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Reinhard Kuhnert über seinen Roman "Abgang ist allerwärts"

12.09.2013

Reinhard Kuhnert über seinen ersten Roman Reinhard Kuhnert
Hörbücher-Blog: Du hast fast 50 Hörbücher bei Audible im Programm – die meisten unserer Hörer kennen dich als Sprecher der 20-teiligen Fantasyserie Game of Thrones - Das Lied von Eis & Feuer. Was viele Hörer noch nicht wissen, du machst noch viele andere Dinge neben dem Hörbuchsprechen – was zum Beispiel?

Reinhard Kuhnert: Eines der anderen „Standbeine“ ist das Synchronisieren ausländischer Filme, aber auch das Sprechen als Kommentator von Dokumentationen. Es wird ja immer wieder gefragt, WEN sprichst du denn? In jüngster Zeit leihe ich z.B. David Strathairn meine Stimme. Er ist erst vor einiger Zeit in Hollywood bekannt geworden, hat aber bereits viele große Rollen gespielt. z.B. war er im Film Lincoln der Außenminister. Dann habe ich aber auch Peter Coyote oder André Dussolier gesprochen. Ich freue auch immer wieder, wenn ich mit meinen eigenen Liedern und Texten auf der Bühne stehen darf – was ich in letzter Zeit allerdings vernachlässigt habe. Das sind Lieder und Texte im Genre der literarischen Satire – mit Vorvätern wie Heine, Tucholsky, Kästner. Es geht immer um die kritische Betrachtung Deutschlands.

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Hörbücher-Blog: Hinzu kommt, dass du gerade deinen ersten Roman Abgang ist allerwärts geschrieben und veröffentlicht hast, über den ich und sicher auch deine Hörbuchfans gerne mehr erfahren würden. Kannst du uns kurz beschreiben, um was es in deinem Roman geht?

Reinhard Kuhnert: Der Roman ist die erste längere Prosaarbeit von mir. Es geht in diesem Roman um einen jungen Schriftsteller, der Ende der 70er Jahre in ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern kommt um dort zu schreiben, aber eigentlich nichts mit der Bevölkerung zu tun haben möchte. In Berlin lebt er schließlich auch in einem Haus, in dem er keinen Kontakt zu den anderen Bewohnern hat. Er stellt dann sehr schnell fest, dass das auf dem Dorf anders ist und die Leute ihn immer mehr interessieren. Er entdeckt, dass die Bewohner sehr eigenwillige, sehr gradlinige, aber auch sehr skurrile Charaktere sind. Im 2. Handlungsstrang bekommt der am Anfang sehr erfolgreiche, junge Autor immer mehr Schwierigkeiten mit der Zensur und gerät zunehmend in das finanzielle, aber auch soziale Abseits. Die Leute aus dem Dorf behandeln ihn aber nach wie vor wie einen der Ihren und helfen ihm, wo sie nur können, obwohl sie wissen, dass er das Land verlassen wird, was ihm nicht leicht fällt. Sie zahlen sogar seinen Strom, seine Kohlen usw.

Hörbücher-Blog: Ist ein Teil dessen, was dem Protagonisten Elias Effert passiert, dir selbst auch passiert?

Reinhard Kuhnert: Ja. Dazu muss ich sagen, es gab 2 Gründe, warum ich den Roman geschrieben habe: Erstens, es war für mich an der Zeit, autobiografisch Dinge aufzuarbeiten, obwohl Elias Effert nicht gleichzusetzen ist mit mir. Es gibt aber trotzdem sehr viel Autobiografisches in dem Roman. Ich wollte ehrlich mit meiner Biografie und meiner Vergangenheit umgehen und aus dieser Opferhaltung rauszukommen. Ich musste mir klarmachen, dass ich das, was ich damals gemacht habe, sehr bewusst getan habe. Ich habe mich so offen gegen das gestellt, was die offizielle Kulturpolitik in der DDR war – so dass mir sehr klar war, dass ich Probleme bekommen würde. Aber ich musste eben so schreiben, wie ich es für richtig hielt – ich konnte nicht aus meiner Haut. Die andere Seite ist die – ich wollte mich bei den Leuten aus dem Dorf in Mecklenburg Vorpommern bedanken, weil sie immer zu mir gehalten haben - im Gegensatz zu bekannten Schriftstellern oder Schauspielern in der Stadt, die sogar die Straßenseite gewechselt haben, wenn sie mich sahen. Außerdem wollte ich der Gegenwartsliteratur, die sich mit dem Leben in der DDR befasst, eine neue Seite hinzufügen – nämlich eine Erzählung über Menschen auf dem Lande. Bisher wurden meines Wissens nur das Leben in der Stadt und Familiengeschichten beleuchtet.

Hörbücher-Blog: Ich habe gelesen, dass du außerdem 13 Jahre in Galway in Irland gelebt und gearbeitet hast? Wie ist es dazu gekommen und hast du dort etwa auch am Theater gewirkt?

