Miss Marples Erbinnen: Wie Frauen das Krimi-Genre eroberten

Franziska Schlögl | 25.02.20

Der Krimi braucht keine Frauenquote mehr. Warum sich heute hinter weiblichen Namen immer häufiger männliche Autoren verbergen, verrät ein Blick in die Geschichte des Frauenkrimis.

Für den Frauenkrimi gibt es keine einheitliche Definition. Grundsätzlich handelt es sich um Kriminal-Literatur, die von Frauen oder für Frauen geschrieben ist – oder beides. Dieses Label ist zwar heute so gut wie verschwunden; doch Fakt ist: Der Markt für Krimiautorinnen boomt – und aus Ermittlern werden zunehmend Ermittlerinnen. Hauptkommissarinnen, Privat- und Hobbydetektivinnen erobern weltweit das Genre. Dabei sind sie ihren männlichen Mitstreitern weder bei Verfolgungsjagden noch bei Psychospielchen unterlegen.

Top-Detektivinnen: Diese toughen Frauen mischen die Kriminal-Literatur auf.

Frauenkrimis: Aller Anfang ist schwer

Die erste Kriminalgeschichte überhaupt stammt von Edgar Allan Poe aus dem Jahr 1841: Der Doppelmord in der Rue Morgue. Als erste Frau veröffentlichte Metta Victoria Fuller Victor 25 Jahre später ihren Krimi „The Dead Letter. An American Romance“, allerdings unter dem männlichen Pseudonym Seeley Regester. Wie viele Schriftstellerinnen dieser Zeit verbarg sie ihre weibliche Identität, um sich auf dem männlich dominierten Markt behaupten zu können. Auch die zwei Protagonisten von Regesters erstem Krimi sind Männer.

Detektivromane: Die goldenen Zwanziger

In den 1920er Jahren, dem sogenannten „goldenen Zeitalter des Detektivromans“, reihten sich viele weitere Frauen unter die Krimi-Autoren. Darunter Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham. Sie perfektionierten die „Whodunit“-Literatur. Allerdings blieben auch ihre Helden erst einmal männlich: Hercule Poirot, Lord Peter Wimsey, Albert Campion. Agatha Christie überlegte sogar, ihren ersten Roman unter einem Männernamen zu veröffentlichen. Da sie sich zwischen den Pseudonymen „Martin West“ und „Mostyn Grey“ nicht entscheiden konnte, blieb sie bei ihrem eigenen – und ging als „Queen of crime“ in die Literaturgeschichte ein.

Der erste Miss Marple-Roman erschien 1930, Mord im Pfarrhaus. Seitdem tauchten immer mehr weibliche Ermittler in den Kriminalgeschichten auf: Die sogenannten „Armchair Detectives“ lösten die Kriminalfälle von zu Hause aus. Den meist arroganten, überaus intellektuellen und rationalen Detektiven stellten die Autorinnen weibliche Heldinnen gegenüber. Diese Protagonisten – oft als Hausfrauen angelegt – stolperten zufällig über Verbrechen und lösten sie mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrer weiblichen Intuition. Dabei ließen sich die Autorinnen von ihrem eigenen Alltag als Hausfrau und Mutter inspirieren und erschufen Protagonistinnen, mit denen sich ihre Leserinnen identifizieren konnten.

Noch heute erfreuen sich Anhänger der Cosy-Krimis an toughen Hobby-Detektivinnen, die verzwickten Kriminalfällen in bester Miss Marple-Manier auf den Grund gehen. In Eine Leiche zu viel etwa inquiriert die schlagfertige Journalistin Masie Jacobs und erweist sich als würdige Erbin der vermutlich berühmtesten Ermittlerin der Welt.

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Frauenkrimis: Von der Hobby- zur Profi-Ermittlerin

Weil Frauen ab den 50er Jahren immer häufiger Berufe ausübten, zogen auch die literarischen Heldinnen gleich. In den folgenden drei Jahrzehnten feierten Autorinnen wie Mary Higgins Clark, Elizabeth George, Patricia Highsmith und Ruth Rendell Erfolge. Sie legten ihre Protagonistinnen zunehmend als Berufsermittlerinnen an. Die Hauptkommissare blieben allerdings meist Männer, doch die Rolle der Frau ging nun über die der Hobbyermittlerin und Hausfrau hinaus – wie bei Inspektor Thomas Lynley und seiner Partnerin Barbara Havers. Die erste Geschichte, in der das Ermittler-Duo auftaucht, erschien unter dem Namen „A Great Deliverance“, allerdings erst 1988. Mary Higgins Clark schrieb später die beliebte Thriller-Reihe mit Laurie Moran.

