Heimliches Vergnügen: Verbotene Bücher

Verbotene Bücher
11.11.19

Zensur! Diese verbotenen Bücher waren politischen Regimen, staatlichen Institutionen und religiösen Gruppen ein Dorn im Auge. Wer da nicht in Versuchung kommt …

Seit die Menschen Bücher schreiben, verbieten oder zensieren sie auch einzelne Publikationen. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich. Politische Regime wollen ihre Ideologien vor unliebsamen Kritikern bewahren. Religiöse Institutionen versuchen Leser von „sündhaften“ Inhalten fernzuhalten. Kinder und Jugendliche sollen vor besonders detaillierten Gewalt- und Sexszenen geschützt werden. Ob es nun um verwerfliche Liebesbeziehungen geht oder um die Gewaltexzesse eines psychopathischen Wallstreet-Brokers – das Verbotene hat immer eine ganz besondere Anziehungskraft.

Verbotene Versuchung: Der Index der katholischen Kirche

Bereits die Machthaber in der Antike versuchten „schwierige“ Schriften aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Mitte des 15. Jahrhunderts erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck und revolutionierte damit die Publizistik. Geschriebenes konnte nun relativ kostengünstig und in großer Stückzahl verbreitet werden. Darunter auch Werke, die Kritik an der katholischen Lehre üben oder „sündhafte“ Geschichten erzählen. Deswegen rief die Kirche den Index Librorum Prohibitorum, kurz Index Romanus, ins Leben. Dort waren zwischen 1559 und 1962 alle Bücher aufgelistet, die Leser angeblich zum Sünder machen. Die letzte Ausgabe zählte um die 6.000 Titel, darunter Werke von namhaften Dichtern und Denkern wie Heinrich Heine, René Descartes, Immanuel Kant und Victor Hugo.

Hugos Les Misérables wurde 1864 auf den Index gesetzt. Erst Ende der 1950er Jahre gab die katholische Kirche Hugos (1802 – 1885) Werk zum Druck frei – allerdings mit Fußnoten. Diese kommentieren alle Äußerungen, die nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen. In Kapitel 4 beispielsweise meint die Figur Bischof Myriel: „Irre, gib der Versuchung nach, sündige, aber sei gerecht“. In der dazugehörigen Fußnote steht: „Ein allzu bequemer und kompromißbereiter Standpunkt, der mit katholischer Morallehre nichts gemein hat.“ Auch Der Glöckner von Notre-Dame landete auf der Liste verbotener Bücher. Doch die Zensur an Hugos Werken hatte nicht nur moralische Hintergründe. Als Gegner der absolutistischen Monarchie wurde Hugo unter Napoleon III. von 1851 bis 1870 aus Frankreich verbannt. Mit dem Verbot seiner zwei erfolgreichsten Romane half die Kirche, die den Monarchen stützte, Napoleons Widersacher mundtot zu machen. Noch in seinem Testament äußert Hugo seine Verachtung gegenüber der Religion:

„Ich verbitte mir die Leichenrede irgendeiner Kirche.“

Victor Hugo

In die Riege der Kirchenkritiker reiht sich auch Immanuel Kant (1724 – 1804) ein, der zur Zeit der Aufklärung an die Vernunft der Menschen appellierte. Über die Religion schrieb er:

„Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch zu thun können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.“

Immanuel Kant

Sein Hauptwerk Kritik der reinen Vernunft wurde allerdings erst 46 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung auf den Römischen Index gesetzt. Offenbar brauchten selbst die Geistlichen einige Anläufe, um Kants komplexe Aussagen wirklich zu verstehen.

Neben sexuell freizügigen und kirchenkritischen Inhalten wurden später auch faschistische und nationalsozialistische Inhalte indiziert. Hitlers Mein Kampf von 1934 blieb davon interessanterweise verschont. Papst Johannes Paul VI schaffte den Römischen Index 1965 ab. Die Prüfung der Titel könne bei der Flut an neuen Veröffentlichungen nicht mehr geleistet werden. Außerdem will sich die katholische Kirche konstruktiver mit modernen Werken und Medien auseinandersetzen. Allerdings bleiben auch Bestsellerautoren der heutigen Zeit nicht vor kirchlicher Kritik verschont. Anhänger verschiedener christlicher Gruppen in Amerika warnen sowohl vor Dan Browns Sakrileg als auch vor der Harry Potter-Reihe von J. K. Rowling.

NS-Zensur: Die Bücherverbrennung von 1933

Die umfangreichste und schrecklichste Zensuraktion in Deutschland war die „Aktion wider den undeutschen Geist“. Sie begann im März 1933, kurz nach der Machtergreifung durch das nationalsozialistische Regime. Dabei wurden jüdische, marxistische und pazifistische Schriftsteller systematisch verfolgt. Höhepunkt waren die öffentlichen Bücherverbrennungen in 22 deutschen Städten, darunter in Berlin und München. Dabei wurden zehntausende Werke von Autoren wie Bertolt Brecht, Franz Kafka und Erich Kästner vernichtet.

Franz Kafka (1883 – 1924) stand – wie alle jüdischen Autoren – auf der verbotenen Liste. Heute gehört sein Roman Die Verwandlung zu den literarischen Klassikern. Für seinen unverkennbaren, surreal-absurden Schreibstil wurde sogar ein neues Wort erfunden: kafkaesk. Botschaften oder Aussagen zur damaligen Politik trifft Kafka in seinen Arbeiten nicht.

Ganz anders Bertolt Brecht (1898 – 1956): Mit seiner Dreigroschenoper feierte er einen der größten Theatererfolge der Weimarer Zeit. Doch schon vor Hitlers Machtergreifung 1933 wurden er und seine Theaterstücke wegen seiner offen kommunistischen und antifaschistischen Haltung von den Nationalsozialisten attackiert. Deswegen floh er nach dem Reichstagsbrand zusammen mit seiner Familie ins Ausland und lebte bis nach dem Krieg im Exil. Unter dem NS-Regime waren seine Werke verboten.

Auch das Kinderbuch Pünktchen und Anton von Erich Kästner (1899 – 1974) wurde, zusammen mit all seinen Werken, 1933 verbrannt. Eine Ausnahme gab es: Emil und die Detektive überlebte die „literarische Säuberung“. Kästner war als einziger Autor dabei, als seine Bücher in Flammen aufgingen. Als einer der wenigen regimekritischen Schriftsteller wanderte Kästner nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht aus. Er wollte als Zeitzeuge alle Geschehnisse im Dritten Reich dokumentieren. Unter Pseudonym schrieb er weitere erfolgreiche Werke, darunter für Theater und Film.

Kästner und andere Helden des Humanismus: Unsterbliche Kinderbuchautoren.

Sex, Drugs and Psychos: Verbotene Bücher nach 1950

Heute werden Bücher vor allem wegen gewaltverherrlichender, hassstiftender oder pornografischer Inhalte zensiert. Zum Schutz der Jugend gibt es seit 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Die dort gelisteten Titel dürfen nur Erwachsene kaufen und es gibt besonders strenge Werbe- und Vertriebsrichtlinien. Der Index ist nicht öffentlich zugänglich. Denn Verbotenes ist immer verlockend. Das beweist der Roman Venus im Pelz. Das Buch von Leopold von Sacher-Masoch erschien 1870 ohne großen Wirbel. Erst als es die BPjM 1958 als jugendgefährdend einstufte, erlangte der Roman wieder Aufmerksamkeit.

Ebenso wie die Sadomaso-Beziehung zwischen Anastasia Steele und Christian Grey aus der Shades of Grey-Trilogie sorgte 1955 der Roman Lolita von Vladimir Nabokov für Aufregung. Die dort beschriebene pädophile Liebe eines Literaturwissenschaftlers zu seiner 12-jährigen Stieftochter ging vielen zu weit. Die amerikanischen Verlage lehnten das Manuskript von Anfang an ab: Der Roman verharmlose die sexuelle Misshandlung von Kindern. Das Buch erschien schließlich beim französischen Verlag Olympia Press. Der britische Autor Graham Greene lobte das Buch in der „The Sunday Times“. Redakteur John Gordon von „The Sunday Express“ meinte darauf, es wäre das „dreckigste Buch“, das er je gelesen habe. Wegen der großen Kontroverse und medialen Aufmerksamkeit wuchs das Interesse an „Lolita“ enorm. Nach einer polizeilichen Durchsuchung bei Olympia Press wurde es dem Verlag verboten, bis 1958 überhaupt irgendetwas zu veröffentlichen. In der Sowjetunion drohte jedem, der ein Buch von Nabokov besaß, das Straflager. In Deutschland war Lolita frei verkäuflich. Allerdings weigerten sich etliche Buchhandlungen und Büchereien, den Roman anzubieten.

Skandal, Skandal! Erotische Literatur gestern und heute.

Auch der russische Schriftsteller Boris Pasternak konnte seinen Roman Doktor Schiwago nicht in seinem Heimatland veröffentlichen. Der Protagonist verzweifelt an der menschenverachtenden Grausamkeit der Russischen Revolution und entsprach damit nicht dem Ideal des Sozialistischen Realismus. Deswegen erschien das Buch 1957 zunächst in einer übersetzen Fassung bei einem italienischen Verlag. Pasternak sollte für sein Werk der Nobelpreis verliehen werden. Dafür musste Doktor Schiwago allerdings in der Originalsprache erscheinen. Die CIA schaltete sich ein und sorgte dafür, dass 1958 russischsprachige Ausgaben auf der Brüsseler Weltausstellung verteilt wurden. Offiziell wurde das Buch erst 1988 in der Sowjetunion veröffentlicht. Die Autorin Lara Prescott hat die filmreife, wahre Geschichte zu einem Roman verarbeitet, der als aufregendstes Debüt dieses Bücherherbstes gehandelt wird.

Alles, was wir sind

Autor:
Lara Prescott
Sprecher:
Vera Teltz
Spieldauer:
11:04
Typ:
Ungekürztes Hörbuch

1991 erschien Bret Easton EllisAmerican Psycho. Wer nur den Film gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, welch menschenverachtendes Grauen Ellis in diesem Roman beschreibt. Unter scheinbar unschuldigen Kapitelüberschriften wie „Girls“ lebt der New Yorker Yuppie Patrick Bateman seine blutrünstigen Sex- und Gewaltfantasien aus. Grausamkeiten, für die nur Bret Easton Ellis Worte findet. Bereits vor der Veröffentlichung kritisierten Frauenorganisationen den Inhalt des Romans. Viele amerikanische Bibliotheken versuchten gegen „American Psycho“ vorzugehen. Das Buch wurde in Amerika allerdings nie verboten. In Deutschland stand der Roman von 1995 bis 2001 auf der schwarzen Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Heute ist das Buch wieder frei verkäuflich.

Verboten gut: Klassiker der Literatur

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