehen Sie.

Held: Hmpf.

Audible: Raus jetzt.

Held: Okay.

Anmerkung: Unser Held ging direkt nach diesem Interview tatsächlich auf eine Reise. Sie führte ins nächstgelegene Fitness-Studio. Er unterschrieb dort nach nur kurzem Zögern einen Einjahresvertrag, inklusive Motivationstrainer. Gerüchte besagen außerdem, er besäße neuerdings eine Spülmaschine.

 

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