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Fiktive Figuren ganz privat: Der Vampir (Teil 4)

24.12.2014

Sie schlafen in Särgen, haben Angst vor Knoblauch, saugen Blut und sind gruselige Gestalten. Das war einmal. Der Vampir ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fast, sagt die Vampirin im heutigen Gespräch.

In dieser Interview-Reihe sprechen wir mit den fantastischen Figuren aus tausenden unserer Lieblings-Geschichten. Es sind die Schauspieler, die unser Kopfkino täglich zu neuen unvergesslichen Erlebnissen werden lassen. Wir hören ihre Stimmen, aber sie kommen selten privat zu Wort. Jetzt haben wir sie zum Interview getroffen. Heute: Der Vampir.

Audible: Sie sind ja nun ein weiblicher Vampir. Was genau sagt man da? Vampirin?

Vampir: Sehen Sie, da geht es schon los. Vampirin hört sich völlig albern an. Wie eine Verniedlichung. Vampirchen, Vampirin… alles schrecklich. Ich bin ein Vampir, ein Geschöpf der Nacht – auch keine Geschöpfin. Nein, nein, nein. Vampir. Ich bin ein Vampir.

Audible: Gut. Sie sagten eben schon Geschöpf der Nacht. Es ist ja nun Tag und Sie liegen nicht in Ihrem Sarg. Wie kommt das?

Vampir: Das ist eine völlig überholte Vorstellung. Das war so zu Stoker-Zeiten. Jetzt im Meyer-Jahrhundert ist es anders.

Audible: Ah ja, Bram Stoker und Stephenie Meyer, Dracula und Edward. Das sind zwei sehr unterschiedliche Vampirvorstellungen. Was halten Sie von dieser Wandlung?

Vampir: Mir persönlich gefällt es. Nach jahrelangem Horror aus Knoblauch, Kruzifixen und Holzpflöcken durch den Brustkorb ist dieses Fantasy-Romance Genre zwar manchmal etwas kitschig, aber ich bin dankbar für die Abwechslung. Es ist ein Fortschritt, wenn sie mich fragen.

Audible: Inwiefern?

Vampir: Nun ja, ich kann unter den Sterblichen leben, eine Wohnung mieten, diese tagsüber verlassen. Ich muss mich nicht verstecken. Und ich glitzer’ in der Sonne. Guck!

Audible: Ach ja. Sie scheinen sehr zufrieden.

Vampir: Nicht ganz. Wir Vampire sind gesellschaftlich noch nicht gleichgestellt. Wir haben nicht dieselben Rechte, werden als Minderheit diskriminiert. Daran muss sich noch einiges ändern.

Audible: Ja, das ist hin und wieder Thema in der modernen Vampirgeschichte. Im Vordergrund steht jedoch die Romantik. Ein Vampir verliebt sich in eine Sterbliche. Wie war das bei Ihnen? Sind sie wegen eines Mannes zur Vampirin geworden.

Vampir: Vampir.

Audible: Stimmt, ´tschuldigung.

Vampir: Nein, das bin ich ganz und gar nicht. Es war eher eine berufliche Umorientierung.

Audible: Aha. Was waren Sie denn vorher?

Vampir: Prinzessin.

Audible: Das kann ich mir bei Ihnen überhaupt nicht vorstellen.

Vampir: Ich auch nicht. Ich spiele jetzt ausschließlich starke, weibliche Hauptfiguren. Immer die Frau in der Opferrollen, das ist doch so veraltet.

Audible: Da passt Vampir natürlich besser.

Vampir: Aber Hallo! Ich bin seit 300 Jahren 26, habe einen Wahnsinnskörper, werde nie krank, habe Eckzähne, die mir Respekt verschaffen und in den meisten Geschichten ziemlich heißen Sex.

Audible: Könnten Sie mich kurz beißen?

Vampir: Das könnte ich tun. Ich bin aber dazu verpflichtet Ihnen vorher noch die Risiken und Nebenwirkungen aufzuzählen.

Audible: Oh, Mann. Was ist nur aus den Vampiren geworden…

Vampir: Eine Nebenwirkung ist der Verlust sämtlicher Geschmacksrichtungen. Alles, was Sie noch schmecken können, ist Eisen. Daher auch die Blutgelüste. Der Geschmack von Schokolade, Eiscreme, überbackenem Käse, einer knusprigen Bratwurst – das ist dann alles weg. Wollen Sie immer noch?

Schweinehund: NEEEEEIN!

Vampir: Auch die Unsterblichkeit ist nicht unbedingt positiv. Sie haben so unfassbar viel Zeit. Das ist nichts für Menschen, die sich schnell langweilen.

Audible: Hmmm. Gut, dann überlege ich mir das noch mal. Danke trotzdem.

Vampir: Gut, ich hab eigentlich auch schon gegessen.

Audible: Wen?

Vampir: Käsebrot. Hat nach nix geschmeckt.

Audible: Hmmm. Was machen Sie denn mit ihrer Ewigkeit?

Vampir: Hörbuch hören.

Audible: Aha.

Vampir: Ich höre wirklich alles. Belletristik, Sachbuch, Zeitschriften, Comics. Momentan zeichne ich auch mein eigenes Comic. Wollen Sie mal sehen?

Audible: Ja, gerne. Aber zuerst möchte ich mich für dieses nette Gespräch mit Ihnen bedanken.

Vampir: Bitte, bitte. Ich habe ja Zeit.

Ausgesuchten Vampir-Hörgenuss findet ihr hier.