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Was ist eigentlich Chick Lit?

05.08.2011

Neulich rief mich meine Mutter an:

„Sag mal, du kennst dich doch aus – du machst doch solche Sachen?“

„Was für Sachen?“ frage ich zurück.

„Na Bücher! Du kennst dich doch aus, oder nicht?“

„HÖRbücher, Mama. Wir machen HÖRbücher.“

„Eben. Deswegen wirst du dich doch sicher auskennen.“

Immer, wenn meine Mutter ein Gespräch mit „du kennst dich doch aus“ beginnt,  ahne ich nichts Gutes.

Irgendwie hat meine Mutter ein grenzenloses Vertrauen in mich und das, was ich manchmal so erzähle. Das war schon immer so. Als ich aus meiner allerersten Ballettstunde kam und ihr zu Hause die 10 Ballettpositionen vortanzte (obwohl es nur fünf gibt, die man mühevoll erlernen muss), war sie so stolz auf mich, dass sie bei der nächsten Stunde erklärte, meine Ballettlehrerin könne mich eine Klasse höher einstufen, die ersten 10 Positionen hätte ich schon drauf.

Oder damals im Germanistik-Studium: Ab dem ersten Semester schickte meine Mutter mir die komplette halbwüchsige Nachbarschaft mit der Bemerkung: „Die sind so jung und hilflos und suchen dringend einen Job. Kannst du ihnen nicht ein Bewerbungsschreiben erstellen, mit dem sie überall angenommen werden? Du machst doch jetzt so was, du kennst dich doch mit Sprache aus.“

Da haben wir es wieder, das alte Phänomen:

„Das hat meine Tochter gesagt und die muss es ja wissen. Die macht ja solche Sachen!“

„Worum geht es denn?“ frage ich jetzt vorsichtig.

Darauf hat Mama gewartet: „Chick Lit“ – hast du das schon mal gehört?“

„Ja klar“ – antworte ich schnell. Sehr gut, das ist sicheres Terrain, da kenne ich mich aus, denke ich.

„Also dann erkläre mir mal, was genau das eigentlich ist?“

„Ja, also das ist Frauenliteratur – ich würde mal sagen, witzig geschrieben, häufig aus der Ich-Perspektive und es geht um Themen wie Männer, Klamotten, Shoppen, eben Life-Style und das Leben einer Frau in der heutigen Zeit.“

„Aha.“ Mama klingt noch nicht zufrieden.

„Und was ist nun der Unterschied zwischen dieser „junge Hühnchen Literatur“ und Literatur für reife und erwachsene Frauen?“

Wie meint sie das? Ich überlege kurz, nicht, dass ich mich hier in ein Fettnäpfchen setze.

„Na ja“, beginne ich schon etwas vorsichtiger „vielleicht liegt der Unterschied in der Themenwahl – die Frauencharaktere in der Chick Lit  sind häufig irgendwo zwischen dreißig und vierzig, auf der Suche nach dem Mann fürs Leben oder dem Job fürs Leben , sie wollen ein Kind aber keinen Mann oder umgekehrt oder sie wollen alles zusammen. Meistens verstricken sie sich auf der Suche nach allem in ihren eigenen Lebensvorstellungen und es wird etwas turbulent. Dabei lösen sie ihre Probleme mit viel Witz und Charme, oder die Probleme lösen sich ganz von selbst. Halt gute Laune Literatur für Frauen!“

„Hm“, macht Mama, „auf der „Suche nach allem“ war die Frau in „Eat-Pray-Love“  auch – ist das dann Chick Lit?“ Irgendwie klingt Mama komisch. Warum interessiert sie sich plötzlich so sehr für Chick Lit? Ich dachte immer sie mag mehr historische Romane, Reiseromane oder Krimis.

„Eat Pray Love“ ist eher keine „Chick Lit“, Mama“,  sage ich selbstbewusst, irgendwie bin ich mir da sicher, aber so richtig erklären kann ich es nicht.

Männer und andere Katastrophen“ oder  „Für jede Lösung ein Problem“ oder „Aus Versehen verliebt“ so was alles, das sind alles Chick Lit Romane. Es geht darin um Betrug, um Lügen und Intrigen und so – aber alles eher leicht und nicht so dramatisch wie in einem Nicholas Sparks Roman zum Beispiel.

„Nicholas Sparks Romane SIND nicht dramatisch, sondern schön.“

„Ja, Mama.“

„Die anderen Romane sagen mir nichts. Du erzählst ja nie was, wenn du zu Hause bist.“

Oh nein, jetzt nicht diese „Du erzählst ja nie was - Diskussion“!

Gott sei Dank fällt mir schnell das Paradebeispiel für Die Chick Lit schlechthin ein: „Erinnerst du dich an „Schokolade zum Frühstück – Das Tagebuch der Bridget Jones“?“

„Ja natürlich. Das war doch ein so wunderbarer Film. Mit diesem Darcy!“

„Genau. Das zum Beispiel ist so in etwa der Anfang der modernen Chick Lit: Eine Frau über dreißig berichtet aus ihrem Leben mit all den großen und kleinen Problemen- manchmal sehr komisch, manchmal traurig und manchmal verträumt. Eben eine Frau auf der Suche nach dem Glück!“

„Nach dem Glück? Na das klingt doch gar nicht so schlecht. Und du bist sicher, dass das nicht in so eine Sex-Richtung geht? So was macht ihr doch auch, oder?“

„Wir machen nicht in so eine Sex-Richtung, sondern wir machen Fantasy Romance.“

„Und ihr macht Krimis mit viel Sex.“

„Du meinst Romantic Thrill?“

„Wie auch immer. Das ist dann keine Chick Lit?“

„Nein. Das sind Fantasy Romance Hörbücher und Romantic Thrill Hörbücher. Das ist etwas ganz anderes.“

Ich atme innerlich tief durch und bleibe ruhig und gelassen.

„Mama, warum willst du all das über Chick Lit eigentlich wissen?“

„Weil ich neulich bei den Beckers mit Renate in der Küche saß und wir uns ganz normal unterhielten. Über unsere Ebay-Kleinanzeigen Einkäufe, über die Groupon Gutscheine und wie schwierig es manchmal ist, sie einzulösen, und über die Scheidung von den Lüttchens. Wusstest du das eigentlich? Das ist ja ganz schrecklich gelaufen, das will man alles gar nicht glauben.“

Mama kommt in Fahrt, denke ich und sehe auf die Uhr.

„Peter Lüttchen soll ja angeblich seine Frau schon jahrelang betrogen haben und jetzt ist er Hals über Kopf mit einer ganz Jungen durchgebrannt. Sie soll ein Model sein. Seine Frau Hannelore hat daraufhin Rache geschworen und jetzt läuft die wiederum mit einem Franzosen – Gérard  oder Gérome oder so - durch die Gegend, der mindestens 10 Jahre jünger ist als sie.“

„Und?“

„Wir plauderten also gerade über dies und das und da kam Klaus, Renates Sohn, mit seiner Freundin rein, ein süßes Ding sage ich dir! Unglaublich hübsch, aber frech wie nur was!“

„Und?“ langsam werde ich ungeduldig.

„Da sagt diese Freundin zu uns, wir würden uns genau so anhören wie zwei Frauen aus einer Chick Lit. Dabei sah sie vor allem mich an und grinste frech. So ein Luder!“

„Aber Mama, das ist doch nicht schlimm.“ Ich seufze innerlich.

„Das Beste kommt ja noch! Ich wollte von ihr wissen, wen genau sie denn damit meinte und sie sagte: Sie hören sich irgendwie an wie Irina von Bentheim, wenn sie Mütter-Frauen in einer Chick Lit spricht.“

„Das ist doch ein nettes Kompliment.“ So ganz verstehe ich die Aufregung immer noch nicht.

„Hast du mal nachgesehen, was Irina von Bentheim liest?“

„Na klar! Irina ist eine bekannte Synchronsprecherin. Sie liest großartig Hörbücher, das solltest du dir echt mal anhören, Mama.“

Vögelfrei???“ Autsch. Das war mein Ohr.

„Oder diesen anderen schlimmen Titel? Ich bitte dich!“ Mama klingt wieder etwas aufgebrachter. „Du hast doch gesagt Chick Lit hätte mit Sex nichts zu tun!“

„Vögelfrei“ hat ja auch nichts mit … äh, ich meine Chic Lit hat ja auch nichts mit Sex zu tun. Oder wenig.“

Ich denke nach, was diese junge Freundin von Klaus Becker vielleicht gemeint haben könnte. Mir fällt nur eins ein:

Hilfe ich bin reich!“ - Das ist neu bei uns, gelesen von Irina von Bentheim, geschrieben von Kim Schneyder. Das ist tatsächlich Chick Lit – das hat sie bestimmt gemeint, Mama.“

„Und was passiert da so?“ fragt Mama schon etwas ruhiger.

„Da geht es um einen Lottogewinn, wirklich witzig geschrieben und super gesprochen. Ich kann mir vorstellen, das würde dir gefallen!“

„Ein Lottogewinn? Wie nett! Klingt gut.“

Und dann kommt dieser Satz, dieser Satz, den ich ihr einfach nicht abgewöhnen kann und der mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

„Schenkst du mir das auf CD, mein Schatz? Das wäre schön!“

Ich schließe die Augen und sage leise, „Ich versuche es Mama, ich versuche es.“