Überfallen werden, einen schweren Unfall, eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben oder Missbrauch überleben – all diese Dinge sind potenziell traumatisch. Und wir müssen sie noch nicht einmal am eigenen Leib erfahren – es reicht, wenn andere uns davon berichten oder dass wir diese Dinge mit ansehen müssen.

Was genau traumatische Ereignisse sind, welche Faktoren dazu beitragen, dass Menschen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, welche Folgen posttraumatischer Stress gesamtgesellschaftlich betrachtet hat und worauf es ankommt, damit Menschen mit PTBS wieder Freude am Leben spüren, dazu gibt es ständig neue Erkenntnisse. Auch in den letzten Jahrzehnten hat sich im Bereich Trauma-Forschung einiges getan. Die folgenden Bücher renommierter Experten und bekannter Persönlichkeiten erweitern unsere Perspektive auf das Thema Trauma und geben neue Denkanstöße.

Eine Anmerkung: Das Hören der folgenden Bücher ersetzt keine fachärztliche Beratung. Unsere Hörerlebnisse aus dem Bereich Gesundheit & Wellness bieten lediglich einen Überblick über Ideen und mögliche Verfahrensweisen im Umgang mit Trauma.

Traumatische Erinnerungen verarbeiten: Worauf es wirklich ankommt

Nachdem wir ein Trauma selbst erlebt haben, uns davon berichtet wurde oder wir gesehen haben, wie einer anderen Person etwas Traumatisches passiert, schlafen viele Menschen auf einmal nachts nicht mehr ein- oder durch. Sie verlieren den Appetit. Kreisen gedanklich um das Ereignis, spielen es immer wieder und wieder durch.

Dabei hören sie in ihrer Erinnerung zum Beispiel die Sirenen am Unfallort deutlich, fühlen die Ohnmacht, die sie bei einem Raubüberfall gelähmt hat. Oder spüren den Schmerz einer bereits verheilten Wunde so, als wären sie ihnen gerade zugefügt worden. All das sind normale menschliche Reaktionen auf schwerwiegende traumatische Erlebnisse, die den Rahmen dessen, was wir als „normal“ bezeichnen, sprengen.

Die Spuren traumatischer Erinnerungen werden nicht nur im Geist, sondern auch im Körper und dem Gehirn an sich gespeichert. Mit dieser Tatsache beschäftigt sich Bessel van der Kolk in Das Trauma in dir, das in englischer Sprache mit dem Titel „The Body Keeps the Score“ millionenfach verkauft wurde.

Van der Kolk beschreibt zum einen, dass es gesellschaftlich immer noch nicht anerkannt ist, sich überhaupt offen mit Traumata und ihren Folgen auseinanderzusetzen. So betont er:

Wir wollen im Grunde nicht wissen, wie viele Kinder in unserer Gesellschaft sexuell belästigt, missbraucht oder misshandelt werden oder auch wie viele Paare irgendwann in ihrer Beziehung gewalttätig werden. Wir möchten uns die Familie als einen sicheren Hafen in einer herzlosen Welt vorstellen und unser eigenes Land als von aufgeklärten und zivilisierten Menschen bewohnt. Wir ziehen es vor, zu glauben, dass Grausamkeiten nur an entfernten Orten wie in Darfur oder im Kongo stattfinden.

Dabei sei laut Ansicht des Psychiaters genau diese Haltung problematisch, da sie nicht der sozialen Realität entspricht. Ignorieren Menschen die sozialen Realitäten, übt das auf Betroffene von Gewalterfahrungen erneut Druck aus und kreiert Stress – zum Beispiel, weil sie das Bedürfnis haben, sich anzupassen und ihre Reaktion auf erlebte Traumata selbst in Frage stellen. Das führt zu einer Entfremdung von der Gesellschaft.

Mit Blick auf die Neurowissenschaft und verwandte Disziplinen stellt van der Kolk fest: „Posttraumatische Belastungen existieren nicht nur im Kopf, sondern haben eine physiologische Basis“. Damit ist gemeint, dass Traumata zu physiologischen Veränderungen im Gehirn führen. Schwierigkeiten, die sich aufgrund von posttraumatischem Stress entwickeln, sind das Resultat realer physiologischer Veränderungen im Gehirn. Und Trauma-Symptome entstehen aus der Reaktion des gesamten Körpers auf das erlebte Trauma. Das bedeutet: Trauma lässt sich nicht allein auf der kognitiven Ebene adressieren – auch die Wahrnehmung von körperlichen Empfindungen und das Lösen von körperlichen Trauma-Symptomen sind bei der Heilung unverzichtbar.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Peter A. Levine. In Trauma und Gedächtnis: Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gehirn beschreibt er, dass PTBS mit einer „Entfremdung vom eigenen Ich“ einhergeht. Der Trauma-Experte stellt dar, dass sich Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung in einem Zustand der dauerhaften Anspannung befinden. Und er beschreibt, wie sie sich davon befreien können – unter anderem, indem sie neue Bewegungsmöglichkeiten erlernen, tiefsitzende Gefühle bewusst wahrnehmen und die Freiheit erleben, die Welt um sich herum neugierig entdecken und offen auf sie zugehen zu dürfen.

