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Anja Finger: Teer - Notizen aus Bodenhaltung

Von: Gast
06.10.2011

Ein Hörbuchtipp von Dirk Herold. Dirks Stimme ist wahrscheinlich jedem schon mal im Alltag begegnet – unbewusst. Im Supermarkt preist er schon mal säuselnd den Markenkäse im Angebot an oder wirbt im Radio und TV für Erdgas und Solar. Doch neben der Sprecherei produziert er u.a. auch im eigenen Tonstudio Hörbücher – nicht nur ein Job, sondern auch eine Leidenschaft. In seinem unabhängigen Verlag herold media erschien jüngst das Hörbuch „Teer“, dass hier Erwähnung finden soll.

Autor: Anja Finger

Sprecher: Anna Thalbach

Spieldauer: 44 Min

Die Hamburger Autorin Anja Finger konnte vor einem Jahr noch nicht einmal ahnen, dass ausgerechnet die bekannte Berliner Schauspielerin und Vorleserin Anna Thalbach ihre Texte so spannend fand, dass sie dem Hörbuchprojekt sofort zusagte. Überhaupt klingt die Geschichte zur Entstehung des Hörbuchs ein bisschen wie ein schlechtes Märchen. Denn es wurde weder geCASTet noch geSCOUTet, sondern eher zufällig fielen mir die Texte in einem Fotonetzwerk auf. Anja Finger – auch als Fotokünstlerin im WWW unterwegs – postete unter ihren bemerkenswerten Bildern diese kleinen, wortgewandten Texte, die mich irgendwann dazu brachten, sie zu kontaktieren. Aus einem langen Telefonat und jeder Menge ernstafter und auch witziger Dialoge entstand die Idee zum Taschenbuch und dem vorliegenden Hörbuch.

Teer passt wahrscheinlich nicht in die Schablone eines klassischen Hörbuchs. Das will es auch nicht. Doch was erwartet den Zuhörer?

Es sind 26 Geschichten aus dem Leben, fein beobachtet - hintersinnig, kurz und wortgewaltig, melancholisch, provokant, heiter bis wolkig, oft sogar bitter. Anna Thalbach haucht den unterschiedlichsten Figuren der kurzen Stories ganz wunderbar Leben ein. So hört man in „Zebra“ vom voyeuristischen Blick auf die nackte Haushaltshilfe von gegenüber, die in ihrer Routine beim rituellen Putzen der Fensterscheibe den wunderbaren Anmut eines Zebras hat. Komisch finden Sie das? Dann wird es Sie beim ersten Hören wahrscheinlich auch „befremden“, dass eine Dame bei myspace „Gott“ kennenlernt und sich sogar mit ihm trifft. Natürlich stellt sich bald heraus, dass die Illusion vom gottähnlichen Partneraspiranten zwangsläufig der Realität weichen muss. Und schon sind wir genau bei den Dingen, die in Metaphern so wunderbar unseren täglichen Alltagswahnsinn beschreiben.

Einer noch, denn ich kann nicht jede Geschichte beschreiben: Wenn er sich mit Mädchen umgibt, die „aussehen wie Fruchtzwerge, so klein und bunt und harmlos, so süß und kaum schädlich“ - möchte man noch schmunzeln. Doch in der „Sehnsucht nach Zöpfen“ schwingt der Subtext schnell in eine andere Richtung. Überhaupt ist ja die „Unfähigkeit, in Würde zu altern“ ein Thema mit viel Zeitgeist und taucht auch immer wieder in den Texten von Anja Finger auf.

Abschließend noch eine kleine Anregung zum Anhören des Hörbuchs. Da die „Notizen aus Bodenhaltung“ in ihrer Würze am Stück wahrscheinlich fast zu viel Konzentration abverlangen werden, sind sie, eingebettet in einer Wiedergabeliste von beispielsweise iTunes, im Wechsel mit Musik ein wunderbarer Hörgenuss.

Nicht jeder Text wird zum Liebling avancieren, doch ich verspreche, es wird einige Aha-Momente geben - vor allem beim Mehrfachhören. Ich bin infiziert von Fingers Texten, Thalbachs Stimme und werde zukünftig wahrscheinlich noch mehr mit den Damen austüfteln.