Lars Kepler - was sich hinter dem Pseudonym verbirgt

Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril aka Lars Kepler
27.02.19

Lars Kepler. Der Name des schwedischen Thriller-Autors ist bekannt. Gerade ist sein neues Hörbuch, "Lazarus", erschienen. Was viele nicht wissen: Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein Ehepaar, das alles gemeinsam macht - auch das Schreiben der abgründigen Joona-Linna-Reihe.

August 2009: Der Strahl einer Taschenlampe zuckt durch den dunklen Garten von Alexandra und Alexander Ahndorils Ferienhaus an der schwedischen Küste. Die beiden Schriftsteller machen mit ihren Töchtern gerade Urlaub. Wer schleicht da draußen herum? Ist das nur der Nachbar auf der Suche nach seinem Hund? Oder jemand Fremdes, der Böses im Schilde führt? Es klopft an der Tür. “Ich mache nicht auf!” sagt Alexandra besorgt. Also ist es ihr Mann, der öffnet. Vor ihnen stehen, mit Taschenlampe und Kamera bewaffnet, zwei Journalisten. “Geben Sie es zu,” sagt einer von ihnen anstatt irgendeiner Erklärung: “SIE sind Lars Kepler!”

So flog einige Wochen nach der Veröffentlichung von “Der Hypnotiseur” die wahre Identität der Autoren auf. Zuvor hatte sich eine regelrechte Jagd abgespielt. Nachdem das Manuskript auf der Londoner Buchmesse als eines der heißesten Thriller-Debüts des Jahres gehandelt worden war, kamen bei Erscheinen direkt Gerüchte auf: Dieser Stockholm-Krimi war so gut geschrieben, das konnte kein Erstlingswerk sein. Da musste jemand dahinter stecken, der schon genau wusste, was er tat.

Berühmte Namen wurden in den Raum geworfen. War es vielleicht sogar Henning Mankell, Vater der “Wallander”-Reihe, der sich dahinter verbarg? Mankell wehrte wütend ab. Eine Zeitung eröffnete eine Telefonhotline und versprach eine Belohnung zur Aufdeckung des Pseudonyms. Sogar ein Profiler wurde vom Fernsehen engagiert, um die Identität hinter “Lars Kepler” aufzudecken. “Der Hypnotiseur” schoss inzwischen ganz oben in die Bestsellerliste. Dann kam die Episode mit der Taschenlampe und das Versteckspiel war zu Ende. Aber warum war das überhaupt passiert? Wozu der Deckname “Lars Kepler” für ein gemeinsam schreibendes Ehepaar? War das PR-Kalkül?

Der Hypnotiseur: Joona Linna 1

Autor:
Lars Kepler
Sprecher:
Simon Jäger
Spieldauer:
18:20 Std.

Diese Vermutung löst sich sehr schnell auf, wenn man mit Alexandra Coelho Ahndoril und ihrem Mann Alexander Ahndoril spricht. Für die Schaffung des Pseudonyms gab es ganz andere Gründe. Als die beiden den ersten Joona-Linna-Thriller schrieben, war das nämlich nicht der erste Versuch eines gemeinsamen Projekts. Beide waren sie da schon Schriftsteller und hatten eigene Bücher veröffentlicht; die ausgebildete Theaterschauspielerin Alexandra vor allem historische Romane, ihr Mann außer Romanen auch Theaterstücke und sogar ein Opern-Libretto. Inzwischen Eltern dreier Töchter, wollten sie dann gemeinsam ein Kinderbuch schreiben - und scheiterten. Es funktionierte einfach nicht. Ihre jeweils eigenen Stile ließen sich nicht miteinander vereinbaren. Das Paar, das im Interview sehr harmonisch und geradezu symbiotisch auftritt, stritt sich beim Schreiben.

Die Lösung kam mit der Wahl eines anderen Genres - und vor allem mit der Erschaffung einer “dritten Stimme”, wie die beiden es nennen: Lars Kepler wurde geboren. Unter den Fittichen einer künstlich geschaffenen Autor-Persönlichkeit, außerhalb der Egos der Ahndorils, funktionierte es plötzlich. Zwei Stimmen vereinigten sich zu einer ganz neuen. Seither schreiben die beiden nur noch gemeinsam als “Lars Kepler” und sie können es sich gar nicht mehr anders vorstellen.

Aber wie funktioniert das genau? Wie schreibt man gemeinsam einen Krimi?

Dazu muss man wissen, dass dem eigentlichen Schreiben bei den Ahndorils eine lange Phase des Recherchierens und Plottens vorausgeht. Die Handlung und die Schlüsselszenen werden auf Karten festgehalten, die an die Wand gepinnt werden. Es wird diskutiert, herumgeschoben, geändert, bis der Plot feststeht. Zusätzlich kommen Experten ins Spiel: Ärzte, Psychiater, Polizisten, Selbstverteidigungstrainer, Waffenexperten. Wissenschaftler, die sich mit der Analyse von Serienkillern auseinandersetzen. Denn Realismus ist den beiden Schriftstellern wichtig. Natürlich kommt Fiktion hinzu, aber der reale Kern bleibt.

