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Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

07.02.2012

Paul Wendland-Kück steht jeden Morgen pünktlich auf, um seine Galerie in der Berliner Brunnenstraße zu öffnen. Noch nie hat aber ein interessierter Kunde die Ausstellung eines blinden Künstlers betreten. Doch Paul ist sich sicher, dass auch sein Ende der Brunnenstraße, das dem Arbeiterbezirk Wedding gefährlich nahe kommt, irgendwann von kunstliebenden Hispters aufgesucht und sich der Erfolg schon einstellen wird.

Aber es kommt niemand. Stattdessen beginnt seine Freundin einen Studienaufenthalt in Barcelona, wo sie täglich begeistert mit dem Spanier Phillipe springende Gene erforscht und sich immer spärlicher per SMS meldet. Unterdessen ruft Pauls dominante Mutter an, um ihn sofort in sein Heimatdorf zu zitieren, die Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Dort droht das denkmalgeschützte Haus der Familie im Teufelsmoor zu versinken.

Paul reist also zurück in seine Heimat, wo allerlei auf ihn wartet: das absaufende Haus mit den lebensgroßen Bronzestatuen seines Großvaters, Rilkes alter Dampfkochtopf, ein angeblich von Willy Brandt angebissenes Stück norddeutscher Butterkuchen sowie jede Menge vertuschte Dorf- und Familiengeheimnisse des letzten Jahrhunderts.

Moritz Rinke beschreibt in Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel mal übertrieben, mal subtil die Geschehnisse in Worpswede, die immer gerade so skurril sind, dass man sie in einem abgelegenen Dorf vermuten kann. Dabei vermischt er die Geschichte Worpswedes, das durch Künstler wie Paula Modersohn-Becker berühmt wurde, mit der fiktiven, aber beispielhaften Vergangenheit der Familie Kück.

Die Erzählung schwankt ständig zwischen urkomisch und sehr traurig, was der Sprecher Stefan Kaminski durch seine trockene und schnörkellose Erzählweise hervorragend zu unterstreichen weiß. Mein Fazit: Ein tolles, manchmal lustiges, manchmal erschütterndes Hörbuch - nicht nur für norddeutsche Dorfkenner und Butterkuchenfans!

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