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Pedro Mairal: Interview auf der Frankfurter Buchmesse

12.10.2010

“There is music in words“

Der argentinische Autor Pedro Mairal ist uns bereits im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse aufgefallen. Wir hatten in einem Interview gelesen, dass er einige seiner Roman-Charaktere online entwirft und sie in sozialen Netzwerken testet. Das fanden wir natürlich spannend und wollten mehr darüber erfahren. Überhaupt scheint Mairal sehr viel online zu schreiben.

Pedro Mairal wurde 1970 in Buenos Aires geboren. Eine Jury bedachte ihn als einer der originellsten Autoren der lateinamerikanischen Literatur mit dem Premio Clarín. Seine Bücher erschienen in vielen Sprachen, sein Roman Eine Nacht mit Sabrina Love (2002) wurde sogar verfilmt. Im August ist im Hanser Verlag sein neuester Roman, Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra, erschienen, den er uns während unseres Gesprächs auch gleich signierte.

[caption id=“attachment_1386” align=“alignleft” width=“300” caption=“Pedro Mairal auf der Buchmesse”]Pedro Mairal auf der Buchmesse[/caption]

Als wir am Stand des Hanser Verlags ankamen, trafen wir einen gut gelaunten, entspannten und sehr sympathischen Pedro Mairal, der bereits seit Dienstag die Messeluft der Frankfurter Buchmesse geschnuppert hatte. Schnell kamen wir ins Gespräch und unterhielten uns über so viel mehr Themen als geplant, dass ich hier kein klassisches Interview wiedergeben möchte. Viel lieber fasse ich euch die spannendsten Gedanken erzählend zusammen, die uns während des Gesprächs beschäftigten.

Auf die Frage, was genau hinter der Idee mit den Charakteren in den sozialen Netzwerken stecke, erzählt er uns, dass ihm dieser Einfall während des Bloggens gekommen sei. Neben seinen Romanen, betreibt Mairal parallel auch einen Blog (dort kann man die Sprache einstellen). Er habe nicht zuerst an das Buch gedacht und wie die Charaktere dort aussehen sollten, sondern er habe erst zwei Figuren geschaffen, Adriana und Miguel, und diese in seinem Blog von ihren Erlebnissen auf Literatur-Kongress-Reisen erzählen lassen, so z. B. Adriana über das hormonell bedingte Phänomen, wie und warum Männer auf diesen Literatur-Kongressen hinter Frauen herjagten. Er sei erstaunt gewesen, wie viele Antworten Adriana auf ihre Sicht der Dinge bekommen habe. Er habe durch das Schreiben unter dem Namen Adriana so viel über die weibliche Art des Denkens gelernt, dass er das nun auch sehr gut in seine Romane einfließen lassen könne. Im Blog habe im Übrigen niemand davon gewusst, dass er selbst hinter „Adriana“ steckte.

Pedro Mairal arbeitet eigentlich immer. Er schreibt entweder in seinem Blog oder er arbeitet an einem Roman. Er schreibe im Blog dabei nicht weniger literarisch als für ein Buch, erzählt er uns, er gäbe sich dort genauso viel Mühe, wie wenn er auf Papier schriebe. Das Schöne daran sei, enthüllt er uns, dass es kürzere Texte seien und er nicht so unter Zeitdruck stünde. Mairal schreibt all seine Texte online, mit Ausnahme seiner Romane. Diese könne und wolle er nur auf Papier niederschreiben. Seiner Ansicht nach gibt es für jedes literarische Genre auch ein passendes Medium. So lese sich ein Artikel oder eine Kurzgeschichte immer besser im Blog als auf Papier. Zudem könne er im Blog einfach viel flüssiger schreiben als auf Papier, verrät er uns. Die Frage nach der Zukunft der Literatur liegt da natürlich nahe. Wohin führt der Weg der Literatur? Wird es den Roman in Papierform irgendwann nicht mehr geben, werden wir nur noch kürzere Texte lesen? Mairal lässt diese Fragen offen und lenkt den Blick stattdessen auf das, was für ihn wesentlich ist: Er wolle experimentieren und Neues ausprobieren – online und mit dem Papierbuch – sonst würde ihm schnell langweilig werden. Eines aber sei ziemlich sicher: Das Internet habe unser Leseverhalten verändert.

Ein schöner Satz, der mir in Erinnerung geblieben ist: „Blogs turn kind of vintage“. Mairal meint damit, dass Blogs erst jetzt zu dem werden, was sie eigentlich schon längst sein sollten: ein Instrument, um Texte zu veröffentlichen (im Englischen hört sich „a tool of publishing“ einfach besser an, na ja, ihr wisst, was ich meine). Blogbeiträge könne man mit Musik, Videos und Links anreichern, um dem Text noch mehr Ausdruck zu verleihen. Auch die Kommentare und der Austausch mit Lesern böten dem Autor ein Mehr an Inspiration. Das Buch hingegen sei „a closed universe“ – ein in sich geschlossenes Universum. Mairal begrüßt, dass sich so jeder selbst aussuchen könne, welche Art von Text er bevorzuge: den aus dem Blog - kürzer, mit mehr Interpretation, da womöglich andere bereits auf den Text reagiert haben oder durch Links bereits ein Bild im Kopf entstanden ist - oder das Buch, mit dem man sich stärker ein eigenes Bild z. B. von den Charakteren machen könne.

