Visionär bis düster: Science-Fiction von Frauen

Dorothea Martin | 18.10.22

Weibliche Hauptfiguren sind in vielen Science-Fiction-Welten zuhause. Wie sieht es aber mit Science-Fiction Autorinnen aus? Interessieren sich Schriftstellerinnen für Science-Fiction?

DE Science Fiction von Frauen

Wird Lieutenant Ellen Ripley dem Alien entkommen, Captain Kathryn Janeway die Voyager vor den Borg retten, Catniss Everdeen die Hunger Games überleben, Trinity der Matrix entfliehen und Rey, der erste weibliche Jedi, die Rebellen retten? Ob Horroraction, Dystopie, Thriller, Zukunftsvision oder Space Opera: Weibliche Hauptfiguren sind mittlerweile in vielen Science-Fiction Welten zuhause. Wie sieht es aber mit Science-Fiction Autorinnen aus? Interessieren sich Schriftstellerinnen für Science-Fiction?

Science-Fiction aus weiblicher Feder

Eine rhetorische Frage, denn natürlich schreiben Frauen auch Science-Fiction! Immerhin ist Frankenstein für viele ein Gründungsroman der Science-Fiction. Mary Shelley veröffentlichte die Geschichte des verantwortungslosen Wissenschaftlers, der einen künstlichen Menschen erschafft und ihn dann sich selbst überlässt, im Januar 1818. Auch wenn "Frankenstein" eine Gothic Novel und der Schauerliteratur zuzurechnen ist, so untersucht die Autorin doch (fiktives) wissenschaftliches Handeln und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bei all den Abgrenzungsschwierigkeiten der Science-Fiction zu Fantasy, phantastischer Literatur und Dystopie: Mit den dargestellten technologischen Neuerungen und ihren Folgen erfüllt der Roman damit grundlegende Elemente des Genres.

Wie divers und politisch Science-Fiction-Literatur sein kann, zeigen dann zwei berühmte Nachfolgerinnen von Mary Shelley aus dem 20. Jahrhundert. Octavia E. Butler untersucht mit ihrer zwischen 1987 und 1989 veröffentlichten Xenogenesis-Trilogie die Themen Fremdheit und Rassismus, indem sie die Menschen der Zukunft auf Aliens treffen lässt. Einen ebenso einflussreichen Science-Fiction-Klassiker schuf Ursula K. Le Guin mit dem Hainish-Zyklus. Ihre Idee der fließenden Geschlechter in The Left Hand of Darkness (1969) und einer androgynen Gesellschaftsordnung ist immer noch revolutionär und wird heute von Autorinnen wie Ann Leckie aufgegriffen und variiert.

Große Science-Fiction von Frauen

Wir möchten euch einige Science-Fiction-Autorinnen und ihre Hörbücher vorstellen, deren Geschichten nicht in fernen Galaxien spielen sondern dystopische Visionen einer nahen Zukunft entwerfen.

Der dunkle Schwarm 2 - Der stille Planet
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Der dunkle Schwarm 2 - Der stille Planet

Geschrieben von:Marie Graßhoff
Gesprochen von:Ulrike Kapfer
Spieldauer:10:53
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Angenommen, unser Bewusstsein, unsere Erinnerungen und Gedanken befänden sich in einem implantierten Computer. Diese Implantate ließen sich zu „Hive Minds“ verbinden. Was wäre, wenn sich jemand in die Implantate hacken und die darin gespeicherten Erinnerungen manipulieren könnte? Ausgehend von diesem Gedanken hat Marie Graßhoff einen düsteren, actionreichen Cyber-Krimi geschrieben: Der dunkle Schwarm. In der bislang zweiteiligen Science-Fiction-Serie trifft eine spektakuläre Grundidee auf einen wendungsreichen Plot und vielschichtige Charaktere. Dafür gab es 2022 eine Nominierung für den Seraph, Deutschlands bedeutendsten Literaturpreis für Phantastik.

Die toughe Hackerin Atlas Lawson, die im ersten Teil des Hörbuchs ein kriminelles Syndikat zerschlagen hat, will einen Umweltaktivisten aus dem Gefängnis holen. Bennies Erinnerungen wurden so manipuliert, dass er als Mörder dasteht. Außerdem muss Atlas die Daten ihres Androiden Julien wiederherstellen. Der selbsternannte Menschenfreund Payne Hax, Chef des Megakonzerns „Hypermind“, will ihr dabei helfen. Zu spät begreift Atlas, dass Hax insgeheim eine ganz andere Agenda verfolgt.

