Science-Fiction von Frauen

Science-Fiction von Frauen
17.08.18

Ob Horroraction, Dystopie, Thriller, Zukunftsvision oder Space Opera: Weibliche Hauptfiguren sind mittlerweile in vielen Science-Fiction Welten zuhause. Wie sieht es aber mit Autorinnen aus? Interessieren sich Schriftstellerinnen für Science-Fiction?

Wird Lieutenant Ellen Ripley dem Alien entkommen, Captain Kathryn Janeway die Voyager vor den Borg retten, Catniss Everdeen die Hunger Games überleben, Trinity der Matrix entfliehen und Rey, der erste weibliche Jedi, die Rebellen retten? Ob Horroraction, Dystopie, Thriller, Zukunftsvision oder Space Opera: Weibliche Hauptfiguren sind mittlerweile in vielen Science-Fiction Welten zuhause. Wie sieht es aber mit Autorinnen aus? Interessieren sich Schriftstellerinnen für Science-Fiction?

Eine rhetorische Frage, denn natürlich schreiben Frauen auch Science-Fiction! Immerhin ist Frankenstein für viele ein Gründungsroman der Science-Fiction. Mary Shelley veröffentlichte die Geschichte des verantwortungslosen Wissenschaftlers, der einen künstlichen Menschen erschafft und ihn dann sich selbst überlässt, zuerst anonym, im Januar 1818. Auch wenn Frankenstein eine Gothic Novel und der Horror-/Schauerliteratur zuzurechnen ist, so untersucht die Autorin doch (fiktives) wissenschaftliches Handeln und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bei all den Abgrenzungsschwierigkeiten der Science-Fiction zu Fantasy, phantastischer Literatur und Utopie/Dystopie, mit den dargestellten technologischen Neuerungen und ihren Folgen erfüllt der Roman damit grundlegende Elemente des Genres.

Wie divers und politisch Science-Fiction-Literatur sein kann, zeigen dann zwei berühmte Nachfolgerinnen von Mary Shelley aus dem 20. Jahrhundert. Octavia E. Butler untersucht mit ihrer zwischen 1987 und 1989 veröffentlichten Xenogenesis-Trilogie die Themen Fremdheit und Rassismus, indem sie die Menschen der Zukunft auf Aliens treffen lässt. Einen ebenso einflussreichen Science-Fiction-Klassiker schuf Ursula K. Le Guin schuf mit dem Hainish-Zyklus. Ihre Idee der fließenden Geschlechter in The Left Hand of Darkness (1969) und einer androgynen Gesellschaftsordnung ist immer noch revolutionär und wird heute von Autorinnen wie Ann Leckie aufgegriffen und variiert.

Wir möchten euch heute aber einige Autorinnen und ihre Hörbücher vorstellen, deren Geschichten nicht in fernen Galaxien spielen sondern dystopische Visionen einer nahen Zukunft entwerfen. Sie kreisen um Themen wie die Rolle der Frau und allgemeine Gesellschaftsordnung, Reproduktion der Zukunft, und setzen auf Technologien wie Drohnen und künstliche Intelligenz.

Der Report der Magd

Autor:
Margaret Atwood
Sprecher:
Vera Teltz, Charles Rettinghaus
Spieldauer:
11:57 Std.

In den USA sind viele Menschen durch Atomkatastrophen unfruchtbar. Nach einem Staatsstreich errichtet eine Gruppierung die theokratische Republik Gilead, eine Diktatur, die die Rolle der Frau neu definiert: Frauen sind ab sofort dem Mann untergeben. Ihr ganzes Eigentum geht an den Mann, sie selbst wird entweder Magd, Dienerin oder Ehefrau einer Führungskraft. Oberstes Ziel für alle Frauen ist es, Kinder für die Republik zu bekommen. Dieses Szenario entwirft Margaret Atwood in ihrem Bestseller “Der Report der Magd”, übersetzt von Helga Pfetsch. Desfred, die Hauptfigur, wird beim Fluchtversuch aus Gilead von ihrem Mann und ihrem Kind getrennt und muss von da an als Magd des Fred dienen: Sie wird zum Brutkasten für ihn und seine Frau. Eine absolut bedrückende Gesellschaft, die Margaret Atwood hier gestaltet, die Vorbild für viele weitere Autorinnen wurde.

Vox

Autor:
Christina Dalcher
Sprecher:
Andrea Sawatzki
Spieldauer:
9:47 Std.