Da wir gerade bei der Vorstellungskraft sind: Wir haben Pedro Mairal nach der zentralen Figur seines neuen Romans Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra gefragt, einem Maler. Wir wollten wissen, ob er selbst male und ob er ein visueller Mensch sei. Das sei er in der Tat, erzählt er uns. Er schreibe sehr visuell. Vielleicht liegt hier auch der Grund, warum sein Roman Eine Nacht mit Sabrina Love verfilmt wurde. Die Suggestion der Bilder sei für ihn sehr wichtig. Auch aus diesem Grund habe er einen stummen Protagonisten gewählt, einen, der sich durch gemalte Bilder ausdrückt. Er stelle sich beim Schreiben immer den Leser im Dunkeln vor, dem man anhand der Wörter stets alles mitgeben müsse, was für die Entstehung der Bilder im Kopf nötig sei. Mairal gibt ein Beispiel: Picasso male z. B. eine wunderschöne Blume ganz detailliert und nebendran viele einzelne Striche, die wiederum durch die Vorstellungskraft zu Blumen werden. Ebenso dürfe man als Autor nicht zu viele Einzelheiten beschreiben, so dass der Leser sich noch sein eigenes Bild machen könne. Schließlich solle man den Leser nicht unterschätzen. Mairals Maxime, die auch schon Hemingway gedient habe: „Show not tell“.

Eine weitere Maxime nutzt Pedro Mairal in seiner Schreibwerkstatt für junge Autoren. Er riete diesen immer wieder, dass sie sich ihre eigenen Texte laut vorlesen sollten, um zu hören, ob die Sprache gut klingt. Wenn sie über einen Ausdruck stolperten, sollten sie ihn umschreiben, denn „there is music in words“ - mein absolutes Lieblingszitat von ihm. Für Mairal muss Literatur also richtig klingen.

Wenn das mal keine gute Überleitung zu unserer Frage ist, ob Mairal sich Bücher auch anhört. In Argentinien würden keine Hörbücher produziert, berichtet er, es gebe dort keinen Markt für Hörbücher. Er könne sich daran erinnern, Kurzgeschichten oder Ausschnitte aus Büchern in gesprochener Form in den 60er Jahren gehört zu haben, aber niemals ein gesamtes Hörbuch. Er schaue sich aber mittlerweile Lesungen auf YouTube an und habe sich in seiner Zeit in Großbritannien auch Hörbücher von Shakespeare-Theaterstücken oder Dichterlesungen zugelegt. Ein wunderbares Beispiel sei der Dichter Dylan Thomas, dessen Prosa er oft während dem Autofahren gehört habe. Allerdings habe er dabei immer ganz schön aufpassen müssen, keinen Unfall zu bauen, weil er sich so tief in den Text hineinversetzt habe. Außerdem mag Mairal es, seine eigenen Texte aufzunehmen. Er habe das auch bereits in seinem Blog getan, allerdings nie weiterverfolgt, obwohl er gutes Feedback bekommen habe. Mairal besitzt zudem eine große Audio-Sammlung von Autoren seiner Zeit, die zusammen mit ihm einige Texte in ein windiges Mikro eingesprochen haben. Besonders interessant finde er daran, wie unterschiedlich verschiedene Autoren denselben Text lesen würden. Er habe dabei festgestellt, dass es immer auf die Zeit ankomme, in der z. B. ein Gedicht eingesprochen wird. Jede Zeit habe ihren eigenen Singsang, ihre eigene Tonalität. Vor allem bei Gedichten merke man das.

Er könne sich sehr gut vorstellen, dass sein neuer Roman Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra auch als Hörbuch veröffentlicht wird, erklärt uns Pedro Mairal. Ob ihm ein Sprecher einfiele, der den Roman sprechen solle, wollen wir wissen. Für diese Rolle käme wohl nur er selbst so richtig in Frage, antwortet er lachend. Schließlich wisse er am besten, wann welche Tonalität zu wählen sei.

Wir danken Pedro Mairal für das interessante Gespräch und wünschen ihm viel Erfolg mit seinem Blog und seinem neuen Roman!

Der Hanser Verlag hat uns ein Exemplar von Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra von Pedro Mairal für eine Verlosung zur Verfügung gestellt. Pedro Mairal hat es natürlich für euch signiert. Wenn ihr dieses Exemplar gewinnen wollt, schreibt uns einfach einen kurzen Kommentar.

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