Comic-Autor Evan Narcisse spricht über Stan Lees Vermächtnis

Stan Lee
08.07.19

Journalist und Comicbuchautor Evan Narcisse („Rise of the Black Panther“), erkundet, wie die Themen und Motive, die die verstorbene Legende so beliebt gemacht haben, in einem von Stan Lees letzten Projekte aufgegriffen werden.

Heutzutage erscheint es beinahe so, als hätte Stan Lee die Superhelden erfunden. So viele der Charaktere, an deren Entwicklung er mitgewirkt hat, tummeln sich auf den Bildschirmen und feuern die Fantasie von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt an. Doch der legendäre Schöpfer hat das Superhelden-Genre nicht im Alleingang erschaffen; kostümierte Retter kämpften bereits für Gerechtigkeit und Wahrheit, als Lee gerade erst seine Karriere im Verlagswesen begann. Was Stan Lee getan hat, war um Längen bedeutsamer: Er half, sie neu zu erfinden.

Bevor Marvel Comics im Jahr 1961 die erste Ausgabe von Fantastic Four veröffentlichte, entsprachen die meisten Geschichten von Superhelden und die darin vorkommenden Figuren vorhersehbaren, allseits bekannten Archetypen. Die Verlagslandschaft – unter anderem dominiert von DC Comics‘ Superman und Batman – war geprägt von in sich geschlossenen Handlungssträngen, die vollkommen unabhängig voneinander existierten, und Helden, deren einzige Sorgen durch externe Faktoren ausgelöst wurden. Als die Fantastic Four, Spider-Man und Hulk in Marvels Anfangsjahren ihr Debüt gaben, zeigten sie Schwächen und Fehler, die sie erfrischend menschlich machten. Vor den 1970er Jahren machte Batman sich nie ernsthaft Gedanken um Geld oder die Gesundheit seines Butlers/ Ersatzvaters Alfred Pennyworth.

Stan Lee's Alliances - A Trick of Light

Autor:
Stan Lee, Kat Rosenfield, Erdacht von Stan Lee, Luke Lieberman, Ryan Silbert
Sprecher:
Max von der Groeben
Spieldauer:
11:29 Std.

Gespaltene Persönlichkeiten

Doch in fast jeder Ausgabe der frühen Spider-Man-Comics machte sich Peter Parker Sorgen um das Wohlergehen seiner Tante May und darüber, wie er ihr helfen könnte, die Rechnungen zu bezahlen. Der Mann aus Stahl hingegen hatte seine Emotionen stets im Griff – und dass, obwohl er nicht nur von einem fremden Planeten kam, sondern auch noch ein anstrengendes Doppelleben als Clark Kent und Superman führte. Nur selten überkam ihn die Wut und selbst wenn, dann wurde sie und alle daraus resultierenden Konsequenzen bis zum Ende einer Superman-Geschichte feinsäuberlich aus der Welt geschaffen. Der Hulk führte mit seinen Superkräften ein etwas anderen Leben, nachdem er während einer Bombenexplosion geboren wurde, bei der radioaktive Gammastrahlen freigesetzt wurden: Bruce Banners gespaltene Persönlichkeiten als Wissenschaftler auf der einen und Monster auf der anderen Seite kämpften miteinander, wütend über ihre geteilte Existenz und die Art und Weise, wie armselige Menschlein sie selbst dann noch jagten, nachdem sie sie vor Tyrannen-in-spe und fiesen Saboteuren gerettet hatten. Der Hulk hasste sich selbst auf eine Art und Weise, wie Superman es nie tun würde.

Neue Ära der Superhelden ein

Die Charaktere des Marvel-Universums tauchten in den Geschichten der anderen auf und kommentierten wichtige Ereignisse, wodurch ein Gefühl der Verbundenheit entstand, das lebendig und frisch wirkte. Nachdem Stan Lee und seine Mitstreiter eine neue Ära der Superhelden einläuteten, dauerte es nicht lange, bis das gesamte Genre dem Beispiel von Marvel Comics folgte.

Über die Jahrzehnte hinweg – als Superheldengeschichten zunehmend auch komplexe psychologische und existenzielle Gedanken darüber aufgriffen, was es bedeutet, Macht zu haben – war es unmöglich, Lees Einflüsse zu leugnen. Und die Kulissen für die Abenteuer von Daredevil und Iron Man waren keine fiktiven Orte wie Metropolis und Gotham City. Marvels Helden flogen und schwangen durch ein Manhattan, das darauf ausgelegt war, von Leuten erkannt zu werden, die dort lebten, während es gleichzeitig seinen Charme auf Ortsunkundige ausübte. Wie ein oft erwähntes Zitat, das Lee zugeschrieben wird, besagt: Er wollte, dass das fiktive Universum, in dem sich Marvels Comics abspielen, wie die Welt vor deinem Fenster aussieht.




Obwohl sich die Welt vor den Fenstern der Leser maßgeblich geändert hat, spiegelt eines von Stan Lees letzten Projekten immer noch den Wunsch wider, die Eigenschaften von Superhelden mit einem Empfindungsvermögen zu verbinden, das auf vertrauten, alltäglichen Erfahrungen fußt. Stan Lee‘s Alliances: A Trick of Light, gesprochen von Max von der Groeben, zeigt viele der Ansätze, die während der Blütezeit von Marvel Comics in den frühen 60er Jahren zum Markenzeichen des Verlags wurden. Die Hauptfigur Cameron Ackerson wird uns als eingebildeter, frecher Underdog vorgestellt, der YouTube-Influencer werden will und sich mit abenteuerlich zusammengebasteltem Technikequipment in gefährliche Situationen begibt.

