Glaub' ihm kein Wort: Der unzuverlässige Erzähler

20.05.16

Sie belügen uns nach Strich und Faden. Sie sind geisteskrank, drogenabhängig, naive Kinder oder bösartige Psychopathen. Manchmal kennen sie die Wahrheit selber nicht. Oder wollen sie um jeden Preis verbergen.

Seit Gone Girl und Girl On The Train sind unzuverlässige Erzähler die neuen Stars der Spannungsliteratur. Mit Die Witwe von Fiona Barton kündigt sich bereits der nächste Bestseller an. Zeit, dem Phänomen des unzuverlässigen Erzählers auf den Grund zu gehen.

Trailer zum Kinofilm “Gone Girl”

Der unzuverlässige Erzähler – Was ist das?

Wenn der Erzähler (NICHT der Autor!) einer Geschichte sich in Widersprüche verstrickt und man als Leser merkt, da stimmt doch was nicht, dann hat man es mit einem „unzuverlässigen Erzähler“ zu tun. Das ist kein neues Phänomen. Schon immer haben uns Protagonisten an der Nase herumgeführt, darunter Klassiker wie Till Eulenspiegel oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Literaturwissenschaftlich untersucht hat das zum ersten Mal Wayne Booth 1961 in „The Rhetoric of Fiction“.

Ein Lügner kommt selten allein

Bei einem unzuverlässigen Erzähler weichen was er sagt (oder denkt) und was er tut oft voneinander ab. Manchmal ist auch seine Wahrnehmung beeinträchtigt, und er tappt genauso im Dunkeln wie der Leser – man denke hier an den klassischen Gedächtnisschwund. Ein anderes Mal können wir den Erzähler einfach nicht für voll nehmen, weil es sich z.B. um ein Kind handelt oder um ein traumatisiertes Opfer. Der unzuverlässige Erzähler kommt auch nicht immer allein. Wenn mehrere Figuren die gleiche Geschichte völlig verschieden schildern, sind wir genauso verwirrt. Und herausgefordert: Was stimmt denn nun eigentlich?

Die Spannung steigt

Genau das macht unzuverlässige Erzähler so erfolgreich: Sie fordern uns heraus! Das gilt für Romane, ist aber besonders im Thriller-Genre effektiv. Wir möchten den Fall unbedingt lösen, wir möchten wissen, was zur Hölle jetzt WIRKLICH passiert ist, WER der Täter war! Ohne einen neutralen Erzähler an Bord sind wir selbst aufgefordert zu bewerten, zu interpretieren, zu urteilen. Wir werden zu Ermittlern im Clinch mit Zeugen, denen wir nicht über den Weg trauen können.

Dickes Ende. Großes Kino.

Geradezu soghaft laufen solche Thriller auf den Moment der Wahrheit zu – und meist ist das ein großer Twist, eine Wendung, die alles auf den Kopf stellt und uns (je nachdem, wie gut wir „ermittelt“ haben) aus den Socken haut oder zu einem lauten „Aha! Ich hab’s gewusst!“ hinreißen lässt. Diese Qualitäten hat auch Hollywood entdeckt. Der hohe Spannungsbogen, die undurchschaubaren Figuren und ihre Abgründe sind bestes Filmmaterial. Sie sprechen ein internationales Publikum an und sind die idealen Whodunits zum Miträtseln.

Ab 27. Oktober 2016 im Kino: “Girl On The Train”

Der weibliche Touch

Thriller mit unzuverlässigen Erzählern sind - besonders in der letzten Zeit - auffällig weiblich geprägt: Die Figuren sind häufig durchtriebene „Femmes Fatales“, geschrieben von Autorinnen. Das gilt auch fürs Zielpublikum: Diese komplexen, eher gewaltarmen Psychothriller sprechen vor allem Frauen an – und somit den größten Anteil der lesenden Bevölkerung überhaupt.

Warum ist das so? Warum hat besonders das zarte Geschlecht ein Faible für gerissene, gestörte, bitterböse unzuverlässige Erzähler? Vielleicht sind Frauen von Natur aus raffinierter. Vielleicht machen sie aus ihrer körperlichen Unterlegenheit eine geistige Überlegenheit. Oder vielleicht sind sie – provokant gesagt – ganz einfach die besseren Lügner. Wie seht ihr das?

10 Hörbücher, denen ihr nicht trauen dürft!

The Woman in the Window: Was hat sie wirklich gesehen?

Autor:
A. J. Finn
Sprecher:
Nina Kunzendorf
Spieldauer:
10:48 Std.

Anna Fox lebt allein. Ihr schönes großes Haus in New York wirkt leer. Trotzdem verlässt sie nach einem traumatischen Erlebnis ihre Wohnung nicht mehr. Anna verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, zu viel zu trinken - und ihre Nachbarn durchs Fenster zu beobachten. Bis eines Tages die Russels ins Haus gegenüber einziehen - Vater, Mutter und Sohn. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben, vor allem, als die neue Nachbarin sie besucht

Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Überfalls. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor nicht, das Haus zu verlassen. Die Panik holt sie ein. Ihr wird schwarz vor Augen. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Angeblich ist nichts passiert…

Shutter Island

Autor:
Dennis Lehane
Sprecher:
Oliver Rohrbeck
Spieldauer:
7:49 Std.

Wahnvorstellung oder Realität? Shutter Island erzählt die Geschichte des US-Marshalls Edward Daniels und seines Partners Chuck, die auf der Insel Shutter Island das spurlose Verschwinden einer geistesgestörten Kindermörderin aus einer Zelle eines psychiatrischen Spezialgefängnisses untersuchen sollen. Während der Ermittlungen verdichtet sich der Verdacht, dass in dem Gefängnis verbotene Experimente an den Insassen durchgeführt werden. Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu und es kommt zu einem unerwarteten Finale.

Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

Autor:
S. J. Watson
Sprecher:
Tanja Geke
Spieldauer:
13:1 Std.

Jeden Abend verliert sie ihr Gedächtnis."Es ist wie sterben, jeden Tag. Immer und immer wieder." Ohne Erinnerung sind wir nichts. Stell dir vor, du verlierst sie immer wieder, sobald du einschläfst. Dein Name, deine Identität, die Menschen, die du liebst - alles über Nacht ausradiert. Es gibt nur eine Person, der du vertraust. Aber erzählt sie dir die ganze Wahrheit?

Raum

Autor:
Emma Donoghue
Sprecher:
Matthias Brandt
Spieldauer:
6:28 Std.

Ein Kind versteht seine (grausame) kleine Welt noch nicht. Auch seinen fünften Geburtstag feiert Jack in Raum. Raum hat eine immer verschlossene Tür, ein Oberlicht und misst vier mal vier Meter. Dort lebt der Kleine mit seiner Mutter. Dort wurde er auch geboren. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine "Freunde", die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind - echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen…

Fenster zum Tod

Autor:
Linwood Barclay
Sprecher:
Frank Arnold
Spieldauer:
7:17 Std.

Schizophrener Augenzeuge. Thomas Kilbride hat ein Problem: Als er an seinem Computer einen virtuellen Spaziergang durch Manhattan unternimmt, sieht er plötzlich im Fenster eines Hauses einen Menschen, über dessen Kopf eine Plastiktüte gestülpt ist. Erinnerungen werden in ihm wach an etwas ähnliches, das er vor Jahren erlebt hat: Ein Junge, am Fenster stehend, verängstigt und wehrlos. Thomas will der Sache auf den Grund gehen. Doch vielleicht hat er sich auch alles nur eingebildet? Schließlich leidet er an Schizophrenie…

Elizabeth wird vermisst

Autor:
Emma Healey
Sprecher:
Katharina Thalbach
Spieldauer:
11:16 Std.

Wer glaubt einer dementen alten Dame? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen keiner mehr glaubt? Und Sie nicht mehr sicher sind, ob Sie sich selbst noch glauben können? Genauso ergeht es Maud, die an Alzheimer leidet - und die ihre Freundin vermisst. In diesem faszinierenden Roman machen wir uns gemeinsam mit Maud auf die Suche nach der verschwundenen Elizabeth und erleben dabei hautnah, wie hilflos und verletzlich Maud sich selbst und ihrer Umwelt gegenübersteht.

Girl on the Train: Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich

Autor:
Paula Hawkins
Sprecher:
Britta Steffenhagen, Rike Schmid, Christiane Marx, Gabriele Blum
Spieldauer:
12:3 Std.

Zeugin mit Filmriss. Ab Oktober auch im Kino! Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen - wie es scheint - ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht. Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau - daneben ein Foto von "Jess".

Gone Girl: Das perfekte Opfer

Autor:
Gillian Flynn
Sprecher:
Christiane Paul, Matthias Koeberlin
Spieldauer:
17:36 Std.

Der Trendsetter! Hat Nick seine Frau Amy getötet? "Was denkst du gerade, Amy? Das habe ich sie oft gefragt. Was denkst du? Wie geht es dir? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt?" Genau das fragt sich Nick Dunne an diesem sonnigen Morgen seines fünften Hochzeitstages, als seine Frau spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sofort Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Die Polizei findet immer mehr Indizien, die Nick belasten. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?

Eisige Schwestern

Autor:
S. K. Tremayne
Sprecher:
Vera Teltz
Spieldauer:
10:25 Std.

Wurde der falsche Zwilling begraben? Ein Jahr nachdem die sechsjährige Lydia durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, sind ihre Eltern Sarah und Angus psychisch am Ende. Um neu anzufangen, ziehen sie zusammen mit Lydias Zwillingsschwester Kirstie auf eine atemberaubend schöne Privatinsel der schottischen Hebriden. Doch auch hier finden sie keine Ruhe. Kirstie behauptet steif und fest, sie sei in Wirklichkeit Lydia, die Eltern hätten den falschen Zwilling beerdigt.

Die Witwe

Autor:
Fiona Barton
Sprecher:
Andrea Sawatzki, Dietmar Wunder, Tanja Geke, Uve Teschner, Monika Oschek
Spieldauer:
10:49 Std.

Ein Hörbuch-Bestseller aus UK! Jean Taylor führt ein ganz normales Leben in einer englischen Kleinstadt: Sie hat ein hübsches Haus und einen netten Ehemann. Glen und sie führen eine gute Ehe. Dann kommt der Tag, der alles ändert: Sie nennen Glen jetzt das Monster. Er soll etwas Unsagbares getan haben. Und Jeans heile Welt zerbricht. Jetzt liegt Glen auf dem Friedhof, und Jean ist frei. Frei, das Spiel endlich nach eigenen Regeln zu spielen.

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Neben den Klassikern des unzuverlässigen Erzählens, Fight Club und Die üblichen Verdächtigen, bewegen sich allerdings auch einige geschlechterkritische Werke der LGBT-Literatur, die im 'unzuverlässigen Erzählen' einfach ein subversives Potenzial sehen.


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