Traumatische Erinnerungen betrachtet er als Mischung aus Empfindungen, Emotionen und eigenständig im Körper ablaufenden Verhaltensweisen. Der Biophysiker, Psychologe und Psychotraumatologe betont: Die Heilung liegt nicht in „gutem Rat“, sondern darin, einen uns allen innewohnenden Lebenswillen wiederzuentdecken, indem wir uns selbst kennenlernen und wahrnehmen, wie der Körper sich zum Beispiel unter Stress verhält.

Auch in Sprache ohne Worte geht Levine auf die Rolle des Körpers im Kontext von Trauma ein. Anhand eines selbst erlebten Beispiels – Levine wurde auf dem Weg zu einem Freund von einem Auto angefahren – beschreibt er, wie Traumata entstehen und berichtet in diesem Zusammenhang unter anderem von einer dissoziativen Erfahrung; ein Vorgang, bei dem man das eigene Empfinden und den Geist vom Körper abtrennt und der es in Extremsituationen erleichtert, traumatische Erfahrungen zu ertragen. Viele Menschen beschreiben, dass diese Erfahrung sich anfühlt, wie außerhalb des eigenen Körpers zu existieren und „von oben auf den eigenen Körper hinabzuschauen“.

Levines wissenschaftlich fundierte Schilderungen tragen zu einem tiefergehenden Verständnis von Trauma bei. Zusätzlich liefert er Wahrnehmungsübungen, mit denen sich Blockaden, die im Körper durch traumatische Erfahrungen entstehen, lösen lassen.

Posttraumatischer Stress: Wie man sich Trauma nähern kann

Leider funktioniert Trauma-Verarbeitung nicht nach dem Motto: „Lass einfach Zeit vergehen und dann löst sich das Problem der belastenden, unkontrollierbaren Erinnerungen schon von selbst“. Denn nach einer gewissen Zeit „integrieren“ viele Menschen traumatische Erlebnisse im Gedächtnis. Das merken sie daran, dass sich das Erlebte anfühlt wie eine Erinnerung – die zwar immer noch beklemmend sein kann, allerdings nicht mehr mit intensiven Sinneseindrücken oder plötzlichen, scheinbar nicht kontrollierbaren „Erinnerungsexplosionen“, sogenannten Flashbacks, einhergeht. Der Grund: Die Erinnerung wird verarbeitet, findet ihren Platz und wird „zu einer von vielen“. Andere können ihre Erinnerungen nicht integrieren und entwickeln PTBS.

Gründe für diesen Unterschied zwischen „Integrieren“ und „Nicht-Integrieren“: Auch wenn der Faktor „Zeit“ bei der Verarbeitung von Erlebnissen eine gewissen Rolle spielt, sind andere Dinge viel wichtiger. Zum Beispiel der Zugang zu medizinischer Versorgung und einem unterstützenden sozialen Umfeld. Reagieren Bezugspersonen ablehnend, desinteressiert oder geben unpassende Ratschläge, steigt das Risiko, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken.

Unter anderem haben Personen mit PTBS häufig Schlafstörungen, neigen zu Suchtverhalten und fühlen eine innere Leere und Entfremdung. Auch werden sie, wenn sie etwas oder jemand an ihr traumatisches Erlebnis oder den Umgang ihres sozialen Umfelds mit diesem erinnert, häufig von starken Emotionen überwältigt. Im Gegenzug dazu sind ihre Gefühle im Alltag oft „verflacht“ – sie fühlen sich freudlos, emotional taub und verlieren das Interesse an Aktivitäten, die ihnen einmal Spaß gemacht haben.

Diese emotionale Taubheit ist eine häufige Folge von posttraumatischem Stress. In Die Revolte des Körpers beschäftigt sich Alice Miller mit ebendieser Empfindungslosigkeit, die auch entstehen kann, wenn Kinder von ihren Eltern zu extremem Gehorsam gezwungen werden und ihre wahren Emotionen unterdrücken.

Der Körper reagiert darauf mit Erkrankungen, die aufgrund eines Konflikts zwischen „dem, was wir fühlen und dem, was wir fühlen sollen“ entsteht. Die 2010 verstorbene Philosophin, Psychologin und Psychoanalyse-Kritikerin zeigt zudem Wege aus dem „Teufelskreis des Selbstbetrugs“ heraus auf, die für ein symptomfreies Leben sorgen sollen – frei vom moralischen Zwang, seine Eltern zu lieben und frei von Bauchschmerzen, Verspannungen, Depressionen und Panikattacken.

Was genau ist eigentlich Trauma?

Lange Zeit unterschied die Traumaforschung zwischen zwei großen Kategorien: Typ-I-Traumata – einmaligen traumatischen Erfahrungen wie Unfällen oder Katastrophen – und Typ-II-Traumata. Zu diesen zählen sich wiederholende und/oder andauernde Traumata wie körperliche Gewalt und Missbrauch.

Während diese Unterscheidung weiterhin gültig ist, beschäftigt sich die Forschung mittlerweile auch verstärkt mit anderen Formen der extremen Belastung beziehungsweise damit, wie Traumata wirken und wie sie weitergegeben werden. So zum Beispiel auch mit transgenerationaler Traumatisierung, bei der Eltern traumatische Erfahrungen indirekt weitergeben. Damit beeinflussen sie das Bindungsverhalten ihrer Kinder nachhaltig negativ, indem sie sich zum Beispiel aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen emotional von ihnen distanzieren.

Auch zum Thema „Rassismus und Trauma“ gibt es immer mehr Forschung. Welche Effekte struktureller Rassismus auf die Gesundheit hat und wie sich historische, familiäre und persönliche Traumata im Zusammenhang mit Rassismus gesamtgesellschaftlich auswirken, untersucht Resmaa Menakem in My Grandmother's Hands - Racialized Trauma and the Pathway to Mending Our Hearts and Bodies.

Sie betont, dass „Anti-Schwarzer Rassismus Teil von Amerikas DNA“ sei und beschreibt, dass die Last des Rassismus sich in Form eines „kumulativen Traumas“ äußert. Wie van der Kolk geht auch Traumatherapeutin Menakem davon aus, dass dieses Trauma nicht nur rein kognitiv, sondern tief im Nervensystem wirkt.

In ihrem New-York-Times-Bestseller, der bislang nur in englischer Sprache verfügbar ist, zeichnet sie das Trauma des Rassismus vom europäischen Mittelalter bis hin zu aktuellen Polizeimorden wie dem von George Floyd nach. Gleichzeitig nähert sie sich dem Thema nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern liefert zusätzlich konkrete Körperübungen, die dabei helfen können, Traumata zu heilen. Denn sie ist davon überzeugt: Rassismus wird nicht nur mit Hilfe sozialer und politischer Veränderungen enden – auch Körper müssen vom Rassismustrauma geheilt werden.

Rassismus-Expertin Tupoka Ogette im Interview: Wie rassismuskritisches Denken gelingt

Wie Menakem geht auch Judith Lewis Herman davon aus, dass psychische Traumata untrennbar mit sozialen und politischen Kontexten verbunden sind. In Trauma and Recovery beschäftigt sich die Psychiaterin und Professorin für Klinische Psychologie an der Harvard Medical School mit Kriegsveteranen und den Opfern von politischem Terror sowie der Geschichte und den Symptomen von Überlebenden sexuellen Kindesmissbrauchs.

Individuelle Missbrauchserfahrung ordnet Hermann in einen breiten Kontext ein und findet Parallelen im Erleben von individuellen und kollektiven Traumatisierungen. Auch beschreibt sie unter anderem die Schwierigkeiten traumatisierter Personen, sich in die soziale, politische und kulturelle Welt einzufügen – angesichts von victim blaming und der Tatsache, dass die Mehrheit der Täter für ihr Verhalten keine Konsequenzen tragen muss. Sie betont deutlich, dass Überlebende eine starke innere Kraft besitzen und zeigt die Selbstheilungskräfte von Körper, Geist und Seele auf.

Während sich die Forschung glücklicherweise immer weiterentwickelt und immer wieder neue großartige Werke zum Thema Trauma veröffentlicht werden, gibt es manche Bücher, die zu Recht auch nach Jahrzehnten noch hochaktuell sind. Darunter auch ... trotzdem Ja zum Leben sagen von Viktor E. Frankl. Der 1997 in Österreich verstorbene Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien diktierte den Bericht über seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Dachau, der die Grundlage des Hörbuchs bildet, im Jahr 1946.

Während seine Frau, die Eltern und sein Bruder dort ermordet wurden und obwohl er unter menschenverachtenden Bedingungen leben musste, behielt der Psychologe einen distanziert-analytischen Blick bei. Er beschreibt die verschiedenen Phasen der Ankunft im KZ und betont: „Wir alle mussten Schritt für Schritt, Sekunde für Sekunde in das große Grauen im Lager eingeführt werden“. Er beschreibt auch, wie das Festhalten am Lebenssinn es einigen Gefangenen ermöglichte, die Befreiung des Lagers zu erleben.

Körperliche Züchtigungen und Missbrauch: Traumata in der Kindheit verändern, wie Menschen sich selbst und andere als Erwachsene wahrnehmen. Wie lebendig und zugehörig sie sich fühlen. Mit dieser Tatsache beschäftigen sich auch Oprah Winfrey und Bruce D. Perry in Was ist dein Schmerz?. Mit Alltagsbezug sprechen Psychiater Perry und Talkshow-Moderatorin, Schauspielerin und Unternehmerin Winfrey über aktuelle neurowissenschaftliche Forschungserkenntnisse – unter anderem über Neuroplastizität, also die Anpassungsfähigkeit des Gehirns, das sich unter Stress und im Angesicht von Trauma, aber auch im Zuge von Heilung verändert.

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