Stellt euch vor, Sie dürften nur noch 100 Wörter am Tag sprechen. Die promovierte Linguistin Christina Dalcher hat in ihrem Debütroman „Vox“ den „Report der Magd“ von Margaret Atwood noch etwas weiterentwickelt: In den Vereinigten Staaten breitet sich im 21. Jahrhundert eine evangelikale Gruppierung aus, die Frauen nach und nach alle Rechte nimmt. Erst wird ihr der Pass abgenommen, dann folgt das Berufsverbot und schließlich bekommen Frauen Leseverbot, Bücher werden weggesperrt und Männer sind verantwortlich dafür, dass sich ihre Frauen an die Regeln halten. Während Jeans‘ Söhne auf weiterführende Schulen gehen können, lernt ihre kleine Tochter lernt nur noch Dinge, um später einem Mann den Haushalt führen zu können. Kontrolliert werden Mädchen und Frauen von den Männern um sie herum und vom Armband, das allen, die mehr als 100 Wörter am Tag sagen, einen elektrischen Schlag. Kommen die Grenzüberschreitungen häufiger vor oder hört die Frau nicht auf zu sprechen, wird die Dosis langsam erhöht bis zum Tod. Doch Jean fängt an zu kämpfen. Ein politischer Thriller in dystopischem Setting.




Die Lieferantin

Autor:
Zoë Beck
Sprecher:
Antje Thiele
Spieldauer:
8:8 Std.

Zoë Becks Thriller “Die Lieferantin” spielt in London des Jahres 2019. England ist dank des im Hörbuch bereits erfolgten Brexits in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und rassistische Ausschreitungen gehören zum Alltag. In dieser für uns zum Greifen naheliegenden Gesellschaft zieht Ellie ihr Geschäftsmodell auf: Ihr Start-up liefert Drogen von höchster Qualität in ganz London via Drohnen aus, ihre Kunden bestellen via Chatroom im Darknet. Schnell hat sie nicht nur die Konkurrenz der Drogenmafia gegen sich aufgebracht, auch die Politik versucht, sie auszuschalten - es entfaltet sich ein rasanter Thriller, der leider ganz nah an unserer Realität ist und bei dem man sich über das Label Science-Fiction streiten kann.

Leere Herzen

Autor:
Juli Zeh
Sprecher:
Ulrike C. Tscharre
Spieldauer:
7:29 Std.

Auch Juli Zeh blickt in “Leere Herzen” in eine nicht allzu fernliegende Zukunft. Sie konzentriert sich auf ein Deutschland im Jahre 2025, das mittlerweile von einer “Besorgte-Bürger-Bewegung” regiert wird. In diesem nach rechts gerückten Land betreibt Britta Söldner gemeinsam mit Babak Hamwi “Die Brücke”. „Die Brücke“ tritt nach außen als psychotherapeutische Einrichtung auf, das Geschäftsmodell ist jedoch ein Pakt mit dem Tod. Brittas Firma rekrutiert Suizidgefährdete als Selbstmordattentäter für die unterschiedlichsten Terrororganisationen, egal welcher Richtung. Professionelle Anschläge? Die Brücke kümmert sich! Doch dann bekommt “Die Brücke” Konkurrenz, ein dilettantische ausgeführtes Attentat verunsichert Britta, die sich mehr und mehr verfolgt fühlt und schließlich ihren Ansatz in Frage stellt. Juli Zeh spitzt mit „Leere Herzen“ aktuelle gesellschaftliche Strömungen und Themen bitterböse zu.

Die Optimierer

Autor:
Theresa Hannig
Sprecher:
Richard Barenberg
Spieldauer:
9:12 Std.

In Theresa Hannigs Debütroman “Die Optimierer”, der im Jahre 2052 spielt, hat sich Europa zu einer Bundesrepublik zusammengeschlossen und vom Rest der Welt abgeschottet. Es regiert die Wohlstandsökonomie, die mit Hilfe von Robotern und künstlicher Intelligenz gewahrt wird. Zum Wohle aller überwacht der Staat seine Bürgerinnen und Bürger und weist ihnen mit Hilfe von Beamten den besten Weg zum Glück. Ein solcher Lebensberater ist Samson Freitag, ein begeisterter Vertreter des Systems, der kurz vor seiner nächsten Beförderung steht. Doch dann verlässt ihn seine Freundin und eine Beratung geht schief, Samson wird selbst zum Beratungsfall und so, wie Frankensteins Geschöpf sich gegen seinen Schöpfer wendet, wird Samson nun Opfer des Systems.

Die Optimierer: Interview mit Theresa Hannig

Dystopische Zukunft, aber…

Das beklemmende Gefühl, das diese Bücher beim Hören auslösen mögen, kommt nicht von ungefähr, sind die meisten von ihnen doch in mindestens einem zentralen Aspekt ganz nah dran am Hier und Heute. Was wäre, wenn sich die politische Situation weiter zuspitzen würde und Diktaturen neue Technologien der Überwachung nutzen könnten? Was, wenn zum sogenannten Wohle aller, das Individuum zum bloßen Rädchen im Getriebe würde?

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