Tanja Kinkel: "Die Gefängnisärztin zeigt, dass sie kämpfen kann."

DE Tanja Kinkel Portrait
Von: Gast
16.03.20

Bestsellerautorin Tanja Kinkel wagt sich an ein neues Medium. Warum sie zum ersten Mal ein Hörbuch schreibt und warum der Stoff systemkritisch ist, erzählt sie im Interview.

Wer deine Bücher liest, taucht gerne ab in historische Welten. Man kann sich in sie förmlich versenken. Warum verarbeitest du deinen neuen Stoff nun nicht in einem Roman?

Nach 30 Berufsjahren, 20 Romanen und 50 Lebensjahren habe nicht ich, sondern ein Thema hat mich gefunden, das den üblichen Rahmen eines Romans sprengen würde. Außerdem verändern sich gerade die Rezeption von Literatur und Kunst im Allgemeinen sehr gravierend. Dem wollte ich Rechnung tragen.

Das heißt?

Streamingdienste wie Prime oder Netflix haben den Medienkonsum verändert. Deshalb erscheint zum 1. Februar 2020 bei Audible die ersten 10 Folgen von „Die Gefängnisärztin“ als Hörbuch.

Muss man sich das als Seifenoper hinter Gittern vorstellen?

Nein. Meine Prioritäten sind anders. Der Stoff ist auch politisch und greift eine wie ich finde, brisante Misere in der Gesellschaft auf.

Die Gefängnisärztin

Autor:
Tanja Kinkel
Sprecher:
Sabina Godec
Spieldauer:
10:14
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

Was war der Anlass?

Auslöser war eine Spiegel-Meldung. Ralf Eschelbach, Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe berichtete, es sei die „Lebenslüge“ der Justiz, dass es „kaum falsche Strafurteile“ gebe. Nach seiner Schätzung sei jedes vierte Strafurteil ein Fehlurteil. Diese Ungeheuerlichkeit würde aber weitgehend stillgeschwiegen.

Heißt, dass ein Viertel aller Inhaftierten sitzt unschuldig hinter Gittern?

So einfach ist das natürlich nicht. Es gibt schließlich Haftprüfungsverfahren, auch wenn es, trotz völlig unterschiedlichen Urteilen bei Straf- und Zivilgerichten zum gleichen Sachverhalt, bei zum Beispiel Schadensersatz, nicht automatisch zu Wiederaufnahmeverfahren kommt. Ohne die Medien säßen Leute wie Mollath heute noch hinter Gittern. Sie müssen auch unterscheiden, wenn von einem Fehlurteil die Rede ist. Es gibt erstens Fehlurteile, wo jemand zu Unrecht verurteilt wird. Er oder sie waren einfach nicht die Täter, weil Zeugen logen oder die Indizien die Richter irreführten. Dann gibt es aber auch die Fehlurteile, bei denen die Gesetzesgrundlage, auf der die Richter urteilten, die falsche war. Entweder werden Präzedenzurteile nicht herangezogen oder der nicht mehr passende frühere Rechtsspruch anerkannt. Die Mehrheit der Fehlurteile dürfte wohl in der falschen Auslegung der Gesetze liegen.

Du bist dafür bekannt, dass du deine Quellen immer sehr sorgfältig und gewissenhaft recherchierst. Mit wem tauschst du dich über den Stoff aus?

Ich sprach mit Richtern, Psychologen, Justizbeamten. Eine gute Freundin ist sogar seit über 20 Jahren Gefängnisärztin. Näher dran als sie kann man kaum sein. Ich fragte sie: Was macht der Umgang mit Schuldigen und Unschuldigen aus den Wachbeamten, den Ärzten und Psychologen, die mehr Lebenszeit im Gefängnis verbringen als zu Hause? Leben, Lieben, Lachen – wird das durch den Knast, der in gewissem Sinne ja auch der ihrige ist, überschattet?

Aber kennt man das nicht schon von US-amerikanischen Gefängnisserien?

In der Tat. Geschichten über Gefangene sind fast zwangsläufig von amerikanischen Darstellungen geprägt. Der deutsche Strafvollzug ist aber ein völlig anderer, was etwa die Betreuung, oder die Interaktion der Gefangenen untereinander betrifft. Dabei kann ich auch durchaus verbesserte Situationen näher beleuchten.

Und wie hast du das nun umgesetzt?

Um der Vielfalt der Möglichkeiten, der interessanten Personenkonstellationen gerecht zur werden, war ein digitales Portal die ideale Basis. Jede etwa einstündige Folge zeigt einen konkreten Fall und daneben die Entwicklung der handelnden Personen, in und außerhalb des Gefängnisses. Das Buch dazu folgt Ende des Jahres und viele weiteren Folgen.

Verrätst du uns noch etwas zum Inhalt?

Meine Protagonistin ist in einer schwierigen existenziellen Lage. Ihre Ehe ist gescheitert – mit dem Gatten verschwanden auch die Freunde und die beruflichen Perspektiven. In einer fränkischen Kleinstadt begibt sie sich freiwillig ins Gefängnis – nach dem Selbstmord eines Arztes wird dort eine Stelle frei. Zunächst will sich meine Heldin gemäß dem Tabu in jeder Justizvollzugsanstalt nach Schuld und Unschuld der Gefangenen nicht stellen, doch sie lässt sich immer weniger verdrängen. Nicht zuletzt, weil der Mann, der mehr als einen ihrer Patienten hinter Gittern gebracht hat ihr Ex ist: Kriminalkommissar Peters…

Kabale, Intrigen, aber auch Freundschaft und Solidarität – im raffinierten Spiel mit diesen menschlichen Wesenszügen - ist die Autorin Tanja Kinkel sich treu geblieben.

Die neue Welt, auf die sie sich einlässt, birgt sowohl Gefahren als auch bereichernde Gemeinschaften. Die Gefängnisärztin zeigt, dass sie kämpfen kann und Wege findet, wo keine sind.

Das Interiew führte Andreas Öhler.

Vita: Tanja Kinkel

Dr. Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und erhielt diverse Literaturpreise, Stipendien in Rom, Los Angeles und an der Drehbuchwerkstatt in München; zuletzt Turmschreiberin in Abenberg. Sie ist Mitglied im Deutschen PEN, Präsidentin der Internationalen Feuchtwanger Gesellschaft Los Angeles, Beirat der Freunde der Bamberger Symphoniker, Gastdozentin an Hochschulen und Universitäten im In- und Ausland. Sie schreibt in Anthologien, fertigt Dramolette und schrieb bis 2020 zwanzig Romane, die in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt sind, mit einer weltweiten Gesamtauflage von über sieben Millionen Exemplaren. Tanja Kinkel ist Schirmherrin des Bundesverbandes Kinderhospiz. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation „Brot und Bücher e.V.“ (www.brotundbuecher.de).


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