Ich bin Gideon
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Ich bin Gideon

Geschrieben von:Tamsyn Muir
Gesprochen von:Dagmar Bittner
Spieldauer:20:34
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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In Ich bin Gideon von Tamsyn Muir rebelliert eine mutige, junge Frau gegen die herrschende Gesellschaftsordnung der royalen Häuser. Gideon Nav lebt unter der Herrschaft des Neunten Hauses und fristet dort ein Leben als Dienerin. Eines Tages beschließt sie, sich der Erbin des Neunten Hauses zu widersetzen. Sie flieht. Und wird erwischt. Zur Strafe soll sie an einem inszenierten Schwertkampf zwischen den royalen Häusern teilnehmen – ein Kampf auf Leben und Tod. Ein Kampf um die Zukunft eines ganzen Planeten.

Die in Neuseeland geborene Autorin Tamsyn Muir mischt in ihrem Debütroman Science-Fiction mit Dystopie- und Space-Opera-Elementen. Schwindelerregende Action-Szenen, dazu eine ordentliche Schippe Humor und eine Heldin, die mit ihrer impulsiven Art und ihren sarkastischen Sprüchen jegliche Geschlechterklischees aushebelt: Kein Wunder, dass nicht nur der britische Autor Warren Ellis ganz begeistert ist von dieser vielversprechenden neuen Stimme.

"Wer so schreibt wie Tamsyn Muir muss verrückt sein. Oder genial."

Warren Ellis

Frauen-Horror, Männer-Romantik? Von Genres und Geschlechterklischees

Der Report der Magd
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Der Report der Magd

Geschrieben von:Margaret Atwood
Gesprochen von:Vera Teltz, Charles Rettinghaus
Spieldauer:11:58
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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In den USA sind viele Menschen durch Atomkatastrophen unfruchtbar. Nach einem Staatsstreich errichtet eine Gruppierung die theokratische Republik Gilead. Eine Diktatur, die die Rolle der Frau neu definiert: Frauen sind ab sofort dem Mann untergeben. Sie selbst werden entweder Magd, Dienerin oder Ehefrau einer Führungskraft. Aufgabe der Mägde ist es, Kinder für die Republik zu bekommen.

Dieses Szenario entwirft Margaret Atwood in ihrem Bestseller Der Report der Magd, übersetzt von Helga Pfetsch. Desfred, die Hauptfigur, wird beim Fluchtversuch aus Gilead von ihrem Mann und ihrem Kind getrennt und muss von da an als Magd des Fred dienen: Sie wird zum Brutkasten für ihn und seine Frau. Eine absolut bedrückende Gesellschaft, die Margaret Atwood hier gestaltet und die zur Inspirationsquelle für viele weitere Autorinnen wurde.

Vox
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Vox

Geschrieben von:Christina Dalcher
Gesprochen von:Andrea Sawatzki
Spieldauer:9:47
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Stellt euch vor, ihr dürftet nur noch 100 Wörter am Tag sprechen. Die promovierte Linguistin Christina Dalcher hat in ihrem Debütroman Vox den „Report der Magd“ von Margaret Atwood noch etwas weiterentwickelt: In den Vereinigten Staaten breitet sich im 21. Jahrhundert eine evangelikale Gruppierung aus, die Frauen nach und nach alle Rechte nimmt.

Erst wird ihnen der Pass abgenommen, dann folgt das Berufsverbot und schließlich bekommen Frauen Leseverbot. Bücher werden weggesperrt und Männer sind verantwortlich dafür, dass sich ihre Frauen an die Regeln halten. Während Jeans‘ Söhne auf weiterführende Schulen gehen können, lernt ihre kleine Tochter nur noch Dinge, um später einem Mann den Haushalt führen zu können. Kontrolliert werden Mädchen und Frauen von den Männern um sie herum und vom Armband, das allen, die mehr als 100 Wörter am Tag sagen, einen elektrischen Schlag versetzt. Kommen die Grenzüberschreitungen häufiger vor oder hört die Frau nicht auf zu sprechen, wird die Dosis langsam erhöht bis zum Tod. Doch Jean fängt an zu kämpfen. Ein politischer Thriller in dystopischem Setting.

