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Leben als Achterbahn - Pozzo di Borgos "Ziemlich beste Freunde"

23.03.2012

Ich gehöre zu denen, die den Film Ziemlich beste Freunde nicht im Kino gesehen haben. Französisches Buddy-Movie mit Wohlfühlfaktor? Kenn ich schon - muss ich nicht haben!

Mit ähnlichem Desinteresse strafte ich zunächst die Nachricht ab, dass die Autobiographie von Philippe Pozzo di Borgo, auf dessen Erlebnissen der Film basiert, in Deutschland erscheinen würde. Ein Hörbuch zu einem Film, der mich nicht interessiert? Egal. Irgendetwas hat mich dann doch dazu getrieben, kurz in das Hörbuch reinzuhören. Fünf Stunden später saß ich dann immer noch da, nahm die inzwischen schmerzenden Kopfhörer ab und machte mir Gedanken über mein Leben.

Aber von Anfang an: Zunächst ist Ziemlich beste Freunde kein Buch zum Film. Der Film ist eher ein klitzekleiner, verklärender Ausschnitt aus dem Buch. In Frankreich ist die Autobiografie Pozzo di Borgos bereits 2001 unter dem Namen „Le second souffle“ - „Der zweite Atem“ – erschienen. Zehn Jahre lang widersetzte sich der Autor der Filmindustrie, bis er 2010 einer Verfilmung zustimmte.

In seinem Werk ist die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Philippe und Abdel (aus dem im Film Driss wurde) nur eine von vielen unglaublichen Geschichten eines Lebens voller Schönheit, Glück und Leid.

Vor dem Hörer wird die Geschichte eines Mannes ausgebreitet, der als Spross einer alten Adelsfamilie mit dem Silberlöffel im Mund geboren wird. Eine unbeschwerte Jugend folgt, bis er auf der Universität Béatrice - die Liebe seines Lebens - kennenlernt. Die beiden Verliebten haben ein paar glückliche Jahre, bis sie das Unglück einholt. Béatrice erkrankt früh an einer seltenen Form von Blutkrebs und ist für den Rest Ihres Lebens von dieser Krankheit gezeichnet. Philippe versucht, seine Frau auf allen Leidenswegen zu begleiten, bis er selbst schwer verunglückt und querschnittgelähmt selbst auf die Pflege seiner todkranken Frau angewiesen ist.

Gelähmt und ans Bett gefesselt muss er den schleichenden Tod seiner Frau mit ansehen und verfällt in tiefe Depressionen, aus der ihn sein „Schutzteufel“ Abdel rettet. Die Freundschaft zwischen dem Aristokraten und dem ehemaligen Kleinkriminellen gibt beiden Männern unverhofft Halt. Philippe schafft es nach Jahren sogar, eine Beziehung zu einer neuen Frau anzuknüpfen.

Zugegeben: Das alles klingt zunächst schrecklich kitschig, ist aber im Hörbuch ohne jede Sentimentalität oder falsche Hoffnung geschrieben. Die Leiden von Philippe sind stockfinster und das wenige Glück strahlt umso heller, weil Pozzo di Borgo nicht versucht, sein Schicksal zu verklären. Weil er nicht zwanghaft versucht, dem Geschehenen einen Sinn herbeizuschreiben, wird seine Geschichte plötzlich von einer tieferen Wahrheit berührt.

Der Sprecher des Hörbuchs, Frank Röth, der im Film ebenfalls Philippe spricht, fängt die unzähligen Nuancen zwischen verzweifeltem Leid, zarten Momenten des Glücks, kochender Wut, Resignation und Hoffnung meisterlich ein und verleiht der unglaublichen Geschichte eine Stimme, die man noch lange nach Ende des Hörbuchs zu hören meint.

Fans des Films werden sowieso in das Hörbuch reinhören, deshalb möchte ich es gerne allen Filmverweigerern ans Herz legen.

Hier geht’s zum Hörbuch “Ziemlich beste Freunde” auf Audible.de.