In den 60er Jahren galt die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Carolyn Heilbrun als Pionierin des Frauenkrimis. Sie veröffentlichte unter dem Pseudonym Amanda Cross. Im Jahr 1977 erschuf Autorin Marcia Muller mit Sharon McCone die erste Berufsdetektivin, die erstmals im Roman „Edwin of the Iron Shoes“ auftauchte.

In den 80er Jahren setze dann ein regelrechter Frauenkrimi-Boom. Weitere Autorinnen wie Sara Paretsky, Sue Grafton und Janet Evanovich eroberten den Markt und die Herzen der Leser(innen). Paretsky rief zu dieser Zeit eine Initiative ins Leben: Im Netzwerk „Sisters in Crime“, beziehungsweise dem deutschen Äquivalent „Mörderische Schwestern“, kämpften Autorinnen für mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer Arbeit. Außerdem wollten sie Frauen von der Opfer- und Statistenrolle ins Rampenlicht rücken – und den männlichen hard-boiled Detektiven ebenbürtige Heldinnen gegenüberstellen.

In der deutschen Literatur entwickelte sich der Krimi-Hype deutlich später als in den USA und in Großbritannien. Dies lag vor allem daran, dass Kriminalromane unter dem NS-Regime verboten waren. Dennoch fanden sich bald auch deutschsprachige Detektivinnen und Agentinnen in den Bücherregalen, darunter Bella Block von Doris Gercke. Heute lassen Autorinnen ihre Protagonistinnen selbstverständlich auch in Fällen mit politischer Reichweite mitmischen, wie etwa Nele Neuhaus in ihrem gefeierten Debüt Unter Haien.

Nele Neuhaus: Die Bestseller-Autorin im Interview.

Frauenkrimi war gestern: Top-Agentinnen von heute

Wie auch die knallharte Kommissarin Bella Block beweist, hat die schrullige, alte Hobbyermittlerin mit ihrer untrüglichen, weiblichen Intuition längst Konkurrenz bekommen. Die Kriminal-Literatur von Frauen und für Frauen differenzierte sich in den letzten Jahren immer weiter aus. Die Bestseller-Autorinnen Gillian Flynn (Gone Girl) und Paula Hawkins (Girl on the Train) bereiteten etwa den Weg für ein neues Subgenre, bekannt unter dem Namen „Domestic Noir“. In ihren Geschichten geht es um Gewalt und Verbrechen, die Frauen in ihrer engsten Umgebung erfahren.

Wer denkt, dass grausame Serienkiller eine vorwiegend männliche Leserschaft begeistern, irrt übrigens gewaltig: Gerade die brutalen, blutigen und nervenaufreibenden Fälle ziehen Leserinnen magisch an. Frauen machen 60 bis 80 Prozent der Krimi- und Thriller-Kundschaft aus. Die Amerikanerin Karin Slaughter etwa gehört zu den Autorinnen, die mit grausamen, detailliert beschriebenen Bluttaten bei Leserinnen ins Schwarze trifft.

Interessanterweise greifen Frauen laut Umfragen lieber zu Romanen von Autorinnen. Konsequenterweise veröffentlichen darum immer mehr Männer ihre Krimis unter weiblichen oder gender-neutralen Pseudonymen. Zum Beispiel verbirgt sich hinter Tania Carver der britische Autor Martyn Waites. Todd Ritter schrieb lange Zeit anonym unter dem Unisex-Namen Riley Sager. Vielleicht finden Leserinnen es authentischer, wenn eine Frau über häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch schreibt. Doch ganz offensichtlich können sich auch Männer in weibliche Protagonisten hineindenken. So feierte Cody McFadyens Reihe mit der traumatisierten FBI-Agentin Smoky Barrett internationale Erfolge.

Immer häufiger thematisieren Krimis heutzutage das Privatleben der Agentinnen und wie sie Beruf und Familie vereinbaren. Außerdem werden in den Romanen Sexismus und Diskriminierung angesprochen, denen Frauen in einem männerdominierten Berufsfeld immer noch begegnen. Doch nicht nur das Frauenbild hat sich in der Krimi-Literatur gewandelt. Neben dem arroganten, eigensinnigen Detektiv und dem gefühllosen Triebtäter gibt es heute auch männliche Figuren in allen Facetten: schüchterne Kollegen, loyale Kommissare oder den „homme fatal“, bei dem niemand weiß, ob er Gutes oder Böses im Schilde führt. Eine neue, junge Autorengeneration steht schon in den Startlöchern, um dem Genre weitere Facetten abzugewinnen – wie Sara Gran mit ihrer verrückten Privatdetektivin Claire DeWitt.

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