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Eine Liebesgeschichte - nur ganz anders

16.07.2014

Wir möchten euch eine ganz besondere Bloggerin vorstellen, die schon seit vielen Jahren in ihrem Blog Buchstapelweise über Hörbücher schreibt: Ute E. alias papercuts1. Heute stellen wir euch ihre Rezension vor, die mich und meine Kollegen zum Schlucken gebracht hat. Wir hätten nicht gedacht, dass eine Hörbuch-Rezension Menschen so berühren kann. Deshalb möchten wir dieses Werk unbedingt mit euch teilen:

 

The Rosie Project

The Rosie Project

Autor:Graeme Simsion Sprecher:Dan O’Grady Spieldauer:07:30 Std., ungekürzt

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Don Tillman ist hochintelligent, sportlich, erfolgreich - und er will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das Ehefrau-Projekt: mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganerin ist. Und dann kommt Rosie. Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik.

“The Rosie Project” von Graeme Simsion ist hier auf Englisch und hier auf Deutsch erhältlich.


Rezension von papercuts1

 

Selten habe ich bei einer Rezension so um persönliche Distanz gerungen wie bei dieser.

The Rosie Project ist eine unterhaltsame Liebesgeschichte. Es geht um diesen Genetik-Professor, der mithilfe eines Fragebogens eine Frau finden will. Der tatsächlich eine Frau findet, die völlig ungeeignet und am Ende die einzig Richtige ist. Es gibt spannende Nebenfiguren. Es kommt zu vielen witzigen Momenten, und man schließt den skurrilen, sympathischen Don ins Herz. Und Rosie ist ein bunter, liebenswerter Wirbelwind.

Das Problem: Don, der Protagonist, befindet sich auf dem autistischen Spektrum. Es wird nicht ausgesprochen, aber offenbar hat er ein Asperger-Syndrom. Mein Problem damit ist nun, dass ich mich mit diesem Thema gut auskenne. Etwas zu gut. Ich bin Mutter eines ‘Aspie’.

Da beginnen meine Schwierigkeiten: Ich vergleiche zu sehr. Andererseits weiß ich, dass kein Aspie ist wie der andere, und dass jeder Vergleich deshalb wieder hinkt. Und bei alledem verliere ich aus den Augen, dass The Rosie Project eigentlich kein Buch über das Asperger-Syndrom ist, sondern eine humorvolle, liebenswürdige Geschichte über zwei Menschen, die sich trotz aller Gegensätze finden und lieben.

Denn das ist es: Humorvoll. Man lacht viel, wenn Don aufgrund seiner Veranlagung immer wieder in Fettnäpfchen tritt. Dabei beweist Simsion Fingerspitzengefühl und stellt Don nicht als unfreiwilligen Clown dar. Wir sind auf Don’s Seite, weil wir die Geschichte durch seine besonderen Augen sehen.

Das Zuhören macht Spaß. Es gibt keine Längen, dafür einen Erzähler, dessen Weltsicht, Sprache und Erlebnishorizont so ungewöhnlich wie interessant sind. Der Sprecher, Dan O’Grady, vertont die Geschichte mit passender Dozentenstimme in schönstem Australisch. Don’s Autismus ist authentisch dargestellt: Seine Überkorrektheit, sein Kleben an Routinen, das wortwörtliche Verstehen von Ironie oder Idiomen, sein ausgeprägtes logisches Denken im Gegensatz zu seiner zwischenmenschlichen Naivität – das ist nicht nur lehrbuchmäßig sondern auch realistisch.

ABER.

 

Da haben wir’s. Das große ABER. Don ist ein wandelndes Klischee: Der hochintelligente, zahlenversessene, liebenswerte Freak. In Wirklichkeit stellt dieser Typ aber nur einen kleinen Anteil von Asperger-Autisten dar. Es stimmt: Viele von ihnen haben Inselbegabungen und Spezialinteressen, aber die meisten haben eine Durchschnittsintelligenz, und nicht wenige von ihnen landen aufgrund ihrer vielfältigen Schwierigkeiten nicht an Universitäten, sondern auf Förderschulen und in Arbeitslosigkeit.

Und selbst die hoch funktionalen Aspies, die ganz gut ‘durchkommen’, kennen die andere Seite der Medaille. Es ist die Seite, die in The Rosie Project ein paar Mal angedeutet, aber leicht übersehen wird: Missverständnisse, die sich nicht in Lacher auflösen, sondern in Tränen. Einsamkeit, weil Beziehungen trotz allen Willens für Aspies ein Rätsel sind. Überforderung, wenn die Ängste vor Neuem zu groß werden, um sie zu überwinden. Der Schmerz, ‘anders’ zu sein. Die Konflikte mit dem Umfeld, die für alle Beteiligten eine extreme Belastung sind.

Versteht mich richtig: Simsion’s Roman ist wirklich gelungen. Man sollte nur vorsichtig damit sein, sich daraus ein Bild über Menschen auf dem Autismus-Spektrum zu machen. Die Darstellung ist einfach zu einseitig und klammert die Probleme zu sehr aus. Dazu macht Simsion es sich am Schluss auch zu einfach: Dass Don sich einfach so ändert, nur für Rosie, ist nicht realistisch.

Letztlich kommt es darauf an, was man von diesem Hörbuch erwartet. Wenn man The Rosie Project als exzentrisch-humorvolle Liebesgeschichte lesen möchte, dann ist das sehr empfehlenswert.

Wenn man aber etwas über Menschen mit Asperger-Syndrom lernen möchte, dann ist The Rosie Project nur ein Einstieg in ein hoch komplexes, schwieriges Thema, das hier zu sehr verniedlicht wird. Im wahren Leben ist Autismus (und zwar in jeder Form) alles Mögliche, aber selten lustig – außer man hat eine Menge Galgenhumor.

“The Rosie Project” von Graeme Simsion ist bei Audible als deutsches und englisches Hörbuch erhältlich.