Pride Month - warum wir ihn feiern, warum wir ihn brauchen

Pride Month 2019
12.06.19

Der Juni gilt als Pride Month: In Erinnerung an den Stonewall-Aufstand von 1969 finden zu diesem Zeitpunkt besonders viele Demonstrationen und Veranstaltungen statt, die sich für die Rechte Homo-, Bi- & Transsexueller* stark machen.

Vielleicht habt ihr es auf den Straßen, in den Medien oder auf den Sozialen Netzwerken bereits bemerkt: Regenbogenflaggen werden gehisst. Auf Instagram empfielen Blogger queere Bücher. (Queer ist ein Sammelbegriff, der sämtliche nicht heteronormativen Geschlechtsidentitäten umfasst.) Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle demonstrieren gegen Ausgrenzung und für ihre Rechte. Weltweit finden Pride Parades statt, hierzulande besser bekannt als Christopher Street Days.

Und die Straßendemos bezeichnet man so, weil dort alles anfing: in der New Yorker Christopher Street. Vor ziemlich genau 50 Jahren.

Was war der Stonewall-Aufstand

Dort steht das legendäre Stonewall Inn. In der Nacht vom 27. auf den 29. Juni 1969 wehrten sich sexuelle Minderheiten in der Szenebar erstmals vehemennt gegen Polizeigewalt. Das Ereignis markierte den Wendepunkt im Kampf der Schwulen- und Lesbenbewegung um Gleichberechtigung.

Warum kam es zum Aufstand?

Auch im vermeintlich fortschrittlichen Amerika waren in den 1960er Jahren die Lebensbedingungen für queere Menschen alles andere als rosig. Nicht nur wurden sie sozial geächtet. Wer sich als homo- oder transsexuell outete, verlor meist seinen Job und oft auch den Rückhalt seiner Familie. Gleichgeschlechtlicher Sex galt als Verbrechen, ebenso wie das Tragen von Kleidung, die nicht dem biologischen Geschlecht entsprach.

Selbst in New York, das damals bereits als eine Hochburg queerer Subkultur galt, wurden Homo- und Transsexuelle geschmäht und regelmäßig von der Polizei aufgegriffen. Eine Schankerlaubnis für Bars mit queerem Publikum gab es lange Zeit nicht.

Die Bars gab es natürlich trotzdem, ebenso wie Drag Queens, schwulen Sex und queeres Leben. Oft wurden die Bars, so auch das Stonewall Inn, von der Mafia betrieben. Der Schwarzhandel florierte, was der Stadt natürlich ein zusätzlicher Dorn im Auge war. Deshalb fanden regelmäßig Razzien statt.

Trotzdem fanden sich Transgender, Schwule und Lesben dort ein. In Bars wie dem Stonewall Inn fanden sie einen Platz zum Feiern. Dort konnten sie Freunde und Liebhaber treffen, eine Weile sie selbst sein, nicht "unnormal". Da ertrug man sogar die Razzien, erduldete die Polizeigewalt, riskierte es, dass die eigene Identität öffentlich gemacht und das Leben, wie man es im Alltag bisher kannte, dadurch zerstört wurde. Es muss die Hölle gewesen sein.

Und als die Polizei in den frühen Morgenstunden des 28. Junis 1969 in das Stonewall Inn einfiel, beschlossen deren Besucher, sich diese Demütigungen nicht mehr gefallen zu lassen und zurückzuschlagen.

Stonewall: Breaking out in the Fight for Gay Rights

Autor:
Ann Bausum
Sprecher:
Tim Federle, Ann Bausum
Spieldauer:
3:06 Std.

Sehr intensiv und informativ beschreibt das Ann Bausum im Hörbuch STONEWALL - Breaking Out the Fight for Gay Rights das ganze Geschehen.

Was ist in der Christopher Street passiert?

Auch wenn Roland Emmerichs Film von 2015 etwas anderes vermuten lässt: Das Stonewall Inn wurde hauptsächlich von Latinos und Afroamerikanern besucht, von lesbischen Frauen sowie von auf der Straße lebenden Jugendlichen, die nach ihrem Outing zu Hause rausgeschmissen worden waren. Die Besucher des Stonewall Inns bildeten eine Randgruppe in der Randgruppe.

Die Bar war in jener Nacht 1969 brechend voll - und die Razzia lief aus dem Ruder. Das mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass die New Yorker Polizei sich von den Barbetreibern in der Regel ein ordentliches Schmiergeld dafür bezahlen ließ, eine Razzia vorher anzukündigen - und sie so früh am Abend durchzuführen, dass der Hauptbetrieb der Lokale nicht sonderlich gestört wurde. Viel Geld muss damals den Besitzer gewechselt haben.

Am 28. Juni 1969 war das anders. Die Polizisten warnten die Betreiber des Stonewall Inn nicht vor - und kamen erst weit nach Mitternacht. Zunächst verlief alles wie üblich: Man verhaftete Personen, die sich nicht ausweisen konnten oder die sich nicht ihrem biologischen Geschlecht entsprechend kleideten. Die Besucher der Bar ließen sich wie üblich ins Freie treiben. Als die Polizisten bei den Verhaftungen jedoch unnötig grob wurden, lief die Sache aus dem Ruder.