“Die Polizeiarbeit ist echt, aber wir beschleunigen den Prozess und involvieren weniger Figuren. Es soll ja spannend bleiben.”

Alexandra Coelho Ahndoril



Steht die Handlung und ist die Recherche abgeschlossen, setzen die zwei sich mit jeweils einer Karte, einer Szene nebeneinander an die Computer und legen los. Sie e-mailen sich gegenseitig, was sie schreiben, ergänzen und ändern es. Manchmal schreibt einer den Dialog und der andere füllt das Drumherum aus.

“Manchmal kann ich nur die Stimmen der Figuren in meinem Kopf hören,” erzählt Alexander. “Sie reden sehr schnell, und ich versuche einfach nur Schritt zu halten und schreibe den Dialog auf. Ich kann nicht sehen, wo sie sind oder was sie tun. Den Dialog schicke ich dann an Alexandra, und eine halbe Stunde später ist er zurück, und auf einmal kann ich die Umgebung sehen, und dass sie während des Redens durch tiefen Schnee laufen.”

Dass Alexander beim Schreiben von Dialogen oft flüstert und seine Frau das unheimlich findet, ist eine andere Sache. Die beiden lieben den gegenseitigen Input und schwören, dass es deshalb auch nie eine Schreibblockade gibt. Jeden Tag wird gearbeitet, sobald die Kinder aus dem Haus und in der Schule sind, und immer zusammen. Im fertigen Ergebnis gibt es dann keinen einzigen Satz, der nur von einem der beiden allein geschrieben wurde.

“Ich glaube, wenn wir diese Kontrolle verlieren - das ist meins, das ist deins -, dann ist es Lars Keplers Stimme, die man hört.

Alexandra Coelho Ahndoril

Wenn man sie auf die Figuren anspricht, die sie erschaffen haben, dann werden sie richtig emotional. Sie leben mit ihnen, sagen sie. Natürlich ist das nicht ernst gemeint, aber für die Autoren existieren der blonde, grauäugige Finnland-Schwede Joona und die hübsche, toughe Saga in einer Art parallelem Stockholm, im Hier und Jetzt. Deswegen können sie die Frage, wie viele Bücher es noch geben oder wie die Serie enden wird auch nicht beantworten, selbst wenn sie es wollten. Ist ein neuer Fall fertig geschrieben, wird immer erstmal aufgeräumt zu Hause, verraten sie schmunzelnd. Die Wäscheberge werden abgetragen, alles im Rausch des Endspurts Liegengebliebene endlich erledigt. Nach zwei, drei Tagen kommt dann eine neue Idee für ein neues Buch, und der Kreislauf fängt von vorne an.

Die Inspiration kommt von überall her: von wahren Ereignissen, von Dingen, die sie sehen oder hören, aus der eigenen Fantasie. Und oft aus der Konfrontation mit den größten persönlichen Ängsten. Die Ahndorils haben drei Töchter, zwischen 13 und 18 Jahre alt. Eltern, die durch die Hölle gehen, kommen in den Kepler-Krimis gehäuft vor. Ebenso, wie an anderer Stelle Kinder den Verlust der Eltern verkraften müssen. Schon in “Der Hypnotiseur” wird ein - auch noch chronisch kranker - Junge entführt; ein weiteres Elternpaar verliert sein Kind. Später in der Reihe muss Joona Linna selbst um seine Tochter bangen, und auch Saga zittert um ihre Familie. Das sind sie also, die schlimmsten Befürchtungen der Autoren. Alexandra gibt sogar zu, dass sie während des Schreibprozesses jedes Mal Alpträume bekommt. Darin kommen sogar die Romanfiguren vor. Bei der Arbeit am neuesten Fall, "Lazarus", hat Alexandra sich im Traum zusammen mit Saga Bauer auf einem Motorrad wiedergefunden. "Sie war so verzweifelt," erzählt sie mit ernstem Gesicht. "Und ich konnte sie nicht beschützen."

Lazarus: Joona Linna 7

Autor:
Lars Kepler
Sprecher:
Simon Jäger
Spieldauer:
15:15 Std.

Empathie spielt eine große Rolle für beide Ahndorils. Es ist das große Talent ihrer Hauptfigur, Joona Linna, dass er sich in Opfer und Täter so gut einfühlen kann, aber das scheint er von seinen Erschaffern geerbt zu haben. Was sie schreiben, geht ihnen sehr nahe. Im neuesten Buch gibt es einen besonders schockierenden Todesfall.

“Diese Szene mussten wir mit unserem Verlag zusammen bearbeiten. Wir mussten beim Lesen des Manuskripts zu viel weinen."

