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Terry Pratchetts Nomen-Trilogie - Ein Leben außerhalb der Scheibenwelt!

Von: Gast
17.03.2015

Thomas Krüger schreibt Kinderbücher, hat als Journalist bereits für die FAZ, Frankfurter Allgemeine und den Rolling Stone gearbeitet, war Programmleiter bei Random House Audio und hat ziemlich viel Ahnung von Versbau und Metrik und - na klar - von Hörbüchern! Mit seinem Verlag Schall und Wahn vertont er seit  2007 Texte u.a. von Stieg Larsson, Sergej Lukianenko oder Terry Pratchett. Da er sich mit Sir Terry besser auskennt, als die ganze Audible-Brigade zusammen, war er so freundlich die Nomen-Trilogie für uns zu besprechen:

Als mir die Nomen-Trilogie (Anm.: alle drei Teile der Nomen-Trilogie gibt es bei  Audible gesplittet als ungekürzte Hörbücher oder aber als ungekürzte Gesamtausgabe) zum ersten Mal begegnete – so um 1998 herum, als Klaus Schmitz, damals Dramaturg beim SWR, darüber nachdachte, sie für den Rundfunk zu produzieren ­– dachte ich mir: uninteressant.

Terry Pratchett, das ist die Scheibenwelt. Was konnten das schon für Romane sein, wenn sie so baumarkt-konforme Titel wie Trucker, Wühler und Flügel trugen? - Oh Himmel, wie hatte ich mich geirrt!

Terry Pratchett: Die Nomen-TriologieAls ich die Bücher einige Jahre später las, fielen mir die Schuppen wie Dachziegel von den Augen. Ja, Terry Pratchett ist die Scheibenwelt: Pterry, wie seine Fans ihn liebevoll nennen, ist der Schöpfer dieser irren, hyperwitzigen, fantasievollen, mit taumaturgischer Energie aufgeladenen mehr-als-40-teiligen Romanserie. Er ist das Genie, das mühelos um dreimal drei Ecken zugleich denkt und vor Ideen nur so sprüht. Die Scheibenwelt – und das ist selten in der Literatur – ist Terry Pratchetts Hauptquartier und zugleich sein Labor, seine Experimentierwiese, sein Ort, an dem er alles Mögliche und Unmögliche ausprobiert.

Namensgebung

Bei einem dieser wilden Experimente muss ihm die Idee mit den Nomen gekommen sein: eine Idee, so ergreifend, rund, klug, gewitzt, dass er alles andere beiseitegelegt hat und sich – für drei Bücher – ganz allein auf sie konzentriert hat: ohne Ankh-Morpork, ohne Oma Wetterwachs und die Hexen, ohne Rincewind, den Möchtegern-Zauberer, ohne die Unsichtbare Universität, den von Zweifeln geplagten TOD oder Samuel Mumm und die Stadtwache. Man kann sich beinahe bildlich vorstellen, wie sich die Welt der Nomen einer Blase gleich aus dem wilden Gebräu der Scheibenwelt emporhob, bis es PLOPP! machte und sie seitdem schillernd vor uns schwebt: rund, bunt, perfekt.

Die Geschichte

Die drei Bücher um jene winzigen, nur wenige Zentimeter großen Wesen, die irgendwann aus dem Weltall kommend auf der Erde landeten, sind vielleicht die zugänglichsten Bücher Terry Pratchetts. Die Geschichte ist klassisch-rund – und dennoch lebt sie von der Phantasie des Magiers Pratchett. Nirgendwo sonst in seinem Werk werden menschliche Eigenheiten, Schwächen, Macken so humorvoll aufgespießt wie in den Abenteuern von Masklin, Gurder, Angalo, Oma Morkie und Torrit – jener Winzlinge, die an der Autobahn leben und Ratten jagen und eines Tages merken, dass es auf der Erde noch andere Nomen gibt als sie selbst.

Diese anderen Nomen leben in einem Kaufhaus namens „Arnold Bros. – gegr. 1905“ – und zwar unter den Bodendielen. Das Kaufhaus ist ihre Welt. Sie fürchten ein Ungeheuer namens „Bombenpreise“. Ihre Jahreszeiten heißen „Sommer- und Winterschlussverkauf“ Ihr Gott trägt – wie könnte es anders sein – den Namen „Arnold Bros.“ Und die Stämme dieser Kaufhaus-Nomen nennen sich „Kurzwarenler“, „Büromaterialer“ oder „Eisenwarenler“. Es gibt sogar einen „Herzog von Del Ikatessen“ – und als es plötzlich heißt „Alles muss raus!“, kommt Bewegung in die Geschichte. Die Welt der Nomen geht unter: Das Kaufhaus wird geschlossen. Sie machen sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause.

Anekdoten aus dem Hörbuchstudio

Ich habe viele schöne Hörbücher mit Rufus Beck aufgenommen. Nie aber haben wir so oft lachend auf dem Lese- bzw. Regiepult gelegen, wie bei der Nomen-Trilogie. Es war ein Abenteuer, als er jene langgezogenen Kuhgeräusche von sich gab, wie sie die menschliche Stimme in den Ohren der Nomen erzeugt. Und ich weiß nicht mehr, wie viele Anläufe wir brauchten, bis jene Passage auf Band war, in der Gurder, der Priester der Nomen, während des Flugs nach Amerika über sich in einem Sitz dösend Gott entdeckt: in Gestalt des Kaufhauserben Richard Arnold. Richard aber hat Löcher in den Socken, was Gurder zunächst entsetzt. Dann besinnt er sich, schaut auf seine eigenen Füße, greift beherzt zur Schere und…

Diese winzige Passage ersetzt Tonnen von Abhandlungen über den menschlichen Geist. In Großbritannien hat man längst begriffen, dass Terry Pratchett – SIR Terry – einer der größten Schriftsteller der Gegenwart war. Wenn man der Nomen-Trilogie lauscht, kann man es vielleicht auch im Land der Dichter und Denker verstehen…

Die Nomen-Trilogie ist bei Audible sowohl als Gesamtausgabe als auch gesplittet in einzelne Hörbücher Trucker, Wühler und Flügel erhältlich.

(Update 16.3.15: Zur Erinnerung an Terry Pratchett haben die Audible-Kollegen aus USA ihre Lieblingshörbücher von Terry Pratchett auf Englisch vorgestellt)