Die Barbesucher, die jahrelang aufgrund ihrer sexuellen Identitäten gedemütigt und misshandelt worden waren, solidarisierten sich. Zunächst bewarfen sie die Polizisten nur mit Münzen, dann mit Trinkflaschen und schließlich sogar mit Steinen. Und weil das Stonewall Inn in der Christopher Street mitten im pulsierenden queeren Viertel New Yorks lag, schlossen sich immer mehr Menschen dem Widerstand an. Gemeinsam gelang es ihnen, die Polizei in die Flucht zu schlagen. Dieser Erfolg spornte die Leute an. Wir lassen uns das nicht mehr länger gefallen, müssen viele gedacht haben. Die Gay Pride-Bewegung nahm ihren Anfang.

Gay Pride

Pride heißt wörtlich übersetzt "stolz".

Gemeint ist damit vor allem, dass sich queere Menschen nicht mehr länger dafür schämen wollen, so zu sein, wie sie sind. Dass sie dazu stehen, so zu sein, wie sie eben sind, und dass sie sich dafür nicht stigmatisieren und ausgrenzen lassen wollen. Dass auch ein nicht-heteronormatives Leben lebenswert ist. Dass alle Menschen gleich sind. Es ging im Kampf um die Gleichberechtigung nicht mehr länger nur um die Entkriminialisierung. Es geht seither um Toleranz - und um queeres Selbstbewusstsein.

Der Kampf gegen die Polizeiwillkür vor dem Stonewall Inn war der Auftakt für tagelange Straßenschlachten im New Yorker Schwulenviertel. Die Wut und die Enttäuschung gegen das unmenschliche Behandlung, der sich queere Menschen ihr Leben lang ausgesetzt gesehen hatten, ließ sich nicht mehr eindämmen.

Erst nach einer ganzen Weile beruhigte sich die Situation. Die Drag Queens und Lesben und Schwule legten Steine und Flaschen nieder. Aber ihr Kampfgeist war geweckt und das gab der Lesben- und Schwulebewegung mächtig Auftrieb. Es formierte sich die offen homosexuelle Befreiungsbewegung.

1970 organisierte diese im Gedenken an den Stonewall-Aufstand und damit an den entscheidenden Wendepunkt im Kampf um die Gleichberechtigung einen Marsch durch New York. Das war der erste CSD sozusagen.

Inzwischen finden CSDs bzw. Pride Parades weltweit statt. In Deutschland gibt es sie seit 1979. Hierzulande nahmen sie in Berlin und Bremen ihren Anfang. Dieses Jahr, im Juni 1969, findet der World Pride in New York statt - eingedenk des 50. Jubiläums des Stonewall Aufstands.

Was kam nach Stonewall?

Mit Stonewall nahm der Kampf um die Gleichberechtigung eine entscheidende Wende, aber er war noch nicht vorbei. Die Gesellschaft wurde nur sehr langsam liberaler.

1977 wurde Harvey Milk in San Francisco als erster offen schwuler Politiker in den Stadtrat gewählt. Kurz darauf wurde er jedoch vom ehemaligen Stadtrat Dan White im Rathaus erschossen. Wegen seiner lächerlich milden Verurteilung für den Mord (sieben Jahre Gefängnis wegen Todschlags) kam es in San Francisco 1979 erneut zum Kampf zwischen der Polizei und der queeren Gemeinde.

In den 80er Jahren, mit Ausbruch der AIDS-Krise, kam es erneut zu einer großen sozialen Ächtung. Die Regierung weigerte sich lange, den Behörden finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um nach einem Heilmittel oder einer Behandlung zu forschen.

Two Boys Kissing

Autor:
David Levithan
Sprecher:
David Levithan
Spieldauer:
6:15 Std.

Sehr bewegend hat der US-Autor David Levithan in seinem herausragenden Jugendbuch Two Boys Kissing dazu Stellung bezogen.

Wie schwierig es auch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts noch war, offen schwul zu leben, zeigt die zweite Staffel American Crime Story.

Gay Pride - Brauchen wir das heute noch?

Unbedingt.

Zwar hat sich vieles getan. So haben wir zum Beispiel auch in Deutschland endlich die Ehe für Alle. Aber das heißt noch nicht, dass alles gut ist.

Das Wort "schwul" gilt nicht nur an Schwulen immer noch ein Schimpfwort. Personen aus der Politik machen sich über Transgender lustig. Viele queere Jugendliche haben Angst vor der Zukunft oder schämen sich, dazu zu stehen, wie sie sind. Die Selbstmordrate queerer Jugendliche soll deutlich höher sein als bei heterosexuellen Jugendlichen.

Homosexualität mag in Deutschland seit 1994 nicht mehr strafbar sein. Aber in fast vierzig Ländern ist das auch heute noch anders. In einigen davon gibt es dafür sogar die Todesstrafe.

In London wurden vor wenigen Tagen zwei Lesben in einem öffentlichen Bus attakiert und verletzt.

In Berlin wurde am Wochenende ein Mann vor einer Schwulenbar mit Reizgas besprüht.

In Russland ist Homosexualität tabuisiert.

In Deutschland käme kein aktiver Fußball-Profi auf die Idee, sich zu outen.

Und die USA hat ihren Botschaften anders als in den vorangegangenen Jahren 2019 noch nicht offiziell erlaubt, Regenbogenfahnen als Zeichen der Solidarität zu hissen.

Die Welt ist toleranter geworden, aber noch nicht tolerant. Sie ist gleichberechtigter geworden, aber noch nicht gleichberechtigt. Und deshalb ist Gay Pride genau so wichtig wie eh und je.

Wenn ihr in diesem Sommer einen CSD besuchen und/oder auf einer Parade mitlaufen wollt, findet ihr hier alle Termine.