Alexander Ahndoril

Das hört sich überzogen an, aber wenn man spürt, wie wichtig den beiden Familie und intakte Beziehungen sind, wird es glaubhaft. Alexandra, deren Mutter aus Portugal stammt, spricht offen darüber, wie sehr sie darunter leidet, dass ihre große portugiesische Familie weit entfernt lebt. Sich vorzustellen, dass ihre Töchter eines Tages mal in einem anderen Land leben könnten, bricht ihr das Herz. Das Paar wirkt sehr innig. Im Interview kommt es ständig vor, dass einer den Satz des anderen nahtlos fortführt. Obwohl Alexandra offener und emotionaler wirkt, Alexander dafür introvertierter und nachdenklicher, harmonisieren die beiden extrem gut miteinander. Die verschmolzene Identität als “Lars Kepler” erscheint wie eine sehr natürliche Konsequenz.

Was sagen eigentlich die Kinder zu den abgründigen Thriller-Aktivitäten ihrer Eltern? Die beiden ältesten dürfen die Bücher schon lesen, aber die 18-jährige Namenspatin für Saga Bauer - ist nicht besonders daran interessiert. Die 17-Jährige dagegen sehr: Sie fungiert als erste Manuskript-Leserin und Kritikerin und weist gewissenhaft auf Fehler und Logiklöcher hin. Was die Brutalität angeht, sind die Ahndorils nicht naiv. Ihre Kinder wachsen im Zeitalter des Internets auf und haben vermutlich schon alles gesehen. Peinlich sind ihnen allerdings die expliziten Sexszenen in den Joona Linna-Krimis, und da gibt es von ihnen schon mal den Hinweis an die Töchter, dass das fiktiv ist und nichts mit Mama und Papa selbst zu tun hat.

Mit freudiger Aufregung schaut das Ehepaar der anstehenden Verfilmung ihrer Thriller entgegen. Die Skripte für beide Projekte - Film und TV-Serie - sind in Vorbereitung, und die Kommunikation mit den Produktionsfirmen läuft gut. Es gab schon mal eine schwedische Film-Version, die aber nicht gut ankam und ihnen nicht gefallen hat. Der neue Ansatz ist vielversprechend und auch, dass der Schauplatz in die Vereinigten Staaten verlegt wird, stört die beiden nicht. Die düstere Atmosphäre und das Noir-Feeling sollen erhalten bleiben, deshalb sind Gegenden wie Neuengland oder der Norden der amerikanischen Westküste im Gespräch.

Lesen die Autoren eigentlich selbst gerne Thriller? Die Antwort darauf ist ein klares “Ja”. “Jeder in Schweden liest Kriminalromane,” sagt Alexandra. Kein anderes Genre ist so beliebt. Alexander begründet das auch mit dem schwindenden Einfluss der Kirche auf Schweden. Kein anderes Land auf der Welt sei so säkularisiert. Gesellschaftliches und menschliches Versagen wird nicht mehr anhand der Bibel diskutiert, sondern auf anderen Plattformen, z.B. im Krimigenre.

“Wenn die Kirche keine Antworten auf die Fragen nach Gut und Böse mehr liefert, sucht man sie woanders."

Alexander Ahndoril

Nach ihren persönlichen Lieblingsautoren gefragt, fällt natürlich der Name Stieg Larsson, dem sie mit dem Vornamen ihres Pseudonyms Anerkennung zollen. Der Geschmack ändert sich ansonsten ständig, aber Hakan Nesser, Lisa Marklund und Henning Mankell gehören mit zu ihren Favoriten sowie derzeit Gillian Flynn, Karen Slaughter und Denis Lehane.

Jetzt freuen sie sich erstmal auf die Reaktionen ihrer Leser, wenn am 28. Februar auch in Deutschland “Lazarus” erschienen ist - und suchen den korrekten Kontakt, etwa auf der Lit.Cologne in Köln am 24. März. Ein bisschen Nervosität scheint angebracht, denn was die beiden so freundlich wirkenden Schweden ihren Hauptfiguren im neuen Fall antun, dürfte selbst Fans der Reihe schockieren und sie auf eine Fortsetzung brennen lassen. Besonders Joona Linna wird dabei eine Eigenschaft zugute kommen, die Alexander - wie er verrät - selbst besitzt und dem Kommissar auf den Leib geschrieben hat: Hartnäckigkeit.

“Wenn ich einmal etwas tue, dann kann ich nicht mehr aufhören. Das hat eine gute und eine schlechte Seite, und Joona ist genauso.”

Alexander Ahndoril

Was auch bedeutet: Um eine Fortsetzung der Reihe müssen wir uns keine Sorgen machen. Und bei allem Schrecklichen, das in “Lazarus” passiert, ist das eine wirklich gute Nachricht.

Fotos (5) Bildergalerie: Olivier Favre


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