Dieses Muster erinnert an Charaktere wie Johnny Storm/ die Fackel und Rick Jones – Teenager mit mehr Ehrgeiz als Verstand, die in den Comics Fantastic Four und Hulk von Stan Lee erschienen sind. Nachdem er während eines Gewitters schwer verletzt wurde, entdeckt Cameron, dass er nun über Kräfte verfügt, dank derer er mit nahezu allen technischen Geräten kommunizieren und sie noch dazu manipulieren kann. Zuerst erscheinen ihm diese Kräfte eher als Fluch denn als Segen, wodurch der junge Protagonist an die Mutanten aus X-Men erinnert. Cameron befürchtet, sich in einen Freak verwandelt zu haben, und dass seine übermenschlichen Fähigkeiten seine Mitmenschen veranlassen könnten, ihn zu hassen und zu fürchten – ähnlich wie Cyclops, Rogue, Wolverine und all die anderen mutierten Helden, die im Marvel Universum verurteilt und verfolgt werden.

Lees Einfluss macht sich auch bei einem weiteren der Protagonisten aus A Trick of Light bemerkbar: Die weibliche Hauptfigur Nia, ein intellektuelles Wunderkind, wächst in beinahe vollständiger Isolation auf, mit dem Internet als einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. Nia wiederum erinnert an Crystal, eine junge Frau, die als Mitglied der königlichen Familie der Inhumans die Elemente beherrscht. Ihre Kräfte wurden den Inhumans vor Äonen durch kosmische Wesen verliehen, als diese ihre genetische Struktur veränderten. Bis zu ihrer Begegnung mit den Fantastic Four existierte ihre antike Gesellschaft neben der modernen der Menschen. Crystal wuchs den größten Teil ihres Lebens abgeschirmt vom Rest der Welt auf und erst ihre Beziehung mit der Fackel ermöglicht ihr den Zugang zur modernen Gesellschaft.

Menschen unter den Kostümen

Nia und Cameron treffen auf die für Marvel so typische Manier aufeinander, bei der sich die Helden der Geschichte während ihres ersten Aufeinandertreffens auf Grund von Fehlinformationen und Missverständnissen bekämpfen. Nia und Cameron tun das in der digitalen Welt eines Multiplayer-Videogames. Nia taucht plötzlich in einem Spiel auf, das Cameron mit seinen neuen technopathischen Superkräften mühelos dominiert hat, spielt ihn in einer beeindruckenden Demonstration an Fähigkeiten problemlos an die Wand und verschwindet danach spurlos. Doch sie treffen sich wieder, werden Verbündete und schließlich noch viel mehr – eine weitere inhaltliche Hommage an Lees Werk. Als Crystal und die Fackel sich ineinander verliebten, begann die Inhuman-Heldin, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um der gesamten Menschheit zu helfen. Nia und Cameron machen es ähnlich: Sie hilft ihm dabei, Internet-Tyrannen und kriminelle Machenschaften im Netz aufzudecken und zu bestrafen.

Nach seinem Nahtoderlebnis gelangt Cameron im Internet zu einiger Berühmtheit, seine ersten Heldentaten spielen sich ebenfalls im World Wide Web ab. Eine ähnliche Storyline weisen auch andere Klassiker von Marvel auf: Peter Parker nutzt seine neugewonnenen Fähigkeiten anfangs, um beim Ringen Geld zu verdienen und in Fernsehsendungen aufzutreten. Eine frühe Geschichte der Fantastic Four dreht sich darum, wie die vier Abenteurer in eine als Filmdreh getarnte Handlung verwickelt sind. Stan Lee, Jack Kirby und ihre Kreativpartner postulierten, dass Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht unbedingt zur Anonymität zurückkehren und sich von einer mühsam verdienten Gehaltszahlung zur nächsten hangeln wollen. Unter ihren hautengen Kostümen waren die Figuren in den von Lee und seinen Mitstreitern erschaffenen Geschichten immer noch Menschen.

Genau das ist auch in A Trick of Light der Fall: Der melodramatische Aufbau der Story setzt leicht neurotische und naive, idealistische, heldenhafte Charaktere auf intrigante Möchtegern-Eroberer an. Das Konzept der nahbaren Menschlichkeit streckt sich sogar auf die außerirdische Bösewichtin, deren Rachsucht sich beinahe durch ihre traumatische Vergangenheit begründen lässt. Würdest du dich in die Lage von Cameron Ackerson, Peter Parker oder Nia versetzen, würdest du wahrscheinlich verstehen, warum sie so handeln, wie sie handeln. Stan Lee wollte, dass die Zuschauer sich trotz aller unglaublicher, übermenschlicher Kräfte in den Figuren wiedererkennen, dass sie in ihnen Gefühle und Frustrationen entdecken, die sie ebenfalls kennen. Er glaubte daran, dass auch wir versuchen können, die Welt zu einem farbenfroheren, gerechteren Ort zu machen – auf unsere ganz eigene Art und Weise.

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