Reinhard Kuhnert: Ich bin durch den wunderbarsten Grund der Weltgeschichte in Galway gelandet – durch die Liebe. Ich bin zu einer Frau nach Irland gegangen. Dort habe ich dann geschrieben, bin auch immer wieder nach Deutschland gependelt, weil ich weiterhin als Synchron- und Dokumentarsprecher gearbeitet habe. Auch mit meinen Soloabenden bin ich weiterhin aufgetreten. In Irland am Theater zu arbeiten, war zum einen schwierig wegen der Sprache, aber auch weil der Schaupielmarkt dort so winzig ist und ganz anders funktioniert – alles ist privat, es gibt so gut wie keine Subventionen. Ich habe dann als Gastdozent an der Uni in Galway Theater unterrichtet und auch inszeniert – mein Stück „Im Trockenen“ – eine Groteske. Dann habe ich mit einer sehr interessanten Frau eine englischsprachige Brechtshow auf die Bühne gebracht „To those born later“, also An die Nachgeborenen – nach dem Gedicht von Brecht und mit Liedern und Texten von Brecht, mit Musik von Eisler, Weill & Dessau. Agnes Bernelle war eine der berühmten Brecht-Interpretinnen im Englischsprachigen - wie übrigens auch Marianne Faithfull, die auch zu unserer Premiere in Dublin kam. Agnes hatte meine CD gehört und war so auf mich aufmerksam geworden. Wir sind mit unserer Show richtig durch Irland getourt und waren wirklich erfolgreich. Wir sind sogar ins Opernhaus von Cork, nach Belfast und London eingeladen worden, aber dann ging Agnes ins Krankenhaus, wo sie an Lungenkrebs starb. Und das war dann auch das Ende der Show.

Hörbücher-Blog: Dein Roman ist heute auch als Hörbuch bei uns erschienen. Ich schätze als Sprecher ist es vollkommen klar, dass der eigene Roman auch als Hörbuch erscheinen muss, oder? Abgang ist allerwärtsReinhard Kuhnert: Ich habe mir das gewünscht, dass ich meinen Roman einsprechen darf. Ich war ganz aufgeregt und glücklich als dann das Angebot von Audible kam. Oft hört man ja, nimm dir doch einen richtig bekannten Schauspieler, der das einliest, aber es ist meine Geschichte und die lese ich selbst. Außerdem war das für mich eine Chance, den Hörern mehr über mich und mein Leben zu erzählen. So lernen sie mich ein bisschen besser kennen. Es macht so einen Spaß, den Figuren unterschiedliche Charaktere zu geben und ich kenne die Menschen ja alle – wie z.B. den Traktoristen aus „Ostpreißen“ oder den sonderbaren Alten mit einem Grummelbass. Mir ging es auch darum, die Fremdheit, die immer noch zwischen den beiden Teilen Deutschlands herrscht, abzubauen und Neugier entstehen zu lassen. Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, der mit den Klischees über die Menschen im Osten aufräumt, die immer noch durch unser Land wabern. Ich würde mich freuen, wenn viele meine Geschichte hören und mir ihr Feedback geben.

Hörbücher-Blog: Wirst du in nächster Zeit auch Lesungen veranstalten oder wo können dich deine Fans treffen?

Reinhard Kuhnert: Ich werde vom 9.-11. Oktober auf der Buchmesse in Frankfurt am Stand des Plöttner-Verlages in Halle 4.1, Gang D 64 anzutreffen sein und täglich an drei Terminen zur vollen Stunde aus meinem Roman lesen. Diese kurzen Lesungen werde ich mit eigenen satirisch- politischen Liedern einrahmen. Am Freitag, den 11. Oktober, 13.00 Uhr findet man mich außerdem auf der „Leseinsel“ der unabhängigen Verlage in Halle 4.1. Ihr seid alle herzlich eingeladen, vorbeizukommen. Im Gespräch ist außerdem noch eine Lesung in Leipzig, Dresden und anderen Städten. Aktuelle Lesetermine erfahrt ihr auf meiner Webseite.

Hörbücher-Blog: Werden wir in Zukunft mehr von dir als Autor lesen bzw. hören?

Reinhard Kuhnert: Das hoffe ich doch sehr. Ich habe bereits ein Kinderbuch geschrieben, das im Irland der Gegenwart spielt. Es ist für Menschen ab 7 Jahren und heißt „Fionas Feen“. Es geht um ein Mädchen, das durch Erzählungen ihrer Großmutter mit Feen in Kontakt kommt. Fiona erlebt viele Abenteuer mit diesen zauberhaften Wesen. Ich würde mich freuen, wenn ich für dieses Buch schnell einen Verlag finden würde und als Hörbuch wäre diese Geschichte bestimmt auch sehr gut geeignet.

Und dann: Ich kann ja meine Finger nicht vom Theater lassen. Ich habe ein Stück geschrieben, das unbedingt aufgeführt werden müsste, weil das wieder ein Beitrag zur jüngeren deutschen Geschichte wäre. Es heißt „Die Judenpuppe“. Ich stelle immer wieder fest, dass diese eigene Geschichtsaufarbeitung weitgehend an den Theatern fehlt. Das Stück ist eine bitterböse Familiengeschichte mit einigen Leichen im Keller und: Wichtig für die Theaterleute: Es gibt 5 Frauenrollen und nur einen Mann.

Hier geht es zum Hörbuch-Download von “Abgang ist allerwärts” - dem ersten Roman von Reinhard Kuhnert, exklusiv bei Audible.

 

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