Die Lieferantin
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Die Lieferantin

Geschrieben von:Zoë Beck
Gesprochen von:Antje Thiele
Spieldauer:8:09
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Zoë Becks Thriller Die Lieferantin spielt in London des Jahres 2019. England ist dank des Brexits in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und rassistische Ausschreitungen gehören zum Alltag. In dieser Gesellschaft zieht Ellie ihr Geschäftsmodell auf: Ihr Start-up liefert Drogen von höchster Qualität in ganz London per Drohne aus, ihre Kunden bestellen via Chatroom im Darknet. Schnell hat sie nicht nur die Konkurrenz der Drogenmafia gegen sich aufgebracht. Auch die Politik versucht, sie auszuschalten - es entfaltet sich ein rasanter Near-Future-Thriller, der erschreckend nah an unserer Realität ist.

Leere Herzen
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Leere Herzen

Geschrieben von:Juli Zeh
Gesprochen von:Ulrike C. Tscharre
Spieldauer:7:29
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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Auch Juli Zeh blickt in Leere Herzen in eine nicht allzu fernliegende Zukunft. Sie konzentriert sich auf ein Deutschland im Jahre 2025, das mittlerweile von einer “Besorgte-Bürger-Bewegung” regiert wird. In diesem nach rechts gerückten Land betreibt Britta Söldner gemeinsam mit Babak Hamwi “Die Brücke”. „Die Brücke“ tritt nach außen als psychotherapeutische Einrichtung auf, das Geschäftsmodell ist jedoch ein Pakt mit dem Tod. Brittas Firma rekrutiert Suizidgefährdete als Selbstmordattentäter für die unterschiedlichsten Terrororganisationen, egal welcher Richtung. Professionelle Anschläge? Die Brücke kümmert sich!

Doch dann bekommt “Die Brücke” Konkurrenz. Ein dilettantische ausgeführtes Attentat verunsichert Britta, die sich mehr und mehr verfolgt fühlt und schließlich ihren Ansatz in Frage stellt. Juli Zeh spitzt mit „Leere Herzen“ aktuelle gesellschaftliche Strömungen und Themen bitterböse zu. Was wäre, wenn man dieses Horrorszenario auf ganz Europa übertragen würde? Dieses Gedankenexperiment beschreibt Robert Harris in seinem Hörbuch Vaterland: eine mit historischen Dokumenten gewürzte Zukunftsvision, voller Verbrechen, Komplotte, Gewalt – und Liebe.

Die Optimierer
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Die Optimierer

Geschrieben von:Theresa Hannig
Gesprochen von:Richard Barenberg
Spieldauer:9:12
Typ:Ungekürztes Hörbuch
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In Theresa Hannigs Debütroman Die Optimierer, der im Jahre 2052 spielt, hat sich Europa zu einer Bundesrepublik zusammengeschlossen und vom Rest der Welt abgeschottet. Es regiert die Wohlstandsökonomie, die mit Hilfe von Robotern und künstlicher Intelligenz gewahrt wird. Zum Wohle aller überwacht der Staat seine Bürgerinnen und Bürger und weist ihnen mit Hilfe von Beamten den besten Weg zum Glück. Ein solcher Lebensberater ist Samson Freitag, ein begeisterter Vertreter des Systems, der kurz vor seiner nächsten Beförderung steht. Doch dann verlässt ihn seine Freundin und eine Beratung geht schief. Samson wird selbst zum Beratungsfall. Wie Frankensteins Geschöpf sich gegen seinen Schöpfer wendet, wird Samson nun Opfer des Systems.

Die Optimierer: Interview mit Theresa Hannig

Theresa Hannig hat auf Wikipedia eine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen veröffentlicht.

Dystopische Zukunft, aber...

Das beklemmende Gefühl, das diese Bücher beim Hören auslösen mögen, kommt nicht von ungefähr. Sind die meisten von ihnen doch in mindestens einem zentralen Aspekt ganz nah dran am Hier und Heute. Was wäre, wenn sich die politische Situation weiter zuspitzen würde und Diktaturen neue Technologien der Überwachung nutzen könnten? Was, wenn zum sogenannten Wohle aller, das Individuum zum bloßen Rädchen im Getriebe würde?

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