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Von Geeks und dem Mainstream

Von: Gast
13.03.2013

Ghostbuster-FansFans als Ghostbusters verkleidet auf der FedCon © Susanne Döpke / Future Image
Der Geek ist im Mainstream angekommen! Oder hat der Mainstream den Geek entdeckt? Will der Geek Mainstream sein? Oder hat der Mainstream einfach nur Lust, ein bisschen geekiger zu werden? Auf den ersten Blick scheint die Fragestellung nicht so wichtig. Den Geek freut es, wenn Paramount einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand nimmt, um einen neuen Star Trek-Film in die Kinos zu bringen, das Mainstream-Publikum freut sich, weil es einen Film mit echten Schauwerten geboten bekommt. Neudeutsch nennt man das eine Win-Win-Situation. Beide Seiten gewinnen.

Von Sonderlingen zu Serienstars Oder geht es in Wahrheit gar nicht darum, dass Geeks und Normalos sich einfach freundlich annähern? Es ist noch gar nicht lange her, dass der Geek als versponnener Sonderling galt. Wer Begriffe wie lissepianischer Frachtercaptain ohne einen Knoten in die Zunge zu bekommen aussprechen konnte, oder Diskussionen darüber führte, ob die Studioeinrichtung des heute-journal nicht verdächtig Captain Picards Brücke ähnelt, wurde von der Mehrheitsgesellschaft meist mit einem Lächeln bedacht. Ob Freunde des Star-Trek-Kultes, der Comic-Kultur, der Science Fiction, der Phantastik, des Rollenspiels, des Videogames oder des Mittelalters: Wer sich als Geek zu erkennen gab, wusste, dass er innerhalb der Mehrheitsgesellschaft schnell auf Unverständnis stößt. Dass Fußballfans, die sich in ihre Fankluft werfen, im Grunde ihres Herzens auch nur Geeks sind… Dieses Argument wurde ebenso oft bemüht wie es von der Mehrheit einfach vom Tisch gefegt wurde.

Seit geraumer Zeit aber erlebt das Geektum eine erstaunliche Aufwertung. Eine TV-Serie wie The Big Bang Theory etwa ist ein riesiger Erfolg, obschon die Hauptfiguren im Vergleich zu den Charakteren klassischer Sitcoms wie Friends wie Marsianer wirken. Nachdem in den letzten Jahren viele Buchhandlungen Science Fiction und Fantasy in die hintersten Ecken verbannten – findet man neuerdings wieder ordentlich gepflegte Regale. Der hoch angesehene Literaturkritiker Denis Scheck echauffierte sich erst kürzlich in einem wunderbaren Gastkommentar in der Stuttgarter Zeitung über die Ignoranz des Feuilletons gegenüber der Phantastik .

Goldgrube Geektum Erstaunlich: Obwohl der Mainstream das Geektum entdeckt, passt dieser sich eher der Geek-Kultur an, als andersherum. In der Musik sagte man früher: Wenn etwas im Mainstream ankommt, ist es (künstlerisch) tot. Das geschieht im Geektum jedoch nicht. Nehmen wir noch einmal die Plattenindustrie als Beispiel: Hatte ein kleines Label einst Erfolg, wurde es von einem großen Konzern geschluckt. Dieser ließ das Label dann aber nicht in seinen gewohnten Strukturen weitermachen, sondern krempelte den Laden um, bis von dem, was den Erfolg einst ausmachte, nichts mehr übrig blieb.

Wenn etwas erfolgreich ist – warum kaufe ich es dann und verändere seinen Gehalt? Ich kaufe es doch, weil es so, wie es ist, erfolgreich sein soll. Ein schönes Beispiel für einen gelungenen Kauf: Die Übernahme von Marvel Films durch Disney. Hat irgendjemand wirklich bemerkt, dass Marvels Filmchef seit einigen Jahren Micky Maus ist? Nein, Marvel Films macht einfach so weiter wie vorher auch. Nur, dass es wohl kaum einen effizienteren Verleiher als Disney geben dürfte – mit einem weltweiten Vertriebsnetz auf allen Ebenen, die ein Medienkonzern bieten kann. Und damit wären wir zurück am Anfang: der Frage danach, worauf das plötzliche Interesse des Mainstreams am Geektum zu erklären ist? Um es kurz zu machen: Es geht ums Geld.

[caption id=“attachment_21167” align=“alignleft” width=“200” caption=“J.J. Abrams © Tschiponnique Skupin / Future Image”][/caption]

Natürlich freuen wir uns als Geeks, wenn J.J. Abrams zu einem mächtigen Mann in Hollywood aufsteigt, denn schließlich ist er einer von uns! Ob man nun jede Wendung in Lost goutieren mochte oder bei Alias irgendwann nicht mehr auseinanderhalten konnte, wer wessen verwitweter Schwippschwagercousin war: Er hat Konzepte durchgezogen, die jenseits des Mainstreams entstanden – und dennoch auch beim normalen Publikum bestehen konnten. Er hat Normalos zu Fans gemacht. Dass J.J. Abrams nach zwei „Star Trek“-Filmen nun auch den ersten neuen Star Wars-Film inszeniert, hat wenig damit zu tun, dass Micky Maus ein Fan von „Star Trek“ wäre. Micky Maus will Geld verdienen. Womit wir wieder bei der Geek-Kultur wären.

Eine kaufkräftige Zielgruppe Der Geek ist nicht nur Fan. Der Geek ist – aus Sicht der Konzerne – vor allem ein Konsument. Kein Geek käme auf die Idee 178 Episoden Star Trek - The Next Generation (TNG) in DVD-Qualität aus dem Netz zu saugen. Der Geek kauft sich die DVD-Gesamtbox und stellt sie sich ins Wohnzimmerregal, um danach natürlich auch nach und nach die Blu-Ray-Edition zu erstehen. Der Geek kauft ergänzend zu seiner Lieblingsserie Comics, das PC-Game, Romane oder Hörbücher . Der Geek ist – ganz klassisch gesprochen - ein Fan. Und ebenso, wie der Fan von Borussia Dortmund niemals das gefälschte BVB-Trikot aus Italien für acht Euro anziehen würde, sondern brav seine 45 Euro auf den Tresen des Fanshops legt, hegt der Geek eine aufrechte Treue zu seinen Leidenschaften.

Wenn die Normalos geekiger werden, ist dies im Interesse der Medienindustrie. Nach Jahren des Darbens etwa durch illegale Downloads – hat sie den Geek als Vorbild für den treuen Konsumenten entdeckt. Sie hegt ihn, sie pflegt ihn – und lässt ihn sympathisch wirken. Auf dass der Mainstream sich am Geek und seinen Idealen orientiert!

Markus Rohde ist Geek seit Anbeginn seiner Zeit - so ist er natürlicherweise Chefredakteur beim gleichnamigen Magazins Geek! im Panini Verlag. Er betreut zudem als leitender Redakteur des Cross-Cult-Verlags die dort erscheinenden Star-Trek-Romane. Wir danken ihm für diesen Gastbeitrag!

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