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Tiere denken: Von Zoo bis Hundekörbchen

07.10.2016

„Hallo Bär! Wo bist du denn? Komm her, Bär!“ Ein älterer Herr steht vor einem Gehege im Zoo, neben ihm sein Enkelsohn. „Wo ist denn der Bär?“ hat der gerade gefragt. „Ich sehe ihn nicht“, sagte der Opa. „Vielleicht müssen wir ihn rufen.“ Seitdem ruft er. Ich befinde mich nicht weit entfernt von den beiden und bezweifle stark, dass der Lippenbär, der sich laut Schild in dem Käfig befindet, jetzt rauskommen wird, weil der Opa nach ihm gerufen hat.

Tiere denken von Richard David Precht

Tiere denken

Autor:Richard David Precht

Sprecher:Ernst Walter Siemon

Spieldauer:14:35 Std., ungekürzt

Was würde Richard David Precht wohl zu dieser Szene sagen? Der Philosoph und Autor bringt diesen Herbst ein neues Buch raus. Titel: Tiere denken. Zu gerne würde ich wissen, was der Lippenbär im Zoo dachte, als Opa und Enkelsohn draußen rumbrüllten.

Tiere denken was?

Bestimmt hat sich so ziemlich jeder schon einmal dabei erwischt, wie er oder sie die merkwürdigsten Geräusche macht, um ein Tier anzulocken. Wir piepsen „Miez Miez“, wenn wir auf der Straße eine Katze sehen oder schnalzen mit der Zunge, wenn wir an einer Pferdekoppel stehen. Oft wird man dabei von Katze und Pferd mit völligem Desinteresse ignoriert. „Der Bär schläft bestimmt noch“, sagt der Opa. „Och manno!“, nörgelt der Junge.
Oh, du bist aber ein ganz Feiner!
Ich habe mich früher bei meinem Hund oft gefragt, was der sich gerade denkt. Ja, ich gebe zu: Auch ich gehöre auch zu diesen Menschen, deren Stimme automatisch einige Oktaven in die Höhe geht, wenn ich mit Tieren spreche. Ich bin mir sicher Hunde halten uns für bescheuert, wenn wir sie mit „Oh, du bist aber ein ganz Feiner“ anquieken. Die reißen sich dann zusammen, widerstehen dem Drang ihre Augen zu verdrehen, wackeln stattdessen mit dem Hinterteil und denken sich: Ja, so sind sie, die Menschen. Eine komische Spezies, aber irgendwie muss man sie lieb haben.

Tiere verstehen

Dabei bin ich mir sicher, dass meine Bordercolliehündin mich manchmal besser verstanden hat, als manch ein Mensch. Damit meine ich nicht nur, dass sie besser auf Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ oder „Bleib“ gehört hat als der Rest der Familie, sondern auch, dass sie gespürt hat, wenn es mir nicht gut ging. Sie war die perfekte Trösterin. Als sie im Alter von 15 Jahren eingeschläfert werden musste, konnte sie mir nicht beim Trauern helfen. Jeder, der man ein geliebtes Haustier verloren hat, weiß, wie schwer das ist. Für Außenstehende ist es „nur“ ein Hund, für uns ist es ein Familienmitglied oder der beste Freund. Trotzdem fühlen wir diese ganz besondere Liebe nur für den eigenen Hund, nicht für jeden Vierbeiner.

Mensch und Tier

Das Verhältnis vom Menschen zum Tier ist so alt wie die Menschheit selbst. Tiere werden von uns gezüchtet, geschlachtet, gegessen, geliebt, verhätschelt, vermenschlicht, misshandelt, geschützt, gerettet, eingesperrt, beobachtet, geopfert, befreit und dressiert. Unser Verhältnis zu Tieren ist also ziemlich ambivalent. „Doch ist unser Umgang mit Tieren richtig und moralisch vertretbar?“ lautet eine zentrale Frage in Prechts neuem Werk. In „Tiere denken“ geht es nämlich weniger darum, was Tiere denken, sondern darum, dass wir unseren Umgang mit ihnen überdenken. Dabei beleuchtet Precht verschiedene Bereiche: Evolution, Verhaltensforschung, Religion und Philosophie sind ein paar davon. Die Bilanz, die er am Ende zieht, mag dem ein oder anderen die Augen öffnen.
Vielleicht ist „Tiere denken“ auch ein guter Buchtipp für den Opa und seinen Enkel?

Zurück zum Zoo

Wer weiß nicht, wie lange die beiden noch am Lippenbärgehege standen und versuchten den Bären aus seiner Höhle zu brüllen. Vielleicht ist der Lippenbär aber auch irgendwann erschienen, hat sie wegen der Ruhestörung angepöbelt oder sich entschuldigt, dass er so spät dran ist, denn als Zootier ist es ja sein Job, sich anstarren zu lassen und mit niedlich bis lustigen Posen die Zoobesucher zu unterhalten. Oder nicht?

Was denkt ihr über Tiere und darüber, wie wir Menschen mit